Comeback : Gang of Four: Zurück auf Anfang

Gang of Four waren eine der wichtigsten Bands der achtziger Jahre. Jetzt kehren sie zurück - ihr Postpunk ist immer noch bissig. Ein Gespräch mit Gitarrist Andy Gill über Pop und Politik.

Viererbande. Thomas McNeice (Bass), Jon King (Gesang), Mark Heaney 8Schlagzeug) und Andy Gill (Gitarre, v.l.) haben Gang of Four reanimiert. Das neue Album heißt "Content". Foto: Grönland
Viererbande. Thomas McNeice (Bass), Jon King (Gesang), Mark Heaney 8Schlagzeug) und Andy Gill (Gitarre, v.l.) haben Gang of Four...Foto: Grönland

Mr. Gill, hat sich Ihre Haltung zur Musik seit den späten siebziger und frühen achtziger Jahren geändert?

Ich persönlich habe mich natürlich verändert, das wäre auch komisch, wenn es nicht so wäre. Ich bin schließlich jetzt in meinen Fünfzigern. Lassen Sie uns ruhig "erwachsen" sagen. Aber was ich mit der Musik erreichen wollte, die Leute aufmerksam machen, sie wirklich zum Zuhören bringen, das will ich immer noch.

Gang of Four waren stets eine politische Band. Glauben Sie immer noch, dass man mit Musik politische Botschaften vermitteln kann und soll?

Es sagen immer alle, dass wir politische Botschaften hatten, aber das finde ich gar nicht. Wir standen nie mit einem Megafon auf einer Seifenkiste und brüllten: Lasst uns alle Sozialisten werden! Hier ist die rote Flagge! Das ist eher etwas für Billy Bragg. Wir haben nie eine bestimmte Ideologie propagiert oder die Ansichten einer Partei vertreten. Wir haben aber althergebrachte Ideen über Kultur und Gesellschaft in Frage gestellt. Zum Beispiel in "It's her Factory": Das war in den späten Siebzigern, und eine Menge Menschen dachten, Frauen gehörten in die Küche. Heutzutage ist es allgemein akzeptiert, dass Frauen arbeiten. Damals nicht, und unser Song machte sich über diese Leute und ihre reaktionären Ideen lustig. Wir nahmen Überschriften aus Zeitungen und verarbeiteten sie zu einem Song. Der Text war also nicht ausgedacht. So haben wir uns über die Gleichschaltung der Menschen mokiert, über diese Übereinkunft, alle sollten möglichst Kinder bekommen, arbeiten gehen und abends Essen kochen.

Das war Ihr Antrieb beim Songschreiben?

Ja, das könnte quasi die Unterzeile von Gang of Four sein: Woher kommen diese Ideen? Ein anderer Song aus dieser Zeit ist "Natural's Not In It". Ein Appell, dass man nicht immer behaupten soll, irgendetwas sei ganz natürlich. Schließlich wird alles vom Menschen bestimmt. Alles ist Ideologie, Kultur. Und in "Ether" haben Jon King, unser Sänger, und ich abwechselnd gesungen. Er sang darüber, tagträumend in der Wohnung herumzusitzen, während meine Stimme darüber redete, was gerade in Nordirland, in Belfast und Kerry passiere. Ein paar Hundert Meilen von Leeds entfernt, auf der anderen Seite des Meeres, gab es Gewalt, Kampf, Besetzung, Widerstand. Der Song handelte vor allem davon, wie diese Informationen weitergegeben werden, und wie von allen Menschen verlangt wird, den Standpunkt der Regierung zu teilen. Denn in den späten Siebzigern gingen ständig Bomben hoch, die IRA war in ganz England aktiv, und die Medien fragten kaum, was dahintersteckt. Es ging uns darum, zu zeigen, wie gefiltert wird. Auf der einen Seite denkt man darüber nach, ein neues Auto zu kaufen, und auf der anderen Seite sieht man Blut im Fernsehen.

Für mich klingt das alles politisch...

Vielleicht haben Sie recht. Wir sind wohl doch eine politische Band.

Wir können uns ja darauf einigen, dass Ihre Songs Umstände reflektieren und kommentieren. Ist das auf dem neuen Album, das für Anfang 2011 angekündigt wurde, immer noch so?

