BRZVLL - Happy Life Creator : Die Mehrgenerationen-Band

Aus Antwerpen kommt eine der musikalischen Überraschungen dieses Herbstes. Unter dem etwas umständlichen Namen BRZVLL vereinigen sieben Belgier auf höchst unterhaltsame Weise Fusionjazz, Afrobeat und Funk.

Martin Väterlein
Musikerkollektiv mit Gartenzwerg
Musikerkollektiv mit GartenzwergFoto: Melting Pot

Unverkennbar haben BRZVLL (benannt nach Brazzaville der Hauptstadt der Republik Kongo) ihre Wurzeln in den frühen 70er Jahren. In einer Zeit also, in der Musik noch endlos verspielt war, von Muckertum bestimmt und allzu häufig durch psychedelische Drogen unterfüttert. Sie huldigen auf ihrer Platte „Happy Life Creator“ dem Einfallsreichtum von damaligen Größen wie Herbie Hancock, Fela Kuti oder Chick Corea.
Dass die Angelegenheit nicht zur bloßen Retroveranstaltung gerät, ist wohltuend. Sie geht auf die belebende Offenheit der Band zurück. Dezent werden die Möglichkeiten moderner Klanggebung genutzt. Spoken Word-Einlagen lassen an Ursula Rucker oder Laurie Anderson denken. Rhythmisch kann man sich streckenweise an den Acid Jazz der 90er erinnert fühlen.
All das macht beim ersten Hören genauso viel Spaß wie beim vierten oder fünften Durchlauf. Das Geheimnis dahinter: Hier wird Fusionjazz nicht nur als hippes Soundzitat missbraucht, sondern in all seiner musikalischen Vielfalt in den Mittelpunkt gestellt. Unter der durchaus tanzbaren Oberfläche finden sich komplexere Strukturen, die zum Wiederhören einladen.


Der Abwechslungsreichtum von BRZVLL, die hohe Qualität der Stücke und ihre unverkennbare Freude am eigenen Spiel lassen „Happy Life Creator nicht nur zum Favoriten älterer Herrschaften auf der Suche nach dem Sound ihrer Jugend werden. Sie eröffnen auch Clubgängern von Heute den Zugang zu einer Musik, die immer wieder neu entdeckt werden sollte.
Übrigens: Kurzentschlossene werden sich beim Kauf der limitierten Erstauflage auf LP und CD über ein ausgeklügeltes Bastelcover freuen.

Ebenfalls neu auf Vinyl:

In den 80er Jahren setzt Twin Shadow auf seinem Debüt „Forget“ an. Anstatt dem Reflex zu folgen und diese LP angesichts des schon recht ausgelutschten 80er-Revivals schnell beiseite zu legen, lohnt es sich, ihr eine Chance zu geben. George Lewis Jr. alias Twin Shadow bezieht sich auf die melancholischen Klänge von Bands wie Human League, Roxy Music und Spandau Ballett. Seine sanfte Stimme und ein begnadetes Händchen für zeittypische Melodien machen „Forget“ zu einer der besten Alben am Ende der Retro-Welle.
Im letzten Jahr waren Phantom Band Gewinner des Soundcheck Awards von Radio 1 und Tagesspiegel. Jetzt legen sie mit „The Wants“ nach. In gewohnter Manier nutzen sie den gesamten Spielraum, den ihnen ihre Fantasie bietet. Leicht verdaulich ist das Ergebnis nicht. „The Wants“ fasziniert dafür mit ungebremster Traurigkeit und unterschwelliger Aggression. Ob die Schotten mit der neuen LP ihren Titel vom Vorjahr verteidigen können, wird man sehen müssen.
Während sich die Band eine Auszeit nimmt und Sängerin Laetitia Sadier mit einem Solo-Album debütiert, veröffentlichen Stereolab eine LP mit Stücken, die 2007 im Zuge der „Chemical Chords“-Sessions aufgenommen wurden. Vieles auf „Not Music“ erinnert in seinem Bezug auf klassisches Songwriting an die Soloarbeit der Sängerin. Wirklich überzeugend wird es da, wo Stereolab an ihre alten Stärken anschließen und Krautrock mit Beats, Chanson und Spacesounds mischen.

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