Befreiter Sound : Kap der guten Beats

Der Markt für Popmusik in Südafrika ist zwar klein, garantiert aber dafür auch so manche Überraschung. Die Popszene reicht von Kwaito über Rave bis Prog-Rock.

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Hype der Stunde. Ninja und Yo-Landi von Die Antwoord.
Hype der Stunde. Ninja und Yo-Landi von Die Antwoord.Foto: Antoine de Ras

Ninja steht am Abgrund, starrt hinab und atmet schwer ein und aus. Seine Halsschlagader leuchtet türkis, der Kiefer tritt sichtbar hervor. Ein weiteres „Fok“ verabschiedet sich von seinen schmalen Lippen, die feinen Speicheltröpfchen scheinen im Gegenlicht auf, oder ist es Schweiß? Dann springt er ins Publikum, und sie reichen ihn wie einen menschlichen Pokal von einer Reihe zur nächsten.

Fok – das ist die Essenz von Die Antwoord. Afrikaans ist die Sprache der Vortrekker, der Buren und neuerdings auch des Neo-Ravepunk, eine Sprache, deren Flüche von der wilden Sprachgewalt ihrer Sprecher zeugen und in der es für alle Geschlechter der Einfachheit halber trotzdem nur einen weiblichen Artikel gibt.

Die Antwoord hat es geschafft, mit ihrer Internetseite binnen kürzester Zeit einen ungeheuren Hype auszulösen – nicht nur im jungen, urbanen Südafrika. Angeblich stehen sie kurz davor, zu einem großen, internationalen Label zu wechseln, und angeblich wollte der Manager von Slipknot sie unter seine Fittiche nehmen, und angeblich hat sogar David Lynch mal angefragt, ob er das neue Video drehen darf. Für südafrikanische Verhältnisse ist das geradezu sensationell.

Fest steht: Das gemischte Johannesburger Publikum in dem kleinen Club The Woods ist hungrig nach Hype und feiert Die Antwoord von der ersten bis zur letzten Sekunde dankbar und mit Furor. Den Ironieverdacht, unter dem Ninja, seine Frau Yo-Landi und Computerkünstler DJ Hi-Tek stehen, ertränkt es in Jägermeister: Ein Rausch kann nicht ironisch sein. „Pretty Wise“ hat sich Ninja auf den Hals tätowieren lassen, er mag in seinen Dreißigern sein, sein spilleriger Oberkörper sieht jetzt schon aus wie der von Iggy Pop.

Der Markt für Popmusik in Südafrika ist zwar klein, garantiert aber dafür auch so manche Überraschung. Spannend wird es immer dann, wenn Künstler nicht krampfhaft auf Überseemärkte schielen und sich auf die eigenen Erfahrungswelten besinnen – wie zum Beispiel die multikulturelle Band Freshlyground mit der zuckersüßen Zolani Mahola an der Spitze, die gerade Deutschland tourt. Dagegen klingen die Afro-Beats von Collegebands wie Vampire Weekend und den Foals ziemlich kopflastig. Kein Wunder, dass Shakira die Band für den offiziellen WM-Song „Waka waka (This time for Africa)“ engagiert hat.

Aber auch Kwaito, ein scheppernder Township-Hip-Hop, der klingt wie heruntergepitchter House, mit afrikanischen Rhythmen vermischt, ist nicht totzukriegen. In den Neunzigern brachte es Zola, der aus dem gleichnamigen Stadtteil von Soweto stammt, vom Habenichts zum Millionär. Kwaito war für die jungen Schwarzen der Soundtrack zur Befreiung, die Welt stand ihnen offen, Bling Bling, die Zurschaustellung des Reichtums, war und ist das Ziel. Zola hat es ja auch geschafft: Er fährt heute ein dickes Auto mit dem Kennzeichen GP-ZOLA, wobei GP für die Provinz Gauteng steht, in der Johannesburg und Soweto liegen. Es wird aber gerne umgedeutet zu „Gangster’s Paradise“. Wie gefährlich es dort selbst für Stars zugeht, zeigte 2007 der Mord an Lucky Dube. Der Reggaemusiker wurde vor den Augen seiner Kinder auf offener Straße erschossen.

Das beste Beispiel dafür, dass die verschiedenen Genres kaum noch Hautfarben zugeordnet werden können, sind die BLK JKS, ausgesprochen „Black Jacks“. Das schwarze Quartett aus Johannesburg spielt auf seinem Debütalbum „After Robots“ einen wilden, hyperkomplexen Prog-Rock, der ihnen auch international gute Kritiken einbrachte. Die Indierock- Gemeinde Südafrikas ist sehr überschaubar. Zu den bekanntesten Bands der Szene gehören die Black Hotels sowie die Parlatones, deren „Come back as heroes“ der offizielle ARD-WM-Song ist.

Getanzt wird in Südafrika derzeit aber vor allem auf den überall zu hörenden Hit „Show dem (Make the circle bigger)“ von JR. Der 23-Jährige heißt eigentlich Thabo Bogopa, stammt aus dem Atteridgeville- Township von Pretoria und ist ein Star des Hip-Hop – wie überall auf der Welt der Lieblingssound der Jugend.

Im Haus der Kulturen der Welt läuft vom 11.6. bis 11.7. das Festival Cup of Cultures, bei dem u. a. Freshlyground, BLK JKS und Hot Water auftreten.

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