Colosseum im Kesselhaus : Improvisation und ausufernde Soli

Die Fans stehen gedrängt eng im Kesselhaus. Dave Greenslade hat weiße Haare und orgelt ein schwirrendes Intro. Chris Farlowe singt mit schwarzer Blues-Stimme "Come Right Back".

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Das Kesselhaus platzt schon aus allen Nähten, so dicht gedrängt stehen die Leute im Saal, auf der Balustrade und auf den Treppen nach oben. Und doch quetschen sich immer noch neue Besucher durch die Menge.

So gefragt ist heute wieder die alte englische Band Colosseum, die während ihrer kurzen Existenz von 1969 bis 1971 drei erfolgreiche Jahre erlebt hatte. In einer Zeit, als man nach neuen Klängen in der Rockmusik suchte, als man sich nicht mehr zufrieden geben wollte mit den einfachen Strukturen des Blues und Rock 'n' Roll. Als einem Bands wie die Rolling Stones plötzlich primitiv vorkamen, musikalische Experimente in Mode kamen und neue Bands Furore machten. King Crimson, Nice, Soft Machine galten als "progressiv". Auch die Gruppe mit dem kolossalen Namen: Colosseum. Georgel und Getröte rückten in den Vordergrund. Improvisation und ausufernde Soli. Komplexe Arrangements, sowie eine Hang zum Jazz und zu klassischer Musik.

 Colosseum, 1969 gegründet von den Jazzmusikern und John-Mayall-Aussteigern, Schlagzeuger Jon Hiseman und Saxofonist Dick Heckstall-Smith, wurde zu einer der ersten Jazz-Rock-Bands überhaupt. Drei Alben haben sie veröffentlicht und drei Jahre lang waren sie fast ununterbrochen auf Tournee. Bis ihnen die Ideen, die Lust und ihr Gitarrist Dave "Clem" Clempson abhanden kamen. Als Clempson zu Humble Pie ging, war es vorbei für Colosseum. Ein paar Jahre später wollte ohnehin niemand mehr komplizierte Kompositionen, ausgefeilte Klänge und ellenlange Soli hören. Man hatte genug von Bombast-Rock, Art-Rock, Jazz-Rock, Progressive-Rock, man sehnte sich zurück nach dem puren Stoff, zurück zum Blues, zum Rock 'n' Roll, zu den Stones und den Faces, zur Einfachheit und Bodenständigkeit. Als schließlich New Wave und Punk kamen, gab es Colosseum-Platten auf dem Flohmarkt fürn Appel und n Ei. Wer hätte da gedacht, dass sich irgendwann noch einmal jemand für eine Band wie Colosseum interessieren würde?

 Auch der energische Band-Leader Jon Hiseman hatte nicht daran geglaubt. Aber dann hat er sich doch von den alten Kollegen doch breitschlagen lassen, für 1994 ein halbes Dutzend Reunion-Konzerte zu planen. Daraus wurden mehr als hundert Auftritte, und die Shows waren wieder ausverkauft. Es gab ein neues Interesse an Jazzrock und langen Soli, an raffinierteren Kompositionen und Arrangements.

Heute stehen die Fans so eng im Kesselhaus, dass man kaum mehr atmen kann, so eng und heiß ist es, und von hinten kann man kaum etwas sehen auf der Bühne. Nur immer gerade mal für einen Augenblick, zwischen den Köpfen hindurch. Dave Greenslade hat weiße Haare, sitzt ein bisschen krumm an seiner Hammond B3-Orgel und orgelt ein schwirrendes Intro. Jon Hiseman ist hinter Unmengen von Becken und Trommeln versteckt. Chris Farlowe hat auch weiße Haare und eine dickrandige schwarze Brille. Der massige weiße Sänger in einem zeltartigen Fred-Perry-Hemd singt mit schwarzer Blues-Stimme "Come Right Back", einen Titel des Reunion-Albums "Tomorrow's Blues" aus dem Jahr 2003.

Das war auch die letzte Platte, die Colosseum mit ihrem Saxofonisten Dick-Heckstall Smith aufgenommen haben, der im Dezember 2004 an Krebs gestorben ist.

