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Pop : „Benzin? Biodiesel!“

19.10.2007 00:00 Uhr

Er läuft und läuft und läuft: Neil Young über seine Liebe zu alten Autos, den Umweltschutz und sein Album „Chrome Dream II“

Herr Young, „Chrome Dreams II“ bezieht sich auf ein Album von 1977, das nie erschienen ist …

Ja, es ist eines von den Alben, die ich in meinem Leben gemacht habe und die nie erschienen sind. In den frühen Neunzigern ist sogar ein Bootleg davon aufgetaucht. Es hat eine schreckliche Qualität. Nicht vergleichbar mit dem Klang der Originalbänder, die ich besitze.

Was hat Sie dazu veranlasst, den Titel noch einmal zu benutzen?

Oh, daran hatte ich zuerst gar nicht gedacht. Als ich mit dem neuen Album anfing, stellte ich eigentlich nur eine Band zusammen, um ein bisschen zu experimentieren.

Ich probierte Musiker aus, mit denen ich noch nicht gespielt hatte. Wir saßen zusammen beim Abendessen, und dieser Typ namens Anthony Crawford, der sonst mit meiner Frau Pegi spielt, hat mir ein paar Fotos gezeigt, die er auf dem Autofriedhof meiner Ranch geschossen hat.

Wie bitte? Sie haben Ihren eigenen Autofriedhof?

Oh ja, und ich mag die Art, wie diese alten Autos aussehen. Es ist mir egal, in welchem Zustand sie sind. Aber wenn ich ein seltenes Modell sehe, dann kaufe ich es, und stelle es zu all den anderen auf eine Lichtung im Wald. Da rosten mittlerweile ein paar wirklich tolle Autos mit fantastischem Design vor sich hin. Funktionieren tun die nicht mehr, man kann sie sich nur noch anschauen. Die Autowracks bilden einen Haufen aus Blech, Chrome, Glas und Leder – wie ein Kunstprojekt. Und Anthony hat ein Foto von der Kühlerfigur eines Autos gemacht und es mir gezeigt. Da wusste ich: „Das ist das Cover meines neuen Albums.“

Um was für ein Modell handelt es sich?

Es ist ein ’58er Lincoln Continental Convertible. Und die Kühlerfigur ist schon ziemlich verrottet und mit Moos überzogen. Sieht richtig übel aus. Aber immer noch imposant und hoffnungsvoll.

Ein Symbol von Stärke?

Als ich den Wagen das erste Mal sah, verkörperte er Klasse und Stil, „Chrome Dreams“ eben. Ich habe mich unlängst von etlichen meiner alten Autos getrennt. Nur meine Lieblingsautos wollte ich behalten und habe eine kleine Garage für sie gebaut. Der Fußboden ist aus Zement, das Dach aus Wellpappe. Es tat bald im Rücken weh, auf dem nackten Beton herumzulaufen. Also ließ ich einen Gummiteppich verlegen – wie hinter einer Bar. So machen es die Barkeeper, sie laufen auf Gummi, so werden sie nicht müde. Dadurch veränderte sich auch der Sound in meiner Garage. Er ist jetzt hervorragend geeignet, um darin Musik zu machen. Nachdem ich die Löcher des Belags mit Sägespänen gefüllt habe, wurde es noch besser. Plötzlich hatte ich diesen großen Sound, der vom Dach zurück auf den Boden fiel und dort starb – einen Raum, in dem ich mich stundenlang aufhalten konnte, ohne müde zu werden.

Und die Autos?

Die habe ich verkauft. Sie passen nicht in die Zeit. Schon wegen des enormen Spritverbrauchs. Das Geld nutze ich jetzt, um meinen alten Lincoln umzurüsten, den mit dem „Chrome Dreams“-Emblem. Dem verpasse ich jetzt die neueste Technologie, die dafür sorgen wird, dass er schneller fährt als je zuvor – ohne Schadstoffe.

Wie soll das gehen?

Der Generator, den ich zum Aufladen des Autos benutze, wird mit Bio-Diesel betrieben. Ich will kein Benzin mehr. Schon gar nicht in unmittelbarer Nähe meiner Ranch. Ich will es nicht sehen und nicht riechen. Und ich will auch nicht, dass es Leute benutzen, um zu mir zu gelangen. Ich versorge meine Gäste für die Zeit mit einem Auto, das organischen Treibstoff verwendet. Über die Umrüstung und Wiederbelebung des Lincoln, dieses amerikanischen Klassikers, der extravagant, verschwenderisch und ein architektonisches Meisterwerk ist, werde ich einen Film drehen. Ich fahre mit dem Wagen nach Detroit zurück. Da werde ich ihn vor der Fabrik abstellen, die ihn gebaut hat.

Ist „Chrome Dreams II“ ebenfalls eine Wiederbelebung des amerikanischen Traums?

Es ist eine spirituelle Reise, die einem erlaubt, sich selbst zu erneuern und wieder auf alte Pfade zurückzukehren. Jeder erkennt, wie schlecht es läuft. Selbst die, die dafür verantwortlich sind.

Al Gore erhält für seine Bemühungen, den Klimawandel aufzuhalten, den Friedensnobelpreis. Hängt das Schicksal Amerikas davon ab, was die Leute selbst verändern?

Richtig. Wer braucht Politiker? Der Kapitalismus kennt viel mehr Wege, Geld zu verdienen, indem man es richtig statt falsch macht. Auf diese Weise kann man die Verhältnisse ändern.

Sehen Sie sich als das gute Gewissen der USA? Als Botschafter der Vernunft?

Ich bin mein eigener Botschafter und spreche für niemanden. Wenn sich die Leute damit identifizieren, toll! Wenn nicht, auch okay. Ich mache einfach das, was ich ohnehin machen würde.

Dazu gehört auch, die 18-minütige Single „Ordinary People“ zu veröffentlichen?

… die haben wir gerade an die Radiostationen verschickt.

Sie wissen genau, dass der Song viel zu lang ist, um gespielt zu werden.

Ach, die würden ihn ja nicht einmal spielen, wenn er nur zwei Minuten lang wäre. Was macht es für einen Unterschied? Das Internet hat die Funktion der Radiosender längst übernommen. Da können die Leute endlich die Musik hören, die sie wollen.

Amüsiert es Sie auch, dass Ihr Video zu „This Note’s For You“ unlängst von MTV zum besten Clip aller Zeiten gekürt wurde?

Angesichts der Tatsache, dass sie es zuerst auf den Index gesetzt haben, als sie es sich noch leisten konnten, Videos nicht zu spielen, kann ich das wirklich. Erst haben sie es verbannt, dann zum besten Video des Jahres gemacht. Aber hey, auch sie dürfen Fehler machen. Sie machen ständig welche. Heute spielen sie fast gar keine Musik mehr. Das ist konsequent.

Auf wen beziehen Sie sich in „Dirty Old Man“? Der Protagonist wird entlassen, weil er Sex mit der Frau seines Chefs hat …

… er hat sich erwischen lassen, das ist der Punkt. Ich werde häufig auf diesen Song angesprochen. Die Leute verstehen nicht, warum er sich zwischen „Shining Light“ und die spirituellen Songs gemogelt hat. Aber ich meine, nur weil dieser Typ nicht sympathisch ist, sollte das nicht bedeuten, dass er nicht existiert. Warum sollte er nicht hier sein dürfen? Mann, er ist hier. Er ist da irgendwo auf dem Friedhof – genau wie die Autos, wie die nicht gehaltenen Versprechen, die zerbrochenen Träume und verrosteten Statussymbole.

– Das Gespräch führte Marcel Anders.

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