Catherine Nagelstad : "Diese Rolle ist ideal"

Am Sonntag hat Verdis „Ballo in Maschera“ an der Berliner Staatsoper Premiere: Catherine Nagelstad singt die Hauptrolle der Amelia.

Nagelstad Foto: dpa
Catherine Nagelstad als Amelia und Piotr Beczala als Riccardo bei der Probe zu der Verdi-Oper "Un ballo in maschera". -Foto: dpa

Frau Nagelstad, was ist diese Amelia in Verdis „Ballo in Maschera“ für eine Frau?

Amelia steht zwischen zwei Männern, sie führt eine glückliche Ehe mit Renato und liebt zugleich Riccardo. Ein solcher Gefühlskonflikt passt gut in unsere Zeit, jeder kann sich da hineinversetzen. Auf der Bühne will ich große Emotionen ausdrücken, diese Rolle ist dafür einfach ideal.

Sind die Heldinnen in anderen Verdi- Opern weniger leidenschaftlich?

Leonora in „Il Trovatore“, Elisabetta in „Don Carlo“ oder Violetta in „La Traviata“ lieben immer nur einen Mann, das ist der große Unterschied. Amelia leidet deshalb so sehr, weil sie innerlich zerrissen ist. Sie will ihre Ehe erhalten und kämpft gegen ihre Gefühle für Riccardo, dennoch kommt sie nicht von ihm los. Das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito sieht Amelia als starke Persönlichkeit, die durch ihre Schwäche für den Geliebten sehr verwundbar wird. Ihr Charakter ist vielschichtiger angelegt als in den meisten anderen Inszenierungen dieser Oper.

Die Inszenierung wird in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an der US-Ostküste spielen, Hintergrund ist ein parteiinterner Machtkampf.

Bei Verdi sollte ursprünglich die Ermordung des schwedischen Königs Gustav III. bei einem Maskenball 1792 im Zentrum stehen. Aus Zensurgründen musste der Schauplatz der Handlung jedoch mehrmals verändert werden. Im Grunde ist es auch gar nicht so wichtig, an welchem Ort und zu welcher Zeit die Oper spielt. Liebe und Eifersucht kann jeder überall empfinden, ob er nun König, Gouverneur in Boston oder Präsident ist. Ein Regisseur sollte aber die Aufführungsgeschichte eines Werks im Blick behalten, vor allem, wenn er eine ganz neue Richtung einschlagen will.

Verdi sah den „Maskenball“ teils als Tragödie und teils als Farce.

Jossi Wieler hat aus dem Werk viel Komik herausgekitzelt, auch an Stellen, an denen man sie normalerweise nicht wahrnimmt. Im Übrigen finde ich, dass jede Tragödie irgendwann zur Farce wird. Auch im wirklichen Leben ist es doch so: Gerade in todernsten Situationen wird oft besonders viel gelacht.

Sie haben in Ihrer Zeit an der Staatsoper Stuttgart sieben Produktionen mit Jossi Wieler und Sergio Morabito gemacht.

Jossi Wieler ist der erste Regisseur, der mich voll und ganz unterstützt hat. Wir haben großes Vertrauen zueinander und verstehen uns ohne viele Worte. Das erleichtert die Arbeit enorm, was aber nicht heißt, dass wir immer einer Meinung wären.

Sie gelten als Live-Künstlerin mit enormer Bühnenausstrahlung. Von Ihren Auftritten in Stuttgart gibt es DVDs, bisher haben Sie aber keine einzige CD aufgenommen. Scheuen Sie den Weg ins Studio?

Nein, es gab nur noch keine passenden Angebote. Mit DVDs kann man hoffentlich ein breiteres Publikum für die Oper gewinnen. Die Tonqualität solcher Aufnahmen ist aber leider nicht gut genug. Ähnlich verhält es sich mit Opernübertragungen auf Großleinwänden – die Akustik ist nicht die gleiche wie in einem Opernhaus. Auch eine Live-Projektion im Kino hat eine ganz andere Wirkung auf den Zuschauer. Ich finde es zwar beeindruckend, wenn sehr viele Menschen gemeinsam eine Oper erleben. Solche Übertragungen sollten allerdings Ausnahmen bleiben.

Sie sind inzwischen sogar auf dem Internetvideoportal Yotube zu sehen.

Das habe ich erst vor kurzem festgestellt. Leider habe ich den Fehler gemacht, alle Kommentare zu lesen. Das sollte man nie tun! Auch Pressekritiken lese ich kaum noch, früher hat mich das mehr berührt.

Sie haben bislang die unterschiedlichsten Rollen gesungen, vom Barock über Verdi bis zu Strauss und Weill. In welche Richtung wollen Sie sich weiterentwickeln?

Der Verismo und Puccini liegen mir sehr. 2009 werde ich „Manon Lescaut“ in Marseille singen. Zu „Tosca“ kehre ich ohnehin immer wieder zurück. Mit dem deutschen Repertoire würde ich mich gern mehr befassen, von Strauss möchte ich nicht nur die Salomé singen. Leider wird man zu schnell in eine bestimmte Schublade eingeordnet.

Das Gespräch führte Corina Kolbe.

Catherine Nagelstad kam in Kalifornien als Kind schwedischer Eltern zur Welt. Sie studierte Gesang in San Francisco, Rom, Mailand und New York.

Von 1997 bis 2003 gehörte die Sopranistin zum Ensemble der Staatsoper Stuttgart, für ihre intensive Rollengestaltungen wurde sie 2006 bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zur Sängerin des Jahres gewählt.

Das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito hat sich Catherine Nagelstad für ihre Inszenierung von Verdis „Ballo in Maschera“ an der Berliner Staatsoper ausdrücklich als Amelia gewünscht. Die Premiere am 20. Januar ist zugleich das Debüt der Sopranistin am Opernhaus Unter den Linden.

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