Berlin Festival : Doherty war bei Stimme, und wie!

Er kam ganz ohne Band und traf die richtigen Akkorde: Peter Doherty begeisterte beim Berlin Festival. Das Event war ein bisschen wie Berlin selbst: alles ein bisschen zu groß und immer auf der Suche nach der nächstbesseren Party.

Kolja Reichert
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Peter Doherty. Er kam wirklich und gab sich locker und gelöst. -Foto: dpa

„0:30 Peter Doherty“, stand am Freitag Abend auf der Flugtafel in Tempelhof, wo einst die Abflugzeiten nach Düsseldorf, München und Graz aufgelistet waren. Dahinter hätte ein „cancelled“ gut gepasst, verdankt der Rockpoet doch einen Teil seines Ruhms der Gewohnheit, Auftritte zu schwänzen. Doch Doherty war gelandet, mit seinem fünfjähigen Sohn Astile und dessen Mutter. In Tegel trat der Sänger noch einem Fotografen gegen das Schienbein, wie die „B.Z.“ vermeldete. Vielleicht zeigte er sich deshalb später auf der Bühne so gelöst.

Berlin Festival in Tempelhof
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08.08.2009 22:12Der Star ist der Flughafen: Besonderes Ambiente für das Berlin Festival in Tempelhof.


Doherty, der sich früher „Pete“ nannte und jetzt „Peter“, war ganz ohne Band gekommen und gab eine Soloshow zur halbakustischen Gitarre, mit Liedern von seinem Soloalbum „Grace/Wastelands“ und alten Libertines- und Babyshambles-Stücken. Schwarzer Anzug, Krawatte, Hut. Keine Videospielereien wie noch vorher bei St. Etienne, dafür, tolle Idee: zwei Ballettänzerinnen! Ein Theater-Spot verdoppelte Dohertys Silhoutte auf die weiße Rückwand. Ein bisschen Bob Dylan, ein bisschen Charlie Chaplin. Dass das Sorgenkind der Boulevardpresse etwas pummelig geworden ist, dürfte als Zeichen seiner Gesundheit zu werten sein und des verringerten Drogenkonsums.

Ein koketter Entertainer

Wirkte Doherty bei Konzerten seiner Band Babyshambles oft fahrig und lustlos, beeindruckte er am Freitag als koketter Entertainer. So versunken er sich auch gab, er beherrschte seine rotzigen Gesten perfekt: Wo sich nach den ersten Songs eine Begrüßung gut machen würde, hustet er nur flapsig ins Mikrofon. Jubel. Er schrammelt ein paar Akkorde, pausiert, stützt ein Bein auf die Monitorbox, streicht sich das Kinn, sieht sich um. Jubel. Dann die Akkorde von „Music when the Lights go out“, einer der Hits von Dohertys erster Band The Libertines. „Was ist los?“ fragt er später auf deutsch in die gespannte Stille hinein. Jubel.

Doherty war bei Stimme, und wie! Die Dynamik, mit der er ständig Tempo und Intensität variierte, machte jede Bandbegleitung überflüssig. Sie machte es allerdings auch den Tänzerinnen schwer, die hinter dem Sänger ihre Figuren tanzten, immer etwas neben dem Takt. So wirkte die Show aber umso mehr wie die zerbrechliche Traumwelt einer Bohemien-Seele.

Draußen auf dem Asphalt tanzte derweil eine lose Horde vor der „Mobilen Disco“, der Alternative zu den Dancefloors im Terminal: ein fahrbares DJ-Pult, bestückt mit Minidiscokugel, Lichtorgel und allem, was die Partyzubehör-Ecke im Elektronikmarkt noch so hergibt. Auf dem Rollfeld vor dem weiten Nachthimmel wirkte das Ding wie ein von Außerirdischen geschicktes Suchfahrzeug.

Alles ein bisschen zu groß

Die Flughafenarchitektur war leider mehr Funktion als Kulisse. Aus Lärmschutzgründen war die Hauptbühne von draußen in den Hangar 4 verlegt worden, eine riesige Halle, an deren Ende etwa die Musik von Rapper Dendemann zu einem einzigen Soundbrei verschwamm. Das Tempelhofer Feld war durch Bauzäune abgesperrt (eigentlich eine günstige Gelegenheit zur Besetzung). Die Terminals im Rücken, wandelte man ohne Gedränge unter dem Vordach. So verblieb die Atmosphäre in der Abfertigung, statt wirklich abzuheben. Daran konnten auch die Scheinwerfer der Gruppe „Pfadfinderei“ nichts ändern, deren blaue Strahlenfächer sich stadtweit sichtbar in den Nachthimmel schrieben.

Das Berlin Festival war ein bisschen wie Berlin selbst: alles ein bisschen zu groß, ein paar Sachen improvisiert hingestellt, und ziellos streift man herum, immer auf der Suche nach der nächstbesseren Party. Die war dank des ausgesuchten Line-Ups aber auch immer zu finden: beim Discorock der sympathischen Dänen Whomadewho etwa, beim DJ-Set von Peaches (einschließlich pinkelnder Tänzerin) und bei den Krawall-Truppen Deichkind und Bonaparte. Gerade die Berliner Szene zeigte sich von der besten Seite. Etwa mit Bodi Bill, die Freitag Abend als erste für Euphorie sorgten. Mit drängenden Folkgesängen und knatternden Elektrobässen erspielen sie sich allmählich ein internationales Publikum. Was wäre dafür ein passenderer Startplatz als Tempelhof. 

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