Beady Eye : Meister des Zitatpops

Besser als Oasis? Heute erscheint das Debütalbum der Nachfolgeband Beady Eye. "Different Gear, Still Speeding" lautet der Titel - eine Metapher aus dem Motorsport.

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Innovationsverweigerer. Liam Gallagher (rechts) und seine Mitstreiter.
Innovationsverweigerer. Liam Gallagher (rechts) und seine Mitstreiter.Foto: Steve Gullick

Es ist ein Kampfruf, herausgeschrien zu fröhlich scheppernden Gitarren: „Well it beats me mama, I just want to rock and roll.“ Seit fast zwei Jahrzehnten ist Liam Gallagher nun schon selbst ein Popstar, aber wenn der Beat ihn durchschüttelt, dann wird er wieder, wie ein Teenager, zum Fan. „Beatles And Stones“, ausgerechnet, heißt der nicht einmal dreiminütige Song, der eine einzige Huldigung an die Augenblicksekstasen des Rock ’n’ Roll ist. Für Bescheidenheit war Gallagher nie bekannt, aber im Refrain treibt er seine Großmäuligkeit auf die Spitze: „I’m gonna stand the test of time / Like Beatles and Stones.“ Er werde die Prüfung der Geschichte bestehen, wie die Beatles und die Stones. Ein Selbstlob, das in zwanzig, dreißig Jahren noch einmal zu überprüfen wäre. Komisch nur, dass das Lied gar nicht nach den Beatles oder Stones klingt. Sondern nach einer energisch runtergeschrubbten, um ein Honkytonk-Pianosolo angereicherten Coverversion von „My Generation“. Von, genau: The Who.

„Different Gear, Still Speeding“ lautet der Titel des Debütalbums der britischen Band Beady Eye, das heute erscheint. Eine Metapher aus dem Motorsport: ein anderer Gang, aber immer noch Gas gebend. Etwas böswilliger könnte man die Zeile auch mit „alter Wein in neuen Schläuchen“ übersetzen. Denn Beady Eye besteht aus vier Fünfteln des ehemaligen Personals von Oasis. Sänger Liam Gallagher, die Gitarristen Andy Bell und Gem Archer sowie Schlagzeuger Chris Sharrock hatten zur finalen Besetzung der einstmals legendären Britpopband gehört. Nur Noel Gallagher, Liams großer Bruder fehlt. Wobei „nur“ eine ziemliche Untertreibung ist, schließlich war er der Leadgitarrist, Hauptsongwriter und Kreativkopf der Gruppe, Oasis-Hits wie „Some Might Say“ oder „Don’t Look Back in Anger“ zählten zu seinen Geniestreichen.

Noel, heute 43, verließ die Band im August 2009, nachdem der fünf Jahre jüngere Liam während eines Konzerts in Paris bei einem Streit auf offener Bühne desen Gitarre zertrümmert hatte. Die Tour musste abgebrochen werden, noch in der Nacht veröffentlichte der Gitarrist eine Erklärung im Netz: „Ich kann keinen einzigen Tag länger mit Liam zusammenarbeiten.“ Seitdem sollen die Brüder kein Wort mehr miteinander gewechselt haben. Damit endete nach 18 Jahren und sieben Alben eine der größten Erfolgsgeschichten der jüngeren Musikhistorie – und eine der spektakulärsten Seifenopern. Oasis hatten weltweit mehr als 50 Millionen Platten verkauft und mit ihrem Gitarrenpop zeitweilig eine Hysterie entfacht, wie sie England seit der glorreichen Beat-Ära der Sixties nicht mehr erlebt hatte.

Gleichzeitig zelebrierten die aus der Arbeiterklasse von Manchester stammenden Gallagher-Brüder einen öffentlichen Zwist und Zank, bei dem es neben Beschimpfungen auch immer wieder zu Handgreiflichkeiten kam. Liam fühlte sich von Noel zu wenig respektiert und oft übergangen. Erst im Jahr 2000 schaffte es eine seiner Kompositionen auf ein Oasis-Album. Noch heute ist Liams Zorn so groß, dass, wenn in Interviews die Rede auf Noel kommt, britische Blätter später in der Druckfassung ganz viele Sternchen über die mit „F“ beginnenden Schimpfwörter streuen müssen. Der Konkurrenzkampf gärt auch nach dem Oasis-Ende weiter. Noel soll an einem Soloalbum arbeiten, aber Liam versichert gewohnt großkotzig: „Unsere Platte ist besser.“

Was noch zu beweisen wäre. Denn „Different Gear, Still Speeding“ ist ein solides, streckenweise erfrischend rumpeliges, aber keineswegs herausragendes Rock-’n’-Roll-Album. Entstanden ist die Platte unter der Regie des Großproduzenten Steve Lillywhite, der auch schon für U2 und die Rolling Stones arbeitete, innerhalb von zwölf Wochen in den berühmter Londoner RAK-Studios. Für die meisten der 13 von Gallagher, Archer und Bell gemeinsam komponierten Songs brauchten Beady Eye dabei nur drei oder vier Takes. Oasis hatten in der Regie des Perfektionisten Noel Gallagher für viele Titel bis zu 20 Takes benötigt.

Diese Kraft und Frische ist dem mit wuchtigen Gitarrenakkorden einsetzenden Album vom ersten Moment an anzuhören. „Nothing ever lasts forever“, nölt Liam da mit schneidiger Stimme, eine Zeile, die man als Abschiedsgruß an den Bruder deuten könnte. Schon Oasis waren überzeugte Innovationsverweigerer gewesen. Ihre meisterlichen ersten beiden Alben „Definitely Maybe“ (1994) und „(What’s the Story) Morning Glory“ (95) knüpften an den melodienseligen Pop der Beatles, Stones und Kinks an, später arbeiteten sie sich vom Psychedelik- und Glam- bis zum Hardrock weiter durch die britische Musikgeschichte der Prä-Punk-Ära. Dabei wuchs die Lautstärke, das letzte Oasis-Album „Dig Out Your Soul“ (2008) rockte fast schon metal-artig.

Beady Eye drehen die Uhren nun wieder ein wenig weiter zurück, in die Zeit der buschiger werdenden Koteletten und immer länger ausfransenden Pilzkopffrisuren Ende der sechziger Jahre (vgl. Liams Haartracht). Gallagher und seine Mitstreiter sind Meister des Zitatpops, die auch vor dem Selbstplagiat nicht zurückschrecken. Die erste Singleauskopplung „The Roller“ beginnt mit den Akustikgitarrenakkorden des Oasis-Klassikers „Wonderwall“ und verwandelt sich dann in eine Reinkarnation von John Lennons Song „Instant Karma“. Gallaghers Verehrung für den Beatles-Chef geht so weit, dass er seinen ersten Sohn „Lennon“ nannte.

Die hysterisch scheppernde Rumpelrocknummer „Bring the Light“ vereint Soulchöre und Pianoläufe wie von Jerry Lee Lewis, „Wind Up Dream“ feiert mit Slide-Guitar und Mundharmonika den sumpfigen Südstaatenrock der Stones zu „Exile On Main Street“-Zeiten. Das Album endet mit der orchestral aufschäumenden Sechsminutenhymne „The Morning Son“. Da floskelt Liam: „I stand alone, nobody knows the morning.“ Die Zukunft ist offen. Schöner hatte diese Allerweltsweisheit einst nur Ringo Starr formuliert: „Tomorrow never knows.“

„Different Gear, Still Speeding“ erscheint heute bei Beady Eye Rec./Indigo

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