Berliner Newcomer : Julia Marcell: Karrierekick aus dem Internet

Das Internet macht es möglich: Dank Spenden aus dem Netz hat die Kreuzberger Sängerin Julia Marcell eine CD einspielen können. Heute Abend tritt sie auf dem Badeschiff in Treptow auf.

Nana Heymann
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Julia Marcell.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinDem Wachmann war die Kunst egal. Ob man denn eine Drehgenehmigung habe, wollte er wissen. Sängerin Julia Marcell konnte ihm keine vorweisen. Deshalb mussten sie und ihr Team den U-Bahnhof Moritzplatz an diesem launigen Maiabend sofort verlassen. Das Musikvideo zu ihrer ersten Single „Night of the living Dead“, das sie in Eigenregie gedreht hatte, war da schon im Kasten.

Es gibt nicht viele Menschen, die sich Julia Marcell bislang in den Weg gestellt haben.Vielmehr hatte die 23-Jährige schon viele Anhänger, noch bevor sie überhaupt ein Stück veröffentlichte. Um ihren Traum von einer Musikkarriere zu verwirklichen, stellte die Polin ein selbstgeschriebenes Lied auf die Internetplattform Sellaband. Dort präsentieren sich Nachwuchskünstler in der Hoffnung, Besucher der Seite so von sich zu beeindrucken, dass diese Geld investieren. Mit mindestens 10 Dollar kann man Anteile erwerben, für die man später die Platte und eine Gewinnbeteiligung bekommt. Sobald eine Summe von 50 000 Dollar zusammengekommen ist, können die Künstler ein Album aufnehmen. Mehr als 4300 junge Musiker haben das bislang probiert – nur 31 ist es gelungen.

Julia Marcells Debüt „It might like you“erscheint an diesem Freitag, heute Abend stellt sie es auf dem Badeschiff vor. Genau drei Monate und drei Tage musste sie warten, um auf die ersehnten 50 000 Dollar Produktionskosten zu kommen. Fast 650 Leute haben für sie gespendet. „Als der letzte Betrag einging, war ich total glücklich. Und erschöpft.“ Zwei Tage hatte sie ununterbrochen vor dem Computer gehockt und die Eingänge verfolgt.

Seither hat sich das Leben der Sängerin drastisch verändert. Vergangenen Sommer zog sie nach Kreuzberg, weil Sellaband ihr hier einen Produzenten vermittelt hatte: Moses Schneider, der schon mit den Beatsteaks und Tocotronic zusammengearbeitet hat. Alle Stücke hat sie selbst geschrieben und komponiert, das macht sie schon, seit sie 14 ist. Ihre Lieder sind wie Klang gewordener Samt: von Klavier und Streichern unterlegt, mit eindringlicher Stimme gesungen. Kritiker sehen sie schon auf Augenhöhe mit Feist, Tori Amos oder Cat Power.

Vor kurzem flog Julia Marcell für einen Auftritt nach Tokio. Die Konzertbesucher lauschten ihr andächtig, nachdem der letzte Ton verhallt war, herrschte einen Augenblick Stille. Dann brach Begeisterung aus, es wurde geklatscht und gejubelt – für die Sängerin ein ebenso beeindruckender Moment wie der, als sie das Geld für die Albumproduktion zusammenhatte.

Das Konzert auf dem Badeschiff in Treptow beginnt um 21 Uhr, Eintritt frei. Bei schlechtem Wetter geht’s ins Glashaus.

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