Bandporträt : Selig: In die Lücke gestoßen

Eine der umstrittensten deutschen Rockbands ist zurück. Selig standen vor zehn Jahren an der Schwelle zum Durchbruch und scheiterten kläglich. Jetzt sind sie zurück, zu einer Zeit, in der die deutsche Rockmusik kraftlos ist.

Kai Müller
Selig, Konzert in Berlin
Jan Plewka, Selig.Foto: Davids/Darmer

Manche Menschen machen sich morgens einen starken Kaffee, um wach zu werden, Jan Plewka blickt aus dem Fenster: „Ich schau schau schau in den Morgen, in so viele Welten, so unendlich schön zu sehen“, singt der Sänger wie gemacht für’s Frühstücksradio. Wären da nicht die laute, schmutzige E-Gitarre, die schreiende Orgel und das in alle Richtungen spritzende Schlagzeug. Man erkennt ihn sofort, den hohen Ton der „Metal Hippies“, der das Übermaß an Gefühl kaum zu fassen vermag und charakteristisch ist für Selig. „Wir sind wieder da“, ruft Plewka seinem Publikum im Kesselhaus zu. Der Antwortjubel kommt prompt. Aber er hat nichts von der üblichen Selbstfeier einer euphorisierten, durchs Konzert beglückten Menge.

In den letzten Wochen ist dieser Moment mit der Single „Schau Schau“ vorbereitet worden: die Rückkehr einer der umstrittensten deutschen Rockbands. Vor zehn Jahren stand sie an der Schwelle zum Durchbruch, ging aber 1998 nach drei Platten und im Streit auseinander. Dass der seither erste neue Song der Band  in den Charts auf Rang 46 kletterte, überrascht die Musiker am meisten. „So weit oben waren wir noch nie“, sagt Plewka, als müsse er sich selbst daran erinnern, dass Selig in ihrem kurzen Höhenflug Mitte der Neunziger nicht gerade eine Kommerzband waren.

Jenseits von Hamburg

Das Lied bedient Schlüsselreize. Es ist das Manifest eines als Schweine-Rock belächelten Überschwangs und Großartigkeitsgestus‘, der für die kontrollierteren deutschen Künstlerseelen eher untypisch ist. Schon deshalb ist die Wiedervereinigung von Selig ein Ereignis. Als sich die Gruppe um Plewka und seinen Geistesbruder, Gitarrist Christian Neander, 1994 gründete, wurde Rockmusik hierzulande von der Hamburger Schule mit Diskurs-Texten und ironischen Verweisen in die Uneigentlichkeit gedrängt. Die E-Gitarren klangen nach Sonic Youth, Rock war Schichtung und Fläche, monoton und distanziert. Für die Hamburger Jamsession-Musiker blieb da wenig Platz, die Led Zeppelin, Prog-Rock und Grunge toll fanden und die es furchtbar ernst meinten. Sie wollten tatsächlich die Welt verändern. Trotz ansehnlicher Erfolge unter dem „German Grunge“-Etikett und vor allem mit der Ballade „Ohne Dich“ ging von Selig etwas Unbequemes aus, wie von Leuten, die einfach zu viel wollen. Mürrisch blickte Plewka von Plakaten und gab das role model für den verzagten, wilden Schmerzensmann, der sich bald mehr, als ihm gut tat, mit seiner Rolle identifizierte.

Heute ist die Hamburger Schule tot, von Bands wie Silbermond, Beatsteaks oder Sportfreunde Stiller geht etwas Geschäftsmäßiges aus. So stoßen Selig in eine Lücke. Das spürt man sofort, als das Quintett im Kesselhaus dem zurückhaltend lauernden Publikum die ersten verzerrten Akkorde entgegenschicken. Aus einer brodelnden Soundwolke schält sich ein majestätisch bratzendes Gitarren-Riff, Schlagzeug und Bass übernehmen den wuchtig-treibenden Groove von „Ist es wichtig“, das Keyboard schließt die Fugen und schon steht die Lärmvision im Raum, dass sich Rockmusik aus den Klauen des Nostalgischen befreien kann. Der Parforceritt durch die alten Nummern zeigt die Band gelöst.

Die neue Geschmeidigkeit

Vielleicht war es ein Segen, dass die Fünf all die Jahre, die sie auch für ihre besten halten könnten, nicht mit vorgestanzten Rocker-Posen zugebracht haben. Man sieht ihnen deutlich an,  dass sie ihrer Idee von einem machtvollen Auftritt wacher und klarer nachgehen. Die neu gefundene Geschmeidigkeit hat sich auch auf ihre gestern (bei Universal) erschienene neue Platte „Und Endlich Unendlich“ übertragen. Das Album wurde in Neanders Berliner Studio aufgenommen und von der Band selbst produziert.

Nicht jeder Song ist gelungen, trotzdem haben Selig ihren pathetischen Sound geschickt modernisiert. Die Spannungsbögen sind weiter gespannt, das Gerüst transparenter. Ungetrübter Optimismus prägt die oft blumigen Texte, in denen es um Vertrauen geht, ums Weitermachen trotz der Rückschläge. Plewkas Hang zur Metapher darf sich im düsteren Zivilisationsabgesang „Auf dem Weg zur Ruhe“ ausleben. In „Ich bin so gefährdet“ zeigt sich die Band von ihrer sensiblen, liebenden Seite. Und in dem mitreißenden „Die alte Zeit zurück“ denkt sie über das vergeudete Leben eines Yuppies nach („Und trinkst dir in den Nächten die alte Zeit zurück“). Die Liebeserklärung „Ich fall dir in die Arme“, die als eines der wenigen neuen Stücke auch live gespielt wird, findet im Publikum ihren erweiterten Resonanzraum. Denn Plewkas „Ich dank dir für die Tage/ Und für das, was uns hält“- Refrain wendet sich auch an die Treue aller, die wiedergekommen sind.

Schiffbruch inbegriffen

Einige Wochen vor dieser kleinen ausverkauften Reunion-Tour durch deutsche Städte sitzt Plewka im Berliner Münzsalon auf der Kante einer Sofagarnitur, die ihn beinahe verschluckt, und sagt: Das Thema Selig war durch, verdrängt von ihm und den anderen, die nicht daran denken wollten, wie sehr sie es vergeigt hatten. Plewkas Hände liegen auf zusammengepressten Knien. Der obligatorische Existenzialisten-Schal ist mehrfach um den Hals geworfen. Plewka ist ein femininer Typ mit rauer Stimme. Er kann Rio-Reiser-Songs besser singen als Rio Reiser. Er versuchte mit Zinoba einen Neuanfang. Und mit seinem Kinder- und Schauspielerfreund Marek Harloff rief er die Punkrock-Band Tempeau ins Leben. Aber all das reichte nicht an das Selig-Gefühl von Größe und Verausgabung heran.

„Ich genoss den Rausch des Augenblicks so sehr, dass ich mich darin verlor und durchdrehte“, rekapituliert Plewka die Phase frühen Starruhms und schließt sich der Theorie an, dass Männer bis 27 eine Art heroisches Zeitalters durchleben. Schiffbruch inbegriffen. „Das pathetische Lebensgefühl des jungen Wolfs habe ich auf der Bühne ausagieren können.“ Der Soundtrack für „Knockin’ on Heaven’s Door“ hätte die Band über Nacht auch Menschen bekannt machen können, für die Rockmusik eine fremde Welt ist. Doch als „größenwahnsinniger Haufen“ (Plewka) gingen sich die Musiker gegenseitig auf die Nerven. Plewka, von Drogen verwirrt, kapselte sich ab. Dann setzte er sich verärgert über die chronische Unzufriedenheit seiner Gefährten nach Schweden ab. Das besiegelte das Ende.
Aber ein spiritueller Kopf wie Plewka, übrigens Einzelkind und deshalb ungern allein, denkt in Kreisen. Die müssen sich schließen. Also rang er sich vor eineinhalb Jahren zu einem Anruf bei seinem alten Mitstreiter Malte Neumann durchrang, um zu fragen, ob sie sich nicht mal wieder mit der Band treffen wollten. „Plewka, sieben Jahre haben wir nicht gequatscht“, stöhnte der andere, „und jetzt rufst du mich einen Tag, nachdem ich mein letztes Keyboard verkauft habe, an.“ Da habe er gewusst, sagt der Sänger lachend und schlägt sich aufs Knie, dass es was werden könne, „wenn das schon wieder auf diese Weise losgeht“.

Ein Riff wie ein Nahtod-Erlebnis

Man traf sich am 2. September 2007 in einem kleinen Restaurant außerhalb Hamburgs, um bloß nicht gesehen zu werden. „Das war ’ne ernste Angelegenheit“, erzählt Plewka über die Runde, „da gab es viel Misstrauen. Wir haben uns in die Augen geguckt und abgerechnet. Es hat immer noch gebrodelt.“ Sie hätten geredet und geredet und geredet. Am Telefon, per Mail, in Kneipen. Auch musikalisch hatten sie sich noch etwas zu sagen. Sie standen im Kreis im Probenraum mit ihren Instrumenten. „Das erste Riff war wie ein Nahtod-Erlebnis. Alles, was wir verdrängt hatten, kam in diesem Moment zum Vorschein.“ So klingen Selig-Songs heute vor allem wie ein Versprechen auf mehr. „Wir werden uns wiedersehen“, heißt es in elegischer Emphase zum Abschluss ihres Konzerts, „vielleicht nur, um zu verstehen, dass das Leben an sich manche Wunde aufbricht.“

„Enttüdelt“ nennt Plewka den Zustand der Band. Nun gibt es geregelte Arbeitszeiten bei Proben, um sich bloß nicht mehr forttragen zu lassen von einem Sog, der sie die Köpfe im Takt schütteln lässt, breitbeinig auf tief gehängte Instrumente eindreschend, und sie zwingt, sich zu öffnen. „Das muss sein.“

Es läuft nicht alles glatt an diesem Berliner Abend. Eine Frau klettert auf die Bühne, nimmt Anlauf, um ins Publikum zurückzuspringen, das sie tragen und wie auf Wogen schaukeln lassen soll, doch noch im Flug tritt die Menge höflich zur Seite. Ein Absturz. Rock ’n’ Roll sieht anders aus!

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