Pop : Catwalk junger Meister

Nicht nur Franzosen kommen aus New York: Die Juilliard School zu Besuch in Berlin

Frederik Hanssen

Ausgerechnet Gatow! Vom allerwestlichsten Zipfel Berlins, zu Mauerzeiten eine Enklave jenseits der Havel, machte sich Helena Madoka Berg im Herbst 2004 auf den Weg – und landete im Herzen New Yorks. Die hochbegabte Geigerin schaffte gleich nach dem Abi die Aufnahmeprüfung an der legendären Juilliard School, einer der berühmtesten Kunsthochschulen der Welt. Hier werden seit 1895 unzählige Stars des Klassik-Business ausgebildet, hier ist jeder Korridor ein Catwalk der Meister von morgen, hier machen die Studenten keinen Pennälerquatsch, sondern nur Geniestreiche.

Im Gegenzug umarmt die Institution ihre Schützlinge aber auch wie eine alma mater: „Alles ist hier perfekt durchorganisiert“, schwärmt Helena Berg. „Für jedes Problem steht immer ein Ansprechpartner zur Verfügung, jeder Student bekommt seine eigene Mailadresse, die gesamte Organisation läuft über das hochschuleigene Intranet.“ Sogar die Suche nach einem Quartier wird den Erstsemestern abgenommen: Sie erhalten mit der Zulassung automatisch einen Platz im Studentenwohnheim auf dem Hochschulgelände. Und das heißt im Fall der Juilliard School: In feinster Manhattan-Lage, am Lincoln Center direkt neben der Metropolitan Opera und der Avery Fisher Hall, dem Sitz der New Yorker Philharmoniker. Zum Central Park West sind es fünf Minuten zu Fuß.

Viel Zeit zum Flanieren haben die Nachwuchssolisten allerdings nicht, denn das Studium ist extrem verschult, es herrscht Anwesenheitspflicht in allen Kursen, wer mehr als fünf Tage am Stück Urlaub machen will, muss sich das vorher genehmigen lassen. Für die Berlinerin Helena Berg, die parallel zur Abivorbereitung schon ein Schnupper-Semester an der Universität der Künste absolviert hatte, war diese organisierte Unselbständigkeit durchaus gewöhnungsbedürftig. Und auch mit ihrem amerikanischen Professor kam sie erst nicht so richtig klar: „Jeder Lehrer hat seine eigene Methode, seine Metaphern, mit denn er umschreibt, wie er den Klang, die Technik, die Interpretation haben will“, erklärt die 23-Jährige. Nach der schwierigen Eingewöhnungszeit aber klappte die Kommunikation dann so gut, dass Helena Berg ihren eigentlich nur auf ein Jahr angelegten New-York-Aufenthalt bis Sommer 2006 verlängerte.

Zurück in Berlin, musste sie dann noch einmal eine Aufnahmeprüfung ablegen, diesmal an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, wo sie in die Geigenklasse von Antje Weithaas aufgenommen wurde. In dieser Woche wird sie auf den Fluren des Hauptgebäudes am Gendarmenmarkt einigen bekannten Gesichtern begegnen: Denn acht Juilliard-Studierende sind auf Einladung des Freundeskreises der Hochschule nach Berlin gekommen, um unter dem Motto „Flying hoch!“ gemeinsam mit ihren deutschen Kommilitonen Kammermusik zu machen.

Der Zeitpunkt ist mit Bedacht gewählt: Gerade ist auch in der Neuen Nationalgalerie prominenter Besuch aus New York angekommen, und Andrea von Bernstorff, die Vorsitzende des Eisler-Freundeskreises ist die Lebensgefährtin von Peter Raue, dem Chef der Nationalgalerie-Unterstützer und Organisator der Impressionisten-Schau. Am Donnerstag wurden die Besucher der Ausstellung von den Juilliard-Studenten mit Live-Musik-Einlagen überrascht, bis Montag sind vier weitere Auftritte geplant, darunter auch ein Aufmunterungskonzert für Charité-Patienten im Bettenhochhaus an der Luisenstraße. „Social responsability liegt den Amerikanern sehr am Herzen“, erklärt Andrea von Bernstorff, Hochschul-Rektor und Philharmoniker-Posaunist Christhard Gössling berichtet beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der seine amerikanischen Kollegen Education-Projekte als Teil ihrer Arbeit betrachten.

Seit drei Jahren verbindet die beiden renommierten Musikhochschulen, die mit jeweils rund 500 Studierenden auch ungefähr gleich groß sind, eine Partnerschaft. Im November 2004 haben Berliner Nachwuchssolisten zum 15. Jahrestag des Mauerfalls ein „Concert of Friendship“ im World Financial Center gegeben. Jetzt sind die Amerikaner zum Gegenbesuch da. Bei dem von ZDF-Anchorman Claus Kleber moderierten Abschlusskonzert im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek wird am Montag neben den Berliner und New Yorker Studenten auch die amerikanische Pianistin Simone Dinnerstein zu erleben sein, ein Alumni der Juilliard School, die gerade zur großen Karriere ansetzt.

Erfolgreiche ehemalige Studenten sind der größte Trumpf der amerikanischen Universitäten, die sich zum allergrößten Teil aus Spenden finanzieren. Die Juilliard-School allein unterhält fünf verschiedene Freundeskreise. Helena Berg hat das Alumni-System der Juilliard-School mächtig imponiert: „Die Hochschule baut nicht nur systematisch ein Netzwerk internationaler Kontakte auf, sie setzt auch alles daran, ein unverwechselbares Image zu bekommen, zum Markennamen zu werden. Zum 100. Jubiläum gab es eine große Gala mit berühmten Absolventen wie der Sopranistin Renée Fleming, die gezielt als Werbekampagne und Fundraising-Event genutzt wurde. Als Ehemalige kann ich sogar eine hochschuleigene Kreditkarte beantragen.“

Ein Künstlerleben in den USA mag sich Helena Berg allerdings nicht recht vorstellen. Abgesehen davon, dass es gar nicht so einfach ist, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen, gefällt ihr auch die Einstellung des amerikanischen Publikums zur Klassik nicht besonders: „In New York kommen die Leute mit einer gewissen Konsumhaltung, sind nicht besonders aufmerksam während der Aufführungen und klatschen wenig – schließlich haben sie ja schon bezahlt.“ In der deutschen Hauptstadt dagegen, so konnte sie als Wanderin zwischen den Musikwelten beobachten, sind die Konzertbesucher nicht nur ernsthafter bei der Sache, sondern auch kenntnisreicher, im positiven Sinne kritischer und beim Schlussapplaus viel herzlicher. Ein schönes Kompliment an das Berliner Publikum.

„Flying hoch!“ bietet folgende Konzerte: 8. Juni, 18 Uhr, Quartette von Barhms und Wolpe im Marstall am Schlossplatz; 10. Juni, 11 Uhr, Bläsermatinée im Marstall; 11. Juni, 20 Uhr, Concert of Friendship im Otto-Braun-Saal (Studententickets für 10 €). Infos: www.hfm-berlin.de

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