Club-Sampler : Sinfonie des Nachtlebens

Wie klingt Berlin? Die Sammlung „Sound of Berlin“ fängt mit 20 Musikstücken den Klang der Berliner Clubszene ein – monoton und hypnotisch.

Martin Böttcher
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Bis zur Ekstase. Berlins Ruf als Hauptstadt der Clubs ist legendär. Jetzt gibt es den passenden Soundtrack dazu. -Foto: David Heerde

Ist er das „Diiiiiit, Diiiiit, Diiiiit, Diiiiit“ kurz bevor sich die U-Bahn-Türen schließen? Oder doch eher das „Niiiiii Nii Niiiiiiiiii“ der S-Bahn? Welches ist der „Sound of Berlin“? Sina Jantsch hat es geschafft. Sie hat ihn eingefangen, den Klang der Stadt, und auf zwei CDs gebrannt, so wie sie ihn versteht: minimal, cluberprobt und Techno. Sina Jantsch ist 22 Jahre alt und arbeitet bei einem Plattenlabel. Und zwar bei einem, für das die Frage nach Kommerz bisher oft wichtiger war als die Frage nach Stil: Ministry of Sound Germany hat Künstler wie Shaggy, Robyn und Bob Sinclair unter Vertrag, ist aber vor allem für seine Compilations bekannt. Die Zusammenstellungen tragen Namen wie „Viva Club Rotation“ oder „Ibiza 2009“ und passen normalerweise besser in die Großraumdisco als in die Berliner Clubs.

Jetzt ist es umgekehrt. 20 Musikstücke hat Sina Jantsch zusammengesucht und unter dem Titel „Sound of Berlin“ zusammengefasst. Die Compilation veröffentlicht Ministry of Sound erst einmal als MP-3-Sampler und kann im Internet heruntergeladen werden. Ob später auch noch mehr als nur ein paar Promotion-CDs gepresst werden, hängt davon ab, wie erfolgreich sich das Ganze verkauft. Die Chancen stehen gut: Berlins Ruf als Hauptstadt der Clubs ist legendär. Der griffige Titel der Track-Sammlung soll helfen, die Musik zu verkaufen. „Der Begriff macht neugierig“, sagt Sina Jantsch, Berlin sei schließlich cool.

Das coolste an der Stadt ist natürlich, dass hier tausend verschiedene Sachen stattfinden. Aber das bedeutet, dass es den einen Berliner Sound gar nicht gibt. Es gibt viele verschiedene. Für den einen besteht der „Berliner Sound“ aus melodie- und synthesizerlastigen Electro- Tracks. Für den anderen ist es harter Techno mit Detroit-Einschlag. Oder minimalistische Musik, selbst wenn sie sich auf einem Sampler namens „The Sound of Cologne“ tummelt und aus Köln stammt. In den vergangenen Jahren war es allerdings meist genau dieser minimale Sound, der Minimal Techno, der mit Berlin in Verbindung gebracht wurde. Beats, Bässe, Geklicker, sehr reduzierte, monotone Musik mit hypnotischer Wirkung, ursprünglich in Detroit erfunden, aber wie geschaffen für eine Stadt, die keine Sperrstunde kennt und die das Partywochenende gerne am Sonntagnachmittag oder Montagmorgen ausklingen lässt. Aber Minimal Techno ist eben nicht die einzige Art von Musik in Berlin. Gernot Bronsert, er ist ein Teil des wild und laut und international sehr erfolgreich agierenden Duos Modeselektor, fühlt sich sogar beleidigt, wenn der Berliner Sound darauf reduziert wird. Ihn nervt der Hype, den sich „irgendjemand ausgedacht hat, eine kleine Gruppe von zugereisten DJs und Produzenten“.

Italiener, Kanadier, Spanier - sie alle legen in Berlin als DJs auf

So klein ist dieser Kreis von Zugereisten aber gar nicht. In den letzten Jahren gab es in Berlin eine regelrechte Invasion von DJs und Produzenten. Der kanadische Plattenaufleger Konrad Black soll einmal bei einem seiner Sets im Watergate gesagt haben: Wenn jetzt eine Bombe explodierte, dann wäre fast die komplette kanadische Techno-Riege ausradiert. Alle leben in Berlin, alle waren in dieser Nacht in dem Club mit Spreeblick. Dann sind da noch die Italiener, die Spanier, die gesamte Clique rund um Richie Hawtin und sein Minus-Label. Dazu der chilenischstämmige Ricardo Villalobos als Ausnahmegestalt der Berliner Techno-Szene. Und und und.

Sie alle prägen den Berliner Klang und dürften umgekehrt vom griffigen Begriff des „Sound of Berlin“ profitieren. Nico Schäfer, er ist für viele von ihnen mit seinem „Rotation Records“-Laden der Plattenhändler des Vertrauens, hält die Vermarktungsnummer für fragwürdig. Was ihn an der Ministry of Sound-Compilation stört: „Dass da Sachen zusammengefasst werden, die inhaltlich nicht viel miteinander zu tun haben.“ Ein Teil der Tracks ist ursprünglich auf Berliner Labels wie Mobilee und Connaisseur veröffentlicht worden, ein Teil der Musiker lebt in Berlin, einige aber kommen nur ab und zu zum Auflegen in die Stadt.

„Sound of Berlin“ ist eine Momentaufnahme. Und bald schon wieder Vergangenheit. Minimal, lange Zeit dominant, läuft sich langsam tot. House, die organischere, melodischere Seite der elektronischen Musik, feiert ein Comeback. Wir warten also auf eine neue Compilation. Arbeitstitel: The House Sound of Berlin.

„Sound of Berlin“ kann bei iTunes oder www.amazon.de für 9,98 Euro heruntergeladen werden.

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