Band-Nachruf : Oasis: Die Manchester-Machos

Vor 15 Jahren sahen sich Oasis als "größte Band der Welt". Nun ist die Band der Gallagher-Brüder Geschichte. Dass das Aus zum gleichen Zeitpunkt kommt, in dem Labour in England vor dem Aus steht, ist bestimmt kein Zufall.

Kai Müller
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Entzweit. Noel Gallagher (links) und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Liam. -Foto: Zak Hussein/PA Wire

„Immer voll aufeinander los. Immer. Alle beide“, schreibt Oasis-Biograf Paolo Hewitt und meint „Noel und Liam, Liam und Noel. Die Gallagher-Brüder. Ob dieses Gerangel um die Oberhand je aufhören wird?“ Jetzt wissen wir es. Denn Noel Gallagher ist aus der Band ausgestiegen. Und wenn sich diese Trennung wie eine Todesmeldung liest, dann hat das nicht nur mit den dramatischen Umständen zu tun, unter denen sie erfolgt, sondern auch mit dem Verlust für die Popkultur, den das Ende dieser einst „größten Band der Welt“ bedeutet.

Es ist 15 Jahre her, da beanspruchten die beiden irischstämmigen Burschen aus einem Arbeiterviertel von Manchester diesen Titel für sich. Kurz zuvor hatte Noel noch als Roadie gearbeitet. Dann sah er seinen fünf Jahre jüngeren Bruder auf der Bühne, schloss sich dessen Band an, schrieb fortan sämtliche Songs und hatte auch sonst in allem das Sagen.

Das Debütalbum „Definitely Maybe“ läutet 1994 eine Zeitenwende ein. Denn es verleiht den destruktiven Sehnsüchten einer vom Grunge tief verunsicherten Jugend eine überraschend neue Grandiosität. Statt sich selbst umzubringen, wie es Kurt Cobain im selben Jahr tat, raten Oasis zur Offensive: „I live my life for the stars that shine/ People say it’s just a waste of time/ When they said I should feed my head/ That to me was just a day in bed“, bedient Sänger Liam das gängige Slacker-Ideal des Herumhängens, um dann mit der Pointe zu kommen: „In my mind my dreams are real ... tonight I’m a rock ’n’ roll star“. Zu diesem Schlachtruf zog es eine ganze Generation in den Ego-Rausch. Es gibt kein glänzenderes Versprechen der Popmusik, als alles für möglich zu halten. Selbst, dass die eigene Durchschnittlichkeit zur heroischen Statur wird.

Das ist die Antwort der britischen Arbeiterklasse auf das suizidale Selbstmitleid amerikanischer Mittelschichtskids, das durch Beck ebenfalls 1994 mit der Zeile „I am a loser, baby, why don’t you kill me“ seinen Höhepunkt findet. Oasis sind das Killer-Kommando, überwältigend vom ersten Ton an, Liams Stimme ohne jegliches Gezeter, die E-Gitarren, laut, klar und so präsent, dass noch Jahrzehnte später das Pathos von Stadionhymnen wie „Wonderwall“, „Don’t Look Back In Anger“ und „The Masterplan“ nachhallt. Zwei Platten in zwei Jahren katapultieren Oasis Mitte der Neunziger auch kommerziell in den Pop-Olymp und brechen die amerikanische Vormachtstellung. Wobei sie es fertigbringen, ihre kraftvollen Songs aus dem Erbe der Beatles und der Stones zu drechseln. Die goldene Rezeptur des Britpop ist gefunden. So hört sich der Stolz der Gosse an.

Für die Stimmung, in der sich England am Vorabend des Wahlsieges von Tony Blair befand, ist Oasis der musikalische Katalysator. Starrsinnig, roh und vulgär wie die alte, immer wieder geschlagene Labour-Partei, aber auch von verführerischer Eleganz, pragmatisch und markenbewusst wie Blairs Vision einer New Labour-Politik. Dank Oasis können junge Männer nun schlau über Filme daherreden als auch Fußball wichtig finden. Und die Trainingsjacken-Machos überwinden den Graben zwischen bürgerlichem und proletarischem Lager, den auch der künftige Premierminister nivelliert. Noel Gallagher lässt sich nach dem Triumph Blairs bei Partys in der Downing Street als Gefolgsmann präsentieren. Und übersieht, wie schnell er selbst und auch der Labour-Chef aus der Mode kommen. Bald stehen Oasis so da wie ein Versprechen auf Besserung, die sich nicht einstellt.

