Berliner Band Bonaparte : Pferde, Trash und Lo-Fi-Punk

Bonaparte sind die bunteste Band Berlins. Jetzt erscheint ihr drittes Album. Ein Gespräch mit dem Sänger Tobias Jundt, der seit einigen Jahren ein Studio an einem geheimen Ort in Mitte hat.

Waldgeister. Bonaparte mit Tobias Jundt (links) auf Exkursion. Foto: Melissa Hostetler
Waldgeister. Bonaparte mit Tobias Jundt (links) auf Exkursion.Foto: Melissa Hostetler

Tobias Jundt ist klein, wendig und energetisch. Er trägt auf der Bühne Fellmützen mit Ohren dran, und hat seit einigen Jahren ein Studio an einem geheimen Ort in Mitte, wo das Interview zwischen Nüsschenschalen, abgeklebten Klavieren und alten Gitarren stattfindet. Seine in Barcelona gegründete und in Berlin angesiedelte, multinationale Powertruppe Bonaparte wurde mit ihrem Debütalbum „Too Much“ 2008 die Lieblingsband der deutschen Lo-Fi-Punk-Fans. Sie begeistert vor allem mit ihren ausufernden Bühnenshows, bei denen die Musiker Fantasieuniformen tragen, Tänzerinnen strippen und Menschen in Tierkostümen herumlaufen. „My Horse Likes You“ war 2010 wieder tanzintensiver Trash- Rock’n’Roll mit verzerrten Gitarren und digitalen Überraschungen. Am Freitag erscheint „Sorry, We’re Open“ (Staatsakt/Warner), und schon nach fünf Sekunden ist man mittendrin im eigenwilligen, auf amüsante Art egomanischen Geschwafel des stets hyperventilierenden 34-jährigen Sängers Tobias Jundt – vermutlich der hektischste Schweizer seit DJ Bobo.

Herr Jundt, in der Presseinfo von Bonaparte steht, Sie hätten ADHS – stimmt das?

Ich hab’s nicht offiziell diagnostizieren lassen, ich glaube nicht so an Ärzte. Aber Leute, die mit mir arbeiten, würden wahrscheinlich größtenteils zustimmen.

Aber viele Sachen auf einmal zu machen, liegt Ihnen?

Na ja, auf dem neuen Album heißt es ja: „This is not what I call multitasking, this is madness!“ Ich mache schon viel. Das muss man als Künstler heutzutage. Man muss alles abdecken, in einer Person.

Muss man nicht.

Doch, wenn man so perfektionistisch ist, wie ich es bin, und genau weiß, wie etwas klingen und wo es hin soll. Entweder alle verstehen sich blind, oder man muss zwischendurch ein wenig kontrollieren.

Und Sie sind für Kontrolle?

Ja, Peitsche, Peitsche!

Haben Sie deshalb auch wieder die ganze Platte allein geschrieben?

Ich habe schon versucht, eine Community-Platte zu machen. So hatte ich einige Co-Writer wie Housemeister, Taylor Savvy, Carlos Primero, Siriusmo, Deichkind. Ich habe überlegt, was ich aussagen möchte. Das Wichtigste ist – glaube ich – aufeinander zuzugehen, um gemeinsam etwas zu kreieren. Obwohl ich natürlich auch allein weiß, wie Bonaparte klingen soll.

Inwiefern haben Sie andere Meinungen zugelassen?

Ich höre mir alles an, probiere alles aus, der Kaiser kann nicht nur seinen Kopf durchsetzen, ich muss gucken, was die Minister und das Volk sagen!

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Na ja, wichtig ist, dass ich ja meistens nicht schuld bin. Wenn man das begriffen hat, ist mit mir prima Kirschenessen. Ich will ja konstruktive Kritik. Den Titel unserer neuen Platte „Sorry, We’re open“ kann man ja sogar so interpretieren: Seid direkt und ehrlich.

Welche Bands hätten Sie gern auf einem Tribute-Album für Bonaparte? Egal ob existierend oder nicht?

Spannend. Ich würde eher ein bisschen unbekanntere wählen, vielleicht würde ich nach Ländern gehen: Aus Neuseeland kommt zum Beispiel Connan Mockasin, aber ich hätte auch gern Leute wie Serge Gainsbourg. Ich würde vor allem auf den Friedhof gehen! Es ist ja kein Geheimnis, dass ich sehr nostalgisch veranlagt bin, obwohl ich gleichzeitig in die Zukunft presche. Ansonsten New Yorker Bands aus den Siebzigern. Dann auch Absurdes, Abba spielt Bonaparte ...

