Claudio Abbado : Fliegen lernen

Auf seine Art hat er sich den Geist von 1968 bis heute bewahrt. Lasst junge Leute um ihn sein: Zum 75. Geburtstag des italienischen Dirigenten Claudio Abbado

Frederik Hanssen

Damals, vor 40 Jahren, rief Claudio Abbado als Chefdirigent der Mailänder Scala die concerti per lavoratori e studenti ins Leben, holte Arbeiter und Schüler in den ehrwürdigen Musentempel, trat zusammen mit dem Pianisten Maurizio Pollini und dem Komponisten Luigi Nono auch in Fabriken auf. Doch letztlich ist der Maestro aus Mailand doch zu sehr ein Mann der leisen Töne, zu wenig Propagandist, als dass er sich auf Dauer zum Vorkämpfer einer musikalischen Befreiungsbewegung hätte machen wollen. Um seine Ideen unter bestmöglichen Arbeitsbedingungen realisieren zu können, trat er den Marsch durch die Instanzen an, beim London Symphony Orchestra, an der Wiener Staatsoper und von 1989 bis 2002 dann bei den Berliner Philharmonikern.

Doch auch wenn Claudio Abbados Auftritte heute regelmäßig zu gesellschaftlichen Events werden – die Generalproben zu seinen Projekten reserviert er immer noch für die Jungen und vom System Benachteiligten. Und er betreibt sein ganz privates Nachwuchs-Förderprogramm: Fünf Orchester hat er seit 1988 gegründet, vier davon sind als Sprungbrett für Hochbegabte gedacht. Das Mahler Chamber Orchestra, eine Initiative aus den Reihen seines Gustav Mahler Jugendorchesters, hat sich längst als international gefragtes Ensemble etabliert und dient zudem als Stammbesetzung des Lucerne Festival Orchestra, in dem Abbado seit 2003 allsommerlich seine Künstlerfreunde am Vierwaldstättersee um sich versammelt. „Als ich ein Kind war, habe ich oft davon geträumt, fliegen zu können“, vertraute er vor einigen Tagen der italienischen Zeitung „La Repubblica“ an. „Diesen Traum habe mir als Erwachsener erfüllen können, durch die Musik. Mit meinen Orchestern gelingt es mir oft abzuheben, vor allem mit jungen Musikern: Sie haben dieses Vertrauen, können loslassen, mit mir fliegen.“

Zu seinem heutigen 75. Geburtstag schenkt Abbado den Fans zwei Doppel- CDs, auf denen er mit dem 2004 in Bologna gegründeten „Orchestra Mozart“ ausgewählte späte Sinfonien des Salzburger Genies interpretiert sowie dessen Violinkonzerte, gespielt von Giuliano Carmignola. Die Live-Mitschnitte machen deutlich, mit welcher Freude, welchem Genuss Claudio Abbado seit seiner Magenkrebsoperation Musik macht: mit dem heißen Herz eines Jünglings nämlich, und zugleich mit der Weisheit des erfahrenen Meisters. Hier ist alles Grazie, ohne artifiziell zu wirken, hier treibt ein drängender Puls das Geschehen voran, hier wird jede Wendung mit rhetorischer Finesse ausgestaltet – auf modernen Instrumenten, aber immer mit dem Wissen um die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis im Hinterkopf.

Einen uomo di leggerezza mozartiana hat sein Vornamensvetter, der italienische Schriftsteller Claudio Magris, ihn einmal genannt: einen Mann von mozartischer Leichtigkeit. Innere Ruhe und Ausgeglichenheit strahlt der Maestro an seinen guten Tagen aus, seine Konzerte sind immer noch und immer wieder von jenem legendären Charisma geprägt, mit dem er im Moment des Klangwerdens einer Partitur alle Beteiligten zu elektrisieren weiß.

Seinen heutigen 75. Geburtstag will er auf einem Boot im Mittelmeer verbringen, kreuzend vor der Küste Sardiniens, wo ihm sein Ferienhaus in der Nähe von Alghero zum eigentlichen Lebensmittelpunkt geworden ist und wo er als sein eigener Gärtner einen neun Hektar großen Naturgarten bewirtschaftet.

Mögen die Abbado-Fans verbittert vermerken, dass den Berliner Philharmonikern in ihrem aktuellen Magazin Abbados Geburtstag keine einzige Zeile wert ist und sie ihm erst in allerletzter Sekunde gratulieren, mit der symbolischen Vergabe von Kompositionsaufträgen „zu seinen Ehren“, so spricht der Maestro selber heute mit großer Zuneigung von der Stadt, in der er auch turbulente Jahre erlebte: „Jedes Mal, wenn ich hier mit dem Flugzeug ankomme, habe ich den Eindruck, in einem riesigen Wald zu landen. Die Leute leben hier im Grünen, und das spiegelt sich in ihrem Lebensstil. Und mit den Berliner Philharmonikern zusammenzukommen, bedeutet, gute alte Freunde zu treffen.“ Frederik Hanssen

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