Classic Open Air : Knall und Rauch

Das Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt: Ohne Heizpilz, aber mit dem Heintje unter den Wagner-Sängern.

Frederik Hanssen

Anfang Juli, wenn das von den Berlinern so geliebte Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt stattfindet, ist meteorologisch immer eine heikle Zeit, selbst im perfekten WM-Sommer 2006 gab es just in diesen Tagen sintflutartige Niederschläge. Auch zur Eröffnung der 16. Sommersaison am Donnerstag wirkte das Lied des Steuermanns aus dem „Fliegenden Holländer“ wie ein Stegreifgedicht: „Mit Gewitter und Sturm“ war die Robert-Schumann-Philharmonie angereist, „über turmhohe Flut von Süden her – hab dir was mitgebracht“. Eine ganze Nacht lang Musikdramatisches von Richard Wagner nämlich. Zwar hört der Regen wenige Minuten vor Konzertbeginn wie auf Kommando auf, doch angesichts der wild daherjagenden dunkelgrauen Wolken kommt selbst der Stammgast nicht umhin, sich zu fragen „War ich Unsel’ger Spielwerk deines Spottes?“ oder: Warum tue ich mir das jedes Jahr wieder an?

Weil, bei allem Unbill der Natur und jenseits des Eventhaften, hier immer wieder interessante musikalische Begegnungen stattfinden: Mit Janice Baird zum Beispiel, einer jener hochprofessionellen amerikanischen Sängerinnen, die sich dem deutschen Stadttheater hingegeben haben, die dafür sorgen, dass auch in den kleinen und mittleren Häusern die Leute zu ihrem Quantum an Wagner-Aufführungen kommen. Die Frau hat Bühnenpräsenz, Attacke im metallisch-dramatischen Sopran und macht die Senta-Ballade zum Acht-Minuten-Krimi. Überraschend der Auftritt von David Pittman- Jennings – ist doch der Bariton eher für seine Rollenporträts in Klassikern des 20. Jahrhunderts bekannt. Ein kluger, reifer Interpret wie er kann aber selbstverständlich auch den „Abendstern“ aus dem „Tannhäuser“ zum umwölkten Funkeln bringen.

Geschmackssache dagegen ist die Stimme von Klaus Florian Vogt. Ab 25. August in den neuen Bayreuther „Meistersingern“ zu erleben, entpuppt sich der Tenor als Heintje unter den Wagner-Sängern: Von kindlicher Unschuld sind seine Töne, lieblich wie Dessertwein und strahlend wie ein Frühlingsmorgen, doch scheint er selber derart darüber zu staunen, dass er jeden Ausdruck, jede Textausdeutung vergisst. Ob Siegmund, Stolzing, Rienzi oder Lohengrin, alles klingt gleichförmig hübsch und naiv. Dabei begleiten Dirigent Niksa Bareza und sein Orchester so differenziert, dass man es selbst über die Lautsprecheranlage mitbekommt. Überhaupt wird von den Chemnitzern mit großem Ernst musiziert, die Hits werden keineswegs bloß als Häppchen serviert, sondern eingebettet in ihren Partitur-Kontext. „Wagnernacht im Feuerzauber“ übrigens haben die Veranstalter den Abend betitelt – neben dem Knall-und-Rauch-Spektakel zum finalen Walkürenritt hätte man tatsächlich auch als Zuschauer ein wenig offenes Licht vertragen können: nicht gleich den Götterdämmerungs-Weltenbrand, aber Brünnhildes wabernde Lohe zum Beispiel. Oder wenigstens einen Heizpilz. Frederik Hanssen

Infos: www.classicopenair.de

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