Bühne : Panther sind auch nur Menschen

Rainald Grebe, Komödiant, Kabarettist, Brandenburg-Hasser, geht jetzt unter die Volksmusiker.

Lucas Vogelsang
Rainald Grebe
Foto: Promo

Auf der Bühne nur das matte Flackern eines künstlichen Lagerfeuers und die Lichtkegel von drei Stirnlampen. Grillen zirpen. Eine Gitarre erklingt. Rainald Grebe beginnt zu singen, der Versuch eines alten Volksliedes, bricht ab und beginnt von vorne. Immer wieder. Die Musik spielt währenddessen unbeirrt weiter. Bis sich die Ruinen alter Volksweisen beinahe beiläufig mit Trinkliedern, Schnappi oder Xavier Naidoo vermischen.

„Volksmusik“ hat der Kabarettist und Liedermacher die Bühnenshow genannt, mit der er und seine „Kapelle der Versöhnung“ seit Freitag wieder im Tipi gastieren. Denn Grebe hat festgestellt: „Man sitzt da und will alte Volkslieder singen und kommt über den ersten Satz nicht hinaus.“ Also hat er sich an seinen Flügel gesetzt und „einfach neue Volkslieder geschrieben“, eine Platte aufgenommen und sein ganz persönliches Gesangbuch herausgebracht. Eine Art Mundorgel 2.0, mit der sich Familien bei billigem Wein um Grillkohle versammeln und wie früher singen sollen. Es ist Musik für das Volk über das Volk, vertonte Sozialstudien („Castingallee“) und tanzbare Ohrwürmer („Doreen aus Mecklenburg“), mit denen sich Rainald Grebe auf eine Safari durch die Republik begibt.

Jetzt sitzt der Mann mit der hohen Stirn und den dunkel umrandeten Augen in einer Bar und hinter ihm tanzen Zebras auf einer beigefarbenen Tapete. Sein schwarzes Hemd ist locker geknöpft, die Ärmel sind leicht gekrempelt. Grebe wirkt erschöpft. Abseits der Bühne als öffentliche Person zu fungieren, das ist nichts für den zurückhaltenden Liedermacher mit dem subversiven Humor. Er kommt lieber aus dem Windschatten: „wenn mich die Leute nicht kennen und denken, was macht denn der Typ da am Klavier.“ Den Schutz der Anonymität hat er jedoch zwangsläufig verlassen. Seine Hymne „Brandenburg“ ließ ihn in den vergangenen Jahren zum Aufsteiger der deutschen Kabarettszene und über die Grenzen der Kleinkunst hinaus bekannt werden. Grebe spielte bei Stefan Raab, Dutzende Mitschnitte seiner Auftritte laufen bei „youtube“.

Heute brandet Beifall auf, wenn Grebe die ersten Akkorde von „Brandenburg“ anklingen lässt: „Es gibt Länder, wo richtig was los ist. Und es gibt Brandenburg“, singt er in den tobenden Saal. Weiter kommt er nicht. Er muss warten, bis sich die Begeisterung gelegt hat. „Egal, wo ich auftrete, die Leute brüllen immer, Brandenburg, wir wollen Brandenburg.“ Mittlerweile spielt er das Lied deshalb kaum noch. Helge-Schneider-Effekt nennt Grebe das. „Der musste auch jedes Mal ,Katze-Klo’ spielen, bis er irgendwann genervt von der Bühne geflüchtet ist.“

Vor kleinem Publikum konnte er überraschen, jetzt lauern die Zuschauer auf den nächsten schrägen Reim und sind enttäuscht, „wenn ein Lied mal nicht lustig ist“, sagt er und wird ein wenig ernster. Er ist eben nicht nur Comedian. Geboren in Frechen nahe Köln zog es den heute 35-Jährigen nach dem Abitur Anfang der Neunziger nach Ostberlin und erwarb an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst sein Diplom als Puppenspieler. In dieser Zeit wurde er von Thomas Hermanns für den Quatsch Comedy Club entdeckt und war immer wieder Gast bei den Stand-Up-Treffen in Hamburg. Doch inmitten der neuen Spaßgesellschaft fühlte sich Grebe bald unwohl. Seinen Platz fand er schließlich in Jena, wo er am Theaterhaus als Regisseur, Dramaturg und Schauspieler arbeitete. Nebenbei schrieb er Songs, mit denen er in kleineren Clubs auftrat.

Die Arbeit am Theater hat auch seine Haltung als Kabarettist beeinflusst: „Wenn ich auf der Bühne stehe, mache ich Theater, spiele eine Rolle.“ Er ist dann Rainald Grebe als Rainald Grebe, der Einzelgänger am Flügel. Mit teilweise melancholisch bis bösartig ironischen Texten, wie in der Drogenschnulze „Butzi Butzi“ ( „der Tunnel sagt zu Lady Di/ fahr heute lieber mal an mir vorbei“). Grebes Lieder leben von seinen abseitigen Reimen, die keiner bestimmten Logik folgen, keinem einheitlichen Metrum. Und auf den ersten Blick wie Schuljungen-Poesie klingen, bevor sie beim zweiten Hinhören ihre skurrile, absurde Schönheit entfalten. Der „Spiegel“ kürte ihn deshalb zum „Dada-Rilke“. Grebe muss schmunzeln: „Damit kann ich nichts anfangen.“

Er holt eine französische Zigarette aus der Schachtel, dann beginnt er ganz leise den Panther zu rezitieren. „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.“ So viel Rilke muss dann doch sein. Auch weil sich hinter diesen Versen eine Geschichte verbirgt, die das Wesen von Grebes Humor verdeutlicht: „In der Klapse, in der ich gearbeitet habe, gab es einen Mann, der sagte immer, er sei ein Panther“, er grinst und zieht an seiner Zigarette. „Die Pfleger konnten nichts damit anfangen. Aber er hatte Recht.“ Manche Botschaften richten sich an initiierte Geister. Bei den Insassen der Anstalt folgte auf ein kurzes geniales Flackern oft der Zusammenbruch. Schnitt. Und aus.

Grebes Komik liegt in diesem Wechselspiel zwischen Genialität und Nonsens, ist Borderline-Humor. Wieder reißt er seine Augen weit auf. In jedem von uns schlummert der Irrsinn. Grebes Texte sind fast immer autobiographisch. Lieder wie „Single in Berlin“ oder „Massenkompatibel“ erzählen vorbehaltlos aus seinem Leben, handeln vom Scheitern, vom Alleinsein. Ein Motiv, das Grebe immer begleitet hat. Er saugt den Alltag auf, immer auf der Suche nach einer guten Strophe. Was er dabei findet, schreibt er auf kleine Zettel, legt sie in einen Kasten und wartet, bis sie passen. Aus diesen Tausenden von Schnipseln entstehen dann Lieder, die von der Tristesse des Ostens und des Pärchenalltags der Thirty-somethings erzählen, oder von einer Exfreundin, die auf Andreas Baader onaniert. Lieder, in denen Tragik immer auch Komik in Spiegelschrift ist. Etwa wenn er über die magersüchtige Pia singt, sie wolle „werden so lalalala lalalala lalalala-leicht“). Die Hälfte des Publikums ist ergriffen vom Schicksal des Mädchens, das sich im Silbenspiel der Zeilen erfüllt. Die andere Hälfte lacht Tränen. Das Leben, wie es Rainald Grebe sieht, ist nie so lala.

Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung, „Volksmusik“ ist bei Broken Silence erschienen. Die Band tritt bis 17. Juni im Tipi am Kanzleramt auf, 20.30 Uhr.

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