Bodi Bill : Alle machen Urlaub

Bodi Bill stehen mit ihrem Folk-Elektro vor dem Durchbruch. Am Freitagabend spielen die Berliner in der Maria.

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Auch Synthesizer erzeugen Gefühle. Alex Ammon, Fabian Fenk und Anton Feist alias Bodi Bill. Foto: Doris Spiekerman-Klaas
Auch Synthesizer erzeugen Gefühle. Alex Ammon, Fabian Fenk und Anton Feist alias Bodi Bill.Foto: Doris Spiekerman-Klaas

Vor den Fenstern rumpelt die Tram über alte Gleise, drängeln sich Autos um Baustellen, rattern die Presslufthammer. Von den Wänden blät-tert der Putz, darüber freskenhafte Zeichnungen, alles schön nachlässig hergerichtet. Berlin, ewige Baustelle, ewiges Versprechen. „Mein Haus am See“ heißt das Café am Rosenthaler Platz in jener romantischen Ironie, die das Leben hier so lebenswert macht. Es ist wie im gleichnamigen Lied von Peter Fox: Eigentlich träumen wir alle vom Landsitz, bleiben aber dann doch hier wohnen. Die Geste genügt.

Diese romantische Ironie ist wichtig bei Bodi Bill. Ihr technoider Folk-Elektro beschwört eine Sehnsucht, die weiß, dass es Erlösung nur im kurzfristigen Rausch der Tanzfläche gibt. Und die sagt: Gut so, mehr brauchen wir nicht.

Fabian Fenk kommt an den Nierentisch, Strickpulli, himmelblaue Hose, Walk-man. Walkman? „Ich hab’ gerade keinen iPod und wollte Musik hören“, erklärt der Sänger. „Hat nicht funktioniert.“ Er zeigt die Kassette: Refused: „The Shape of Punk to Come“, ein Meisterwerk des Hardcore-Punks. In langen Schlaufen quillt das Band raus. Verspult.

Verspult, das sind hier alle. Verspult die Liebesgeständnisse in Fenks Texten: „I’m in love but you seem to be stoned to“ – Ich bin verliebt, aber du bist wohl auch auf Drogen. Verspult der Bandname: „Body Bill“, das klänge auftrumpfend, machomäßig, albern. Bodi Bill, das klingt deutsch, handgemacht und nach Berlin. Im Wissen um die Unerfüllbarkeit großer Entwürfe und Gefühle bleibt als Gestaltungsmittel nur die Brechung, die Unzurechnungsfähigkeit, die sponante Eingebung. Oder, wie Fabian Fenk sagt: Der Impuls. Der Impuls sei das wichtigste beim Produzieren. „Wenn dein Körper direkt auf die Musik reagiert, wird das Stück gut.“

Live sind Bodi Bill drei zuckende Körper, die über Laptops gebeugt die Arrangements ansteuern, mit Gitarre oder Geige an den Bühnenrand treten oder hingebungsvolle Gesänge über die Menge schicken. Es entsteht ein Sog, in dem sich Melancholie und Euphorie, Erlösung und Schmerz wechselseitig verstärken und aufheben. Gerade arbeitet die Band am dritten Album, die ersten Veröffentlichungen in Frankreich und Großbritannien stehen an. Bodi Bill sind Berlins derzeit vielversprechendster Musikexport. Ihr Konzert in der Maria ist ausverkauft.

Alex Amoon greift nach dem Tape und beginnt ungerührt daran herumzufummeln. Er ist der Techniker. Wenn die anderen beiden mal wieder am Kabelgewirr auf der Bühne verzweifeln, schafft der studierte Tonmeister Ordnung. Vor fünf Jahren war Amoon der erste Zuhörer, als Fabian Fenk und Anton Feist ihr Konzertdebüt gaben.

