Bandporträt Die Türen : Wurst und Wahrheit

Dada heißt jetzt "Popo": Wie die Berliner Band „Die Türen“ mit den Codes der Spaßkultur bricht.

Christian Schröder
Türen
Der westfälischen Tiefebene entkommen: Die Türen. -Foto: promo

Guter Witz. Die CD sieht aus wie eine Scheibe Wurst und steckt in einem blau-weißen Cover, das die Ästhetik einer Aldi-Tüte zitiert. „Popo“ heißt die Platte, sie stammt von einer Band, die sich Die Türen nennt. Superlustig.

Lustig? „Wir sind keine Spaßband, das ist alles ernst gemeint“, sagt Sänger Maurice Summen. Es kommt einiges zusammen bei den Türen, der Enthusiasmus des Punkrock, eine gut gelaunte Lust an der Provokation und – nicht zuletzt – sprudelndes Mitteilungsbedürfnis. Summen doziert, der Begriff „Popo“ sei „im popkulturellen Bereich noch nicht festgelegt“, besitze aber eine „gewisse Verwandschaft zu Dada“ und wechselt dann zu einer autobiografischen Reminiszenz an seine westfälische Heimat, wo es ein Tabu gewesen sei, sich in der Öffentlichkeit mit einer Aldi-Tüte blicken zu lassen, aus Angst vor einer „Gerüchtelawine“. Das Cover-Design kann also durchaus als gesellschaftskritisches Statement verstanden werden. „Uncool ist das neue Cool“, singen sie.

„Wir spielen mit ästhetischen Codes, wir sampeln das, was wir vorfinden“, sagt Gitarrist Gunter Osburg. „Dass mancher Zuhörer das komisch oder peinlich findet, dafür können wir doch nichts.“ Die Wurst auf der CD ist übrigens eine Scheibe Bierschinken, laut Summen „einfach das Zitat eines Massenprodukts“. Und so wie ein Metzger beim Wurstmachen allerlei flüssige und brockige Bestandteile in Natur- oder Kunstdärme stopft, so quetschen die Türen beim Musikmachen so lange die seltsamsten Soundpartikel und Geräusche in ihre Songs, bis sie fast platzen.

Ein schepperndes Klavier intoniert einen Disco-Fox, Hardrockgitarren heulen auf und vervielfachen sich hallend, billiges Synthesizer-Gefiepe wie aus einem frühen Videospiel wechselt mit stampfendem Minimal-Techno, Chöre jubeln „Huhuhu“, Bläsersätze stottern funky. „Popo“, immerhin schon das dritte Album der Berliner Gruppe, erscheint am Freitag beim bandeigenen Label Staatsakt. Es klingt ein bisschen nach der Neuen Deutschen Welle und nach dem Agitprop-Punk der Goldenen Zitronen (mit denen die Türen schon auf Tournee waren), nach frühem Udo Lindenberg und nach Motown-Soul und das manchmal alles gleichzeitig in einem Song. Über allem liegt ein nervös pulsierender Rhythmus, die fiebrige Energie eines vom Trio zum Quintett angewachsenen Musiker-Kollektivs, das endlich den Ruhm erzwingen möchte.

Sänger Summen reiht mit gepresster, entfernt an den Fehlfarben-Frontmann Peter Hein erinnernder Stimme Redensarten, Alltagsreflexionen und Schlagzeilen aneinander. Aus dem Nonsens der windschiefen Zeilen erwachsen mitunter die hübschesten Aphorismen. „Wenn der Sport der Bruder der Arbeit ist/ Ist die Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit“, heißt es in „Pause machen geht nicht“, einer atemlosen Abrechnung mit dem Raubtiercharakter des Kapitalismus. Summen bekennt sich kämpferisch zum Feminismus: „Alles, was ich will, ist nur die Regierung der Schürzen.“ Über Biedermenschen mit ihrem „Scheckheft-gepflegten Leben“ macht er sich genau so lustig wie über die Sehnsüchte der trinkenden Mehrheit: „Ein Leben lang/ Dosenbier im Sonnenuntergang.“