Was war die erste wichtige Band in Ihrem Leben?

Meine erste CD war nicht sooo wichtig, aber immerhin Rock’n’Roll: Jerry Lee Lewis. Der war ja damals auch ein wilder Schlingel. Dann ist Serge Gainsbourg für mich eine große Nummer. Aber zuerst kam Jazz. Coltrane finde ich nicht wirklich schön, aber sehr intensiv. Auch viele Blue-Note-Platten haben mir gefallen. Vor allem mochte ich Leute, die ich persönlich getroffen habe. Ich bin als Teenager viel gereist und hab Musiker kennengelernt.

Durften Sie das, allein reisen?

Ja, ich bin einfach nach der Schule in den Zug gesprungen und zum Beispiel irgendwo hingefahren, wo Kenny Burell spielte, und habe gesagt. „Hey Kenny, can you show me how you play this?“ Ich fand das damals normal, aber jetzt wundere ich mich auch ein bisschen, dass ich mit 14 drei Tage hintereinander allein in Paris sein konnte.

Hatten Sie Hippie-Eltern? Oder war das Desinteresse?

Meine Mutter hat mir das mal erklärt: Sie hat sich zwar manchmal ein bisschen gesorgt, aber sie wusste, dass Musik immer das Wichtigste für mich war, vom Tag meiner Geburt an. Das ist das, was mich in der Welt leitet und schützt, das ist mein Garten! Ich war besessen von Musik. Meine Mutter wusste, dass ich meiner Leidenschaft folge, und dass mich das davor bewahrt, etwas Blödes zu tun. Es ist nie etwas passiert, weil die Musiker so etwas auch alle in sich hatten als Kind. Es war also eher ein „take under the wing“.

Die Musiker haben auf Sie aufgepasst?

Ja, nach dem Motto: Klar kannst Du mitreisen, hier ist ein Teller Suppe. Mich hat interessiert, wie man mit der Musik lebt. Ich war auch kindlich naiv, hab eben bei Illinois Jacquet oder George Benson geklopft, weil ich sie etwas über einen anderen Musiker fragen wollte. Davon ist viel in Bonaparte drin, dass es kein „Das macht man nicht“ gibt. Der Kreis zum Nachwuchs schließt sich so wieder: Ich musiziere mit meiner Tochter, die kann zwar noch nicht sprechen, aber toll lallen, und ich mache das dann auch auf der Bühne!

Als ich Bonaparte vor Jahren das erste Mal live gesehen habe, hatte ich vorher schon im Netz gespickt. Der Überraschungseffekt war leider ein bisschen weg.

Das ist zum einen schade, zum anderen sind wir dadurch natürlich gewachsen. Wegen Youtube war das Publikum immer schon bereit für uns. Ich glaube, das Internet macht trotzdem auch viele Momente kaputt. Wir brauchen es in einigen Bereichen nicht, benutzen es aber trotzdem. Das Tollste ist doch, von etwas berührt oder weggeblasen zu werden, das aus dem Nichts kam. Einfach finden ist toll. Suchen ist anstrengend.

Auf der neuen Platte gibt es einen französischen Song – ist der Text ein Zitat aus „Taxi Driver“?

Ja, aber das „Spricht du mit mir?“ sagen die Franzosen ja auch einfach so. Wir touren so viel durch Frankreich, darum habe ich den Franzosen ein Liebeslied geschrieben: ausschließlich Schimpfwörter. Die Sprache ist so elegant, aber die Ausdrücke sind ekelhaft. Mit ein paar Worten kann man jemandem eine ganze Geschichte an den Kopf werfen!

Wie viele Sprachen sprechen Sie fließend?

Nachdenken kann ich in den meisten Sprachen früher oder später. Die Schweiz ist ja eh ein bisschen multilingual. Schade, dass kein Rätoromanisch mehr gesprochen wird! Ich gehe sehr offen mit Sprache um, singe das, was ich möchte, egal ob es das Wort gibt oder nicht. Auf einem Song singe ich „Say something very laugh!“, da haben alle gemeint: Das kann man doch nicht sagen. Warum nicht? Ich mache das eben einfach. Das ist meine Aufgabe: etwas anzuregen.

Das Gespräch führte Jenni Zylka.

Bonaparte spielen am 8. September auf dem Berlin Festival, Flughafen Tempelhof.

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