Dass sie ihr schnell verdientes Geld mit Drogen verpulvern, sich Dauerfehden mit anderen Bands liefern und ihr Talent 1997 an das mittelmäßige Album „Be Here Now“ verschwenden, macht Oasis nicht beliebter. Eben war es noch ihr größter Vorzug, das reine Gefühl zu verkörpern, während ihre intellektuellen Britpop-Kollegen sich in ambitioniertem Kunstrock verzetteln. Nun demonstrieren sie in Interviews und bei Konzerten nur, wie gleichgültig ihnen alles ist.

Nach dem kreativen Durchhänger, der erst 2005 mit dem Album „Don’t Believe The Truth“ zu Ende geht, findet sich Noel damit ab, ein zweites „Wonderwall“ wohl nicht wieder hinzukriegen. Er produziert auch die Alben nicht mehr selbst. Sein Bruder darf sogar ein paar Songs beisteuern, worauf dem nichts Besseres als „Guess God Thinks I’m Abel“ einfällt. Aber das ist es dann auch mit den Zugeständnissen: „Ich treffe die Entscheidungen alleine“, sagt Noel, „und gebe den anderen den Glauben, wir hätten es gemeinsam gemacht.“

Es liegt immer eine besondere Spannung in der Luft, wenn Kreativität dynastisch wird. Die Kennedys stehen ebenso für wetteifernde Brüderpaare wie die Wrights und Lilienthals oder Manns. Die Gallaghers stellen trotzdem eine Besonderheit dar. Denn in ihren oft handgreiflich ausgetragenen Kämpfen, die um Nichtigkeiten ebenso erbittert geführt werden wie um weitreichende Entscheidungen, schwingt das Drama einer vom alkoholsüchtigen Vater terrorisierten Familie mit. Der pflegte seinen unberechenbaren Zorn vor allem an Noel, dem mittleren von drei Söhnen, auszulassen. Liam kam als Mutters Liebling („Peggys Shadow“) relativ glimpflich davon. Doch sprechen seine cholerischen Ausbrüche und zügellosen Eskapaden auch für den Drang, als harter Kerl wahrgenommen zu werden, der Mutters Schutz oder den seines Bruders nicht braucht.

Noel Gallagher entwickelte unter den Schlägen des Vaters dagegen eine urwüchsige Kraft, die in der Musik schließlich ein Ventil fand. Davor fiel der introvertierte Junge durch Diebstähle auf. Mit der Machtergreifung bei der Band seines kleinen Bruders machte er Liam zu seinem Alter Ego, weil er sich nicht traute, selbst zu singen. Erst jetzt ist er reif für die Solokarriere.

„Es braucht mehr als Blut, um mein Bruder zu sein“, sagt Liam einmal. Schon lange haben sie sich satt. Sprechen kaum miteinander, lassen sich immer mal wieder bei Tourneen sitzen. Nun ist es zu dem einen Streit zu viel gekommen. „Der Grad an verbalen und körperlichen Übergriffen gegen mich, meine Familie, Freunde und Kameraden ist nicht mehr hinnehmbar“, begründet Noel in einer arg dünnhäutigen Erklärung auf der Oasis-Website seinen Schritt und beklagt den „Mangel an Unterstützung durch die Band“. Das klingt wie eine Äußerung Gordon Browns.

Es ist gewiss kein Zufall, dass Oasis in dem Augenblick zerfällt, in dem auch Labour vor dem Aus steht. Der Premierminister gibt eine lächerliche Figur ab beim Versuch, die Trümmer der Blair-Epoche zu ordnen. Kein Brite denkt mehr, dass der Stolz aufs eigene Land und ein Beutel voller Koks an dieser Krise etwas ändert. Oasis haben davor gewarnt: „Leg Dein Leben nicht in die Hände einer Rockband, sie wird alles wegwerfen.“

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