Feist spielte schon als Kind die erste Geige im Jugendorchester Köpenick. „Von Vivaldi bis Rave einmal durchgewischt“, fasst er seine musikalische Sozialisation zusammen. Die erlebten alle drei in der lebendigen Ostberliner Jugendclubszene der neunziger Jahre, Fenk in Karlshorst, Amoon in Köpenick, Feist in Hellersdorf. „Damals haben Schülerbands 300 Mark Gage vom Senat bekommen. Der Eintritt kostete drei Mark, das Bier einen.“ Am Tresen des „All“ traf man Sascha Funke und Paul Kalkbrenner, die heute mit dem Label BPitch Control Aushängeschild des Berlin Techno sind. Auch Modeselektor oder Virginia Jetzt stammen aus den Keimzellen der Jugendclubs. In Karlshorst gründete Fabian Fenk das Label Postrock-Label Sinnbus mit, bei dem Bodi Bill unter Vertrag sind.

Die niedrigen Preise sind inzwischen Geschichte. Nicht mal bezahlbaren Proberaum findet man noch. „Irgendwann wurden die Szenen recht hermetisch“, erinnert sich Fenk. „Es war klar, dass wir unser eigenes Ding machen würden.“ Anfangs dachten die beiden nur an ein paar Auftritte in Galerien; Fenk hatte in Leipzig Grafik und Buchkunst studiert, Feists Frau ist bildende Künstlerin. „Wir fanden uns verrückt, Gitarre und Geige zu kombinieren.“ Dabei stand schon das Folk-Revival in den Startlöchern, Arcade Fire rollten mit fiedelnden Geigen über den Atlantik. Auch in Deutschland hat die Kombination aus Indierock, elektronischen Klängen und Streichern ihre Tradition in der Weilheimer Szene um The Notwist. Deren Musik hat allerdings immer den Nimbus deutscher Wertarbeit. Ein Werk wird auf die Bühne gestellt, und das Publikum geht in Bewunderung auf. Bodi Bill schaffen dagegen den direkten Kurzschluss zwischen Festplatte und Körper.

Alex Amoon hat das Tape tatsächlich wieder aufgespult. „Ich komme von einer klassischen Klavierausbildung und bin immer wieder überrascht, wie einfach letztendlich die Dinge sind, die funktionieren.“ Bodi Bills Streicher- und Klavierarrangements wie im ergreifenden Abschiedsstück „Depart“ haben Kammermusikqualitäten, sind dabei aber immer mit den klickenden und schnarrenden Störgeräuschen des Minimal Techno kontrastiert. Hier herrscht große Offenheit in Mitteln wie Ausdruck, eine absolute Aufgeklärtheit über alle Effekte. Gefühle sind künstlich herstellbar durch die Verschaltungen digitaler Synthesizer.

Mit der Brechung von Illusionen und der Reflektion über die Produktionsbedingungen wollte schon Friedrich Schlegel eine neue Aufrichtigkeit schaffen. Als ständigen Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung beschrieb er die romantische Ironie. Klingt nach Bodi Bill. Im harten Kontrast und dem bejahenden Sog der Tanzfläche finden sie emotionale Wahrhaftigkeit. Und überwinden die Uneigentlichkeit, wie sie spätetens seit Punk die Berliner Musik bestimmte.

Auch Fenks Lyrik schöpft sich aus romantischen Märchenwelten, wie sie in den letzten Jahren in Malerei und Illustration beschworen werden. Wölfe und Bären zieren Bodi-Bill-Cover und Fan- T-Shirts. Doch auch dieser Eskapismus ist gebrochen. „Wir mögen Natur“, stellt Fenk klar. „Berlin ist ja auch sehr Natur. Überall sind Bäume.“

„Berlin ist eigentlich wie Hiddensee, nur mit Autos“, sagt Amoon. „Alle hängen rum und machen Urlaub.“

Bodi Bill spielen heute Abend ab 23 Uhr in der Maria am Ufer.

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