Chanson : Der ewige Gainsbourg

Er ist zugleich der Kronprinz und Totengräber des Chansons: Benjamin Biolay mit seinem fünften Album „Trash Yéyé“.

Jens Mühling
Biolay Foto: EMI France
Schmerzenspoet: Benjamin Biolay. -Foto: EMI France

Gäbe es Benjamin Biolay nicht, die deutsche Tonträgerindustrie müsste ihn glatt erfinden. Selten kam ein Sänger so geballt französisch daher: Nicht genug damit, dass er in seiner Heimat als zweiter Serge Gainsbourg gefeiert wird, nicht genug, dass Biolay für seine Balladenkunst zur Vorhut einer nouvelle vague de la chanson française erklärt wurde, einer neuen Welle des längst abgeschriebenen Chansons französischer Prägung. Nein, durch seine Heirat mit Chiara Mastroianni verankerte sich Biolay auch noch fest im Stammbaum französischer Kulturtraditionen: Auf einen Streich wurde er zum Schwiegersohn von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni. Endgültig zur Traumbesetzung des Idealfranzosen aufgestiegen ist Biolay diesseits des Rheins allerdings erst, seit er sich vor kurzem von seiner prominenten Gattin getrennt hat – denn was schätzen wir gefühlskalten Germanen an unseren mediterranen Nachbarn mehr als innig zelebriertes Liebesleid?

Von Letzterem gibt es denn auch reichlich auf Biolays soeben erschienenem Album „Trash Yéyé“, dem fünften seiner bisherigen Karriere. Etwa in „Douloureux dedans“, einem jener typisch streichersatten Stücke, in denen Biolay mit Grabesstimme von nicht ortbaren Schmerzen raunt, von hinterrücks attackierenden Vipern, von blutverweinten Augen und lustvoll erlittener Grausamkeit. Prompt griffen die Feuilletons, die französischen wie die deutschen, gierig nach diesen knapp unter der Oberfläche baumelnden Angelhaken – und nahmen sie als Verweise auf La Mastroianni. Cherchez la femme.

Dass man sich mal nicht täuscht – denn die melancholische Pose, mit der Biolay seine Schmerzenspoesie inszeniert, war schon auf früheren Alben viel mehr virtuos eingesetztes Stilmittel als biografisch motivierte Selbstauslotung. Es ist ein inspirierter Künstler, der hier spricht, kein enttäuschter Liebhaber – und Biolays beseelte Inkarnation des verzweifelten Dandys ist es ja gerade, die ihn als Chansonnier so groß macht. In Interviews – und in seinen Liedzeilen – zeigt Biolay sich wohl deshalb inzwischen zunehmend frustriert von den ständigen Absichtszuweisungen durch sein Publikum. Mit dem „neuen Chanson“ will er schon lange nichts mehr zu tun haben, seine Epigonen erklärt er wegwerfend zu Schaumkronen einer Welle, der er nie vorausgeschwommen sein will. „Peu m’importe ce qu’on raconte sur moi“, singt er in „Cactus Concerto“, dem in dieser Hinsicht vielleicht aufschlussreichsten Song des Albums. „Peu m’importe qu’on soit deux crétins ou trois / quatre, cinq, six, sept, huit, neuf crétins comme moi / A frapper à ta porte“. Sollen die Leute doch reden, was sie wollen – und spielt es eine Rolle, ob es nun zwei Idioten wie ich sind oder zehn, die an deine Tür klopfen? „Va au diable.“ Geh zum Teufel.

Vielleicht muss man schon den Titel des Albums als Absage an Vereinnahmungsversuche lesen: Yéyé, diesen Ausdruck prägte in den sechziger Jahren der Pariser Soziologe Edgar Morin als Sammelbegriff für französische Beat- und Twist-Epigonen wie Françoise Hardy, Johnny Halliday und France Gall. Mit diesem Trash-Erbe kann Biolay gleichzeitig viel und wenig anfangen: Zwar ist seine eigene Musik um Lichtjahre intelligenter – doch ihre Intelligenz stellt sie eben nicht zuletzt bei der Anverwandlung angelsächsischer Einflüsse unter Beweis, die auch schon das klassische Yéyé gekennzeichnet hatten. So orientiert sich Biolays Gestenrepertoire der Verzweiflung viel mehr an Nick Cave als an Jacques Brel, so ähnelt sein eindringlicher Flüsterbass eher dem melancholischen Vortrag des Tindersticks-Sängers Stuart Staples als dem mokanten Organ eines Serge Gainsbourg. Und auch seine musikalischen Arrangements, seine Geiger- und Bläsermeere, haben wenig mit dem Orchesterschwulst eines Charles Aznavour zu tun – dafür aber um so mehr mit den trauerschweren Soundschichtungen des zweiten großen Pop-Dandys unserer Tage, des Briten Richard Ashcroft.

Was also, außer der Sprache, ist überhaupt französisch an Benjamin Biolay? Nicht, dass seine Sprache nicht schon einiges zum unverwechselbaren Charakter dieser wunderbaren Platte beitrüge: seine wirrwuchernden Gesänge über Stuhlbeine in Frauenmündern („Dans ta bouche“), über Jugend, verschwendet in deutschen Autos („Dans la Merco Benz“), gestöhnte Schweinereien in Junggesellenwohnungen („La garçonnière“). Erwachsenenfilme in Gästezimmern („La chambre d’amis“) und den Ritt der Sonne übers Meer auf einem grauen Windhund namens Blondie („Regarder la lumière“).

Eine gewisse erotische Schwüle ließe sich also anhand der Texte schon mal als französisierendes Element dieser Platte ausmachen. Was aber „Trash Yéyé“ – vielleicht im Gegensatz zu seinem nüchterneren Vorgängeralbum „À l’origine“ – tatsächlich in die Tradition des Chansons stellt, ist sicher sein ungebremster Hang zur großen Geste, zur inszenierten Veräußerung von Innerlichkeit – verbunden mit gleichzeitiger Nonchalance und unbedingtem Stilwillen. Da steht einer am Abgrund, und während er sich mit der linken Hand blutige Tränen aus den Augen wischt, rückt er mit der rechten beiläufig die Nelke im Knopfloch zurecht. Es sind dieser mit Grandezza inszenierte Spleen und diese heitere Theatertraurigkeit, die Biolay zu Recht in die Nähe der alten Pariser Bühnenkünstler rücken – und nicht die messianische Sehnsucht der Franzosen nach der Wiederkehr von Serge Gainsbourg.

Am 21. September stellt Benjamin Biolay sein Album „Trash Yéyé“ (EMI/Labels) im Rahmen der Popkomm im Kesselhaus der Kulturbrauerei vor.

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