Berliner Punkrock : Die Beatsteaks in der Wuhlheide

Die Beatsteaks funktionieren wie ein Taschenmesser, verfügen über mannigfaltige Funktionsweisen. Sie sind die Punkband, der man die Sozialisation im Hardcore anhört. Und der Punkrock fühlt sich in der Wuhlheide saumäßig wohl.

Jochen Overbeck
Zuhause. Die Beatsteaks spielen in der ausverkauften Wuhlheide.
Zuhause. Die Beatsteaks spielen in der ausverkauften Wuhlheide.Foto: dpa

Der Moshpit ist etwas, was Menschen, die nicht mit harter Gitarrenmusik sozialisiert wurden, wohl nie verstehen werden. Körper, die sich einzig und alleine voneinander entfernen, um einige Sekunden später mit voller Wucht aufeinanderzuprallen. Ein Tanz, der Regeln folgt, die die musikalische Dramaturgie vorgibt und der aus der Distanz gleichzeitig ultrabrutal und strukturiert aussieht. Eine maskuline Angelegenheit, die aber durchaus Eleganz verströmt. So eine Art Hybrid aus Ritual, Ballett und Boxkampf.

Die Beatsteaks haben in die Wuhlheide geladen, und als alte Punkrocker wissen sie so gut um die Bedeutung des Moshpits, dass sie ihn nicht nur zelebrieren, sondern auch delegieren. Sänger Arnim Teutoburg-Weiß teilt die Massen während des „Cut Off The Top“ in zwei Hälften. „Und wenn es wieder losgeht, möchte ich, dass sich Links und Rechts küssen“, sagt er. Es geht wieder los. Und Hölle, ja: Beide Seiten der Wuhlheide küssen sich mit ihren ganzen Körpern.

Ohnehin kann man den 15.000 Besuchern des restlos ausverkauften Konzerts – ein weiteres spielt die fünfköpfige Band an diesem Samstag später – keineswegs mangelndes Engagement vorwerfen: Sie tun, was sie tun müssen. Sie tun aber auch ein bisschen mehr. Zu großen Hits wie dem früh gesetzten „Hand In Hand“ oder „I Don't Care As Long As You Sing“ hüpft der Innenraum wie eine Armee aufgeputschter Duracell-Hasen, reckt die Fäuste in die Luft, grölt mit.

Shirts und Jacken fliegen durch die Luft, aber auch Hüte, ein Wasserball und sogar eine Frisbeescheibe. Drei, vier Mal entzünden Fans bengalische Feuer, was vermutlich verboten, aber durchaus passend ist, weil es hübsch auf das Finale hinleitet: Während die letzten Töne des abschließenden „Let Me In“ erklingen, brennt die Band selbst ein veritables Feuerwerk auf.

Das Erfolgsgeheimnis der Beatsteaks ist: Sie funktionieren wie ein Taschenmesser, verfügen über mannigfaltige Funktionsweisen. Einmal und vor allem sind sie die Punkband, der man die Sozialisation im Hardcore anhört. Nicht immer nehmen sie Rücksicht auf jene, die ihre Musik aus dem Radio kennen, oft holzen sie sich beherzt durch rotzigen, aber präzise in Szene gesetzten Krach.

So klang das schon damals, Ende der 90er-Jahre, als sie im Vorprogramm angesagter US-Heroen wie Sick Of It All und Good Riddance spielten. Heute sind sie aber auch Stadionrocker in einem ganz klassischen Sinne. Feuerwerk und Konfetti-Kanonen. Große Gesten für große Menschenmengen. Dazu Melodien, auf die sich alle einigen können, die ein Herz für Pop haben, etwa den Albumtitel „Boombox“, der mit gewitzten Videoprojektionen daherkommt und mit seinem entspannten Offbeat durchaus besonders für die Beatsteaks ist oder das wunderbare „Milk & Honey“.

Umrahmt werden die Songs von einer Kommunikation, die sich weniger durch Originalität als durch Unmittelbarkeit auszeichnet und deren Parts alle Beteiligten kennen. „Zeit zu jubeln, Eure Jungs sind da“, sagt Teutoburg-Weiß einmal. Und klar, das Publikum jubelt. Später Feuerzeug-Fingerübungen bei „Bullets From Another Dimension“ und Singspiele, bei denen die rechte Hälfte des Publikums lauter sein muss als die linke.

Das Übliche – den Beatsteaks nimmt man's ab, wie auch die Danksagungen, die mit ehrlichem, wahrhaftigem Applaus pariert werden. Teutoburg-Weiß, Notiz am Rande, wechselt nicht wie andere das Outfit, sondern vor allem seine Kopfbedeckungen. Das charakteristische Hütchen, das man auch im Publikum diverse Male ausmachen kann, tauscht er im Verlauf des Abends zunächst gegen so eine Art Bäckermütze, der später ein Fischerhut folgt.

In erster Linie aber sind die Beatsteaks Berliner. Das zeigt sich vor allem bei zwei Songs: „Hey Du“ aus dem Musical „Linie 1“ – die Band nahm den Song 2002 auf, also weit vor Sido, der seine Rap-Version später in die Hitparaden hievte – wird vom Frontmann bis auf das Ende alleine bestritten und sorgt bis weit in den hinteren Bereich für Gänsehaut. Und „Barfrau“, diese knappe und ultrabrutale Gaga-Hymne auf eine Tresenkraft der Punk-Kneipe Franken in der Oranienstraße, zeigt eindringlich, wo sie herkommen, die Beatsteaks. Aus jener Kaschemme. Aus dem legendären SO 36. Aus einem ranzigen Proberaum in der Alten Schönhauser Straße, wo der Punkrock heute nur noch selten vorbeischaut. Eigentlich schade.

Andererseits hat er sich zumindest an diesem Wochenende in der Wuhlheide saumäßig wohl gefühlt.

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