Die Sopran- und Tenorsaxofone spielt nun Barbara Thompson, Hisemans Ehefrau. Sie hat einen völlig anderen Ton als Heckstall-Smith, fügt sich aber nahtlos in das dichte Klangbild dieses Gemischs aus Jazz, Blues, Rock, Soul und klassischer Musik.

Clem Clempson jagt im Song ein creamiges Solo durchs Wah-Wah-Pedal, Erinnerungen an "Tales Of Brave Ulysses" im Song "I Can't Live Without You", einem Überbleibsel der Studio-Session zur ersten Colosseum Platte "Those Who Are About To Die Salute You" von 1969.

Hiseman trommelt leichtgelenkig mit schwarzen Handschuhen. Gelegentlich kommt er aus seinem Versteck hinter der Batterie von Trommeln und Becken hervor, stellt sich mit Mikrofon daneben, wie schon vor vierzig Jahren, und gibt den ernsten Conferencier: Colosseum werden jetzt zwei Songs von ihren Lieblingskomponisten spielen - Jack Bruce und Pete Brown.

In "Morning Story" bläst Barbara Thompson ein schreiendes Sopransaxofon. In "Theme For An Imaginary Western" entwickelt sich zwischen Clempsons Gitarre und Farlowes Gesang ein munteres Zwiegespräch, das allerdings nie geschwätzig wirkt, sondern energisch, konzentriert, kontrolliert.

Anfang der 70er-Jahre wurde Clempson in der englischen Musikpresse neben Hendrix, Clapton und Beck noch zu den besten Gitarristen gewählt. Später geriet er fast völlig in Vergessenheit. In den letzten Jahren spielte er bei der "Hamburg Blues Band" - wie auch Heckstall-Smith bis zu seinem Tod.

Dass Clempson immer noch ein exquisiter Gitarrist ist, zeigt er mit einigen lässig rasanten Läufen auf seiner weißen Stratocaster, einer interessanten hybriden Sonderanfertigung mit schmalen Humbucker-Tonabnehmern. Er versteht es, seine Soli so melodisch, rhythmisch, dynamisch aufzubauen, dass sie trotz ihrer Länge nie langweilig werden. Wobei er sich immer wieder das kleine Vergnügen gönnt, seine ausgiebigen Ausflüge über Saiten und Griffbrett mit ein paar hübschen Zitaten aus der Rock- und Blues-Historie zu garnieren. Wer aufmerksam zuhört, hat den Spaß an Entdeckungen wie einem Stückchen "She's Not There" von den Zombies, "Eleonore Rigby" von den Beatles, einem Fetzen "Spoonful" in der Cream- und "All Along The Watchtower" der Hendrix-Version.

Mark Clarke ist immer noch ein vorzüglicher Bassist. Tänzelnd, hüpfend mit synkopisch rhythmisierten Melodien wirkt der Bass wie ein vollwertiges Solo-Instrument. Und Chris Farlowes Stimme klingt eigentlich besser als damals, weil er die alten Manierismen abgelegt hat und nicht mehr so operettenhaft tremolierend knödelt. Er, den wir in den letzten Jahren öfter mit eigener Band in kleineren Clubs erleben konnten, ist ein erstklassiger Soul-Sänger mit weitem Spektrum: von warmen Tieftönen zu hohem entenhaften Geschnatter und gurgelndem Scatgesang.

In der alten "Valentyne Suite", der Instrumentalkomposition in drei Sätzen von 1969, hat Barbara Thompson wieder einen großen Moment mit einem fast barocken Tenorsaxofon-Solo. Und Dave Greenslade orgelt sehr schön im Spektrum zwischen Ray Charles und Johann Sebastian Bach.

Nach dem unvermeidlichen Schlagzeug-Solo strahlt Farlowe noch einmal mit exquisitem Gesang zu "Lost Angeles" und de ganze Band mit einem furiosen Finale nach knapp zwei Stunden. Orkanartiger Beifall für die älteren Herren, die keine Sekunde nach Altherrencombo klangen.

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