Blues : Schrottgitarre und Knochenbeat

Seasick Steve spielt im Berliner Postbahnhof

Volker Lüke

Es klingelt an der Tür. Draußen steht ein älterer Mann mit Filzbart, Basecap und einer dreisaitigen Kaputtgitarre. Er komme aus den USA, sei lange als Hobo unterwegs gewesen und heiße Seasick Steve, seit er bei der Überfahrt in die Heimat seiner norwegischen Frau „die Fische gefüttert“ hat. Wer hier desinteressiert die Tür schließt, der verpasst nicht nur hundert Minuten beste Unterhaltung, sondern überhaupt mit das Anrührendste und Wunderbarste, was einem als Popmusik vorgeführt werden kann.
Seit Steve Wold vor drei Jahren in der BBC-Show von Jools Holland aufgetreten ist und eine Generation junger Fans begeistert hat, gilt der Mann mit den selbstgebauten Schrottgitarren als heißester Anwärter auf das Amt des Blues-Präsidenten – einer, dem Unabhängigkeit über alles geht, der sich durchbeißt, auch wenn es ein bischen länger dauert. Bei seinem Auftritt im rappelvollen Postbahnhof wird der 68-jährige „Man from another Time“ (so der Titel seines neuen Albums) von einem Bo-Diddley-geschulten Schlagzeuger angetrieben, während seine Slide-Gitarre feierlich krachend ihren Weg durchs Mississippi-Delta nimmt und dabei einen Musikstil rettet, der von stumpfen Gniedelpfeifen wie Gary Moore mit ihren formalisierten 12-Takt-Strukturen ins kulturelle Jenseits befördert wurde: Boogie-Woogie-Shaker und Swamp-Stomper, die sich glücklich der Zivilisation versagt haben. Songs, die wie alte Möbel den Fluss hinuntertreiben und Geschichten vom Leben am Limit erzählen. Zum Heulen schön. Am liebsten würde man ihn mit nach Hause nehmen, damit er dort seinen Knochenbeat weiterstampft. Doch Seasick Steve muss auch ans Geschäft denken, an seine Tonträger und T-Shirts, die zum Signieren am Verkaufsstand ausliegen. Nach einer Zugabe ist Schluss. Doch vielleicht klingelt es bald wieder an der Tür.

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