„Der Blues kommt zurück in die Stadt“, ein Höhepunkt der Platte, ist eine Hymne auf den Carpe-diem-Hedonismus: „Sei nicht traurig / Das letzte Hemd hat keine Taschen / Sei nicht traurig / Da ist immer noch genug Pfand auf den Flaschen.“ Wenn die Welt ein Sumpf aus Ausbeutung und Langeweile ist, dann hilft nichts anderes, als sich am eigenen Schopf da herauszuziehen. Von Kleinstadttristesse erzählt der Song „Indie Stadt“: „Mein Avatar in Second Life tanzt wie John Travolta/ Nur hier passiert nichts.“ Autobahnabfahrten reihen sich wie Stationen eines Passionswegs aneinander: „Borken, Bad Oeynhausen, Eberswalde, A 61.“

Die Türen-Gründer Maurice Summen, Gunter Osburg und Bassist Ramin Bijan stammen aus der Umgebung des münsterländischen Borken, sie begannen ihre Laufbahn in Schülerbands der westfälischen Tiefebene. Summen wurde musikalisch durch das Hörfunkprogramm des WDR sozialisiert, vor allem durch die Hardrock- und Pop-Magazine „Scream“ und „Graffiti“. Weil die Sendungen spätnachts liefen, nahm sein Vater, ehemals Gitarrist in einer Beat-Band und früher Profi-DJ, sie für ihn auf.

Nach diversen Jobs und Studiengängen und einem Umweg über Köln kamen Summen, Osburg und Bijan in den Jahren 2001 und 2002 nach Berlin. Einen Namen für ihre Band suchten sie so lange, bis sie bei irgendwelchen Gaga-Begriffen ankamen und Osburg stöhnte: „Dann können wir uns genauso gut Die Türen nennen.“ Als Referenz an die Doors sei der Name nicht gemeint, auch wenn man die „in unserer Dorfzeit“ durchaus nicht ungern gehört habe.

Die ersten beiden Platten entstanden nach strengsten Prinzipien der Gleichberechtigung in der gemeinsamen WG an der Schönhauser Allee. Erst wurden in einer Art Brainstorming die Texte zusammengestückelt, dann am Computer die Musik dazu eingespielt. Herauskamen furiose Electrotrash-Nummern, aber auch der betörende Synthie- Schlager „Mädchen meiner Träume“. „Es ging um Tempo“, erzählt Summen. „Es war normal, dass ein Song in zwei, drei Stunden fertig war“, inklusive Aufnahme.

Vom Musikmachen auf der Überholspur haben sich die Türen nun verabschiedet, „das ist eine Form, die für uns nicht länger interessant war“, sagt Summen. Als Soundtüftler und Softwarefrickler verstanden sie sich ohnehin nie. Sie haben in den letzten zwei Jahren rund 150 Konzerte gegeben und als normale Rockband funktioniert. Für „Popo“ wurden der ehemalige Blumfeld-Keyboarder Michael Mühlhaus und der Drummer Markus Spinn in die Gruppe geholt. Aufgenommen wurde im „Planet Roc“-Studio in Berlin-Oberschöneweide, wo vorher schon Joe Jackson, Rufus Wainwright und Phoenix gearbeitet hatten.

Die Türen verbinden Größenwahn und Pragmatismus. Für ihr Debütalbum „Das Herz war Nihilismus“ interessierten sich mehrere Labels, weil die Veröffentlichung sich aber ein dreiviertel Jahr hingezogen hätte, gründeten sie ihre eigene Plattenfirma. Die Erstauflage von 1000 Exemplaren war schnell verkauft. Inzwischen sind bei Staatsakt unter anderem ein Pseudo-Soundtrack des als Erobique bekannten Organisten Carsten Meyer und eine CD von Glacier, ein Nebenprojekt des Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail, herausgekommen. Im Frühjahr erscheint das Solodebüt des Sterne-Sängers Frank Spilker.

Ihr Büro in einer Erdgeschosswohnung am Prenzlauer Berg teilt sich die Band mit einer Bookingagentur. Bevor die nächste Tournee beginnen kann, müssen die Musiker durch einen Wust von Akten kämpfen. Die Steuererklärung für ihre Firma steht an. Da hört der Spaß auf.

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