Beach Boys : Brüder des Meeres

Als Beach Boys wurden sie berühmt, dann kamen die Drogen: neue Alben von Brian und Dennis Wilson.

Bodo Mrozek
Wilson Foto: Promo
Von der perfekten Welle träumen. Brian Wilson. -Foto: Promo

Kaum eine Naturgewalt fasziniert den Menschen so sehr wie das Meer. Und nirgendwo scheint er dieser archaischen Kraft näher als im direkten Kontakt mit den Wellen, mit nichts als einem Brett zwischen sich und der Urkraft. Kein Wunder, dass Surfen der erste Trendsport war, der eine Subkultur hervorbrachte. Die Musik kam erst später dazu. Sie war rhythmisch und instrumental, verzichtete meist völlig auf Texte und beschränkte sich allenfalls auf das Nachahmen der an- und abschwellenden Brandung. Man nannte sie schlicht Surf. Wenn es eine Band gab, die damit nicht das Geringste zu tun hatte, dann waren es die Beach Boys.

Dass deren Texte über das Strandleben weltweit mit der Surf-Kultur verwechselt wurden, hat mit einer geschickten Marketingstrategie zu tun. Und mit dem Genius hinter den Harmonien, mit Brian Wilson. Lange Jahre war es still geworden um das Mastermind der Beach Boys. Jahre, in denen der Pop-Komponist Stimmen hörte, mit Gemüse musizierte, sich das Gewicht eines kleinen Walfisches anfraß und wieder abhungerte. Wer 2004n bei der deutschen Erstaufführung des verschollen geglaubten Albums „Smile!“ in der Frankfurter Oper sah, wie Helfer dem emotionslosen Mann die Gitarre umschnallten, der begann zu ahnen, was es heißen kann, ein Überlebender der schrecklichen Naturgewalt zu sein, die sich Rock’n’Roll nennt.

Nun ist Brian Wilson zurück. „That Lucky Old Sun (A Narrative)“ heißt das Album, das heute erscheint. Es beginnt mit einer jener mehrstimmigen Harmonien, die so typisch sind für seine Kompositionen. Hier klingen sie nach Kirchenchor, dann setzen Streicher und Holzblasinstrumente ein. Die aus dem Konzeptalbum „Pet Sounds“ bekannten Geräuscheinlagen sind wohl eher als ironisches Zitat der eigenen Geschichte gemeint.

Das Titelstück ist ein Klassiker, an dem sich von Louis Armstrong bis Johnny Cash schon viele versucht haben. Das Gospel-Schema des Insistierens auf dem Thema und ein sakraler Orgeleinsatz erwecken jedoch den Eindruck, als wolle Brian eine Messe zelebrieren: das Leben des Brian von der Versuchung über die Sühne bis zur Erleuchtung. Dass da einer in Zeiten von YouTube und Einzeltitel-Download noch einmal ein Konzeptalbum vorlegt, verlangt immerhin Respekt. Wilson will keine Anekdoten veröffentlichen, sondern den ganzen Roman.

Das Vorlesen ist indes nicht die Sache eines jeden Autors. Eine gute Singstimme hat Brian Wilson noch nie besessen, die Drogenexzesse haben seinen Stimmbändern auch nicht unbedingt gutgetan. Und so fragt man sich bei jeder trocken herausgepressten Note, warum ein genialer Arrangeur wie er es noch nötig hat, sich selbst ans Mikrofon zu setzen. Die Lieder selbst handeln vom Strand bei Venice Beach, von surfenden oder mexikanischen Girls. Heute schmeckt es nach Vergangenheitsbewältigung. Hier wird nicht nur der kollektive kalifornische Traum verarbeitet, in dem weder das Scheitern noch das Älterwerden vorkamen, sondern auch Brian Wilsons ganz persönliche Erweckung. „Never destroy when you can create / Ready, set in California / I’m filling up my lungs again / And breathing in life”, fleht Wilson in „Oxygen“ – der Songtitel passt.

Erfüllungsgehilfe seines Sündenfalls war einst Brians Bruder Dennis. Das Konzept Sex and Drugs and Rock’n’Roll waren die Wilsons arbeitsteilig angegangen. Für das erste Element war Dennis zuständig, Vater einer unbekannten Zahl am Strand gezeugter Kinder. Die Drogen teilten sie sich brüderlich. In seiner Autobiografie „Wouldn’t it be nice“ erinnert sich Brian an Tage im Jahr 1982, an denen „ich zu stoned war, um einen Joint zu rauchen“. Dennis blies ihm den Rauch in den Mund. Wenig bekannt ist, dass Schlagzeuger Dennis nicht nur der einzige Beach Boy war, der wirklich surfen konnte, sondern auch mit einem Soloalbum debütierte. „Pacific Ocean Blue“ war erstmals 1977 auf Vinyl erschienen, Jahre, nachdem ihn die Beach Boys gefeuerte hatten – unter anderem wegen seiner Kontakte zu dem Gitarristen und Massenmörder Charles Manson. Nun ist die lang vergriffene Platte wieder erhältlich, auf der man eine ganz andere Seite aus dem Beach-Boys-Universum entdecken kann. Siebzigerjahre-Rock mischt sich hier mit Funk- und Jazz-Anleihen und dezentem Pianogeklimper.

Die gelungensten Momente finden sich in ruhigen Titeln wie „Thoughts of You“, das als Songwriter-Stück beginnt und sich mit sphärischen New-Age-Anklängen und Meeresrauschen ins Monumentale weitet. Der „Pacific Ocean Blues“ handelt vom Leben an der Wassergrenze, und auch sonst brandet immer wieder gezeitengleich der Ozean auf. Ab und zu kreischt ein Instrument wie eine Möwe. Auch Brian, den die Coverfotos als bärtigen Freak zeigen, singt nicht schön, aber mit einer markanten weißen Blues-Stimme. Erstmals sind in der Doppel-CD auch die Stücke des Projektes „Bamboo“ veröffentlicht, das nie erschienen ist, weil Dennis 1982 39-jährig von Bord seiner Yacht „Harmony“ ins eiskalte Hafenbecken sprang und nicht mehr lebend auftauchte. Später fand man einen hochprozentigen Cocktail aus Alkohol und anderen Drogen n seinem Blut.

Es wäre übertrieben, von einem Vermächtnis zu sprechen. Wenn aber die Stimme des ertrunkenen Surfers, den man im Ozean bestattet hat, singt: „If I could live my life again, I’d never do you wrong“, dann ist das seltsam berührend. Mehr noch als ein perfekt abgemischtes Monumentalalbum des Bruders Brian, der den kalifornischen Traum immer weiterträumen muss. Dennis Wilson ist in jedem Falle näher an der archaischen Kraft der Wellen, die einen tragen oder verschlingen können.

Dennis Wilson: Pacific Ocean Blues / Bambu (Epc - Sony/BMG), limitiertes Doppelalbum. Brian Wilson: That Lucky Old Sun (A Narrative) (EMI), Sonder-Edition mit einem Video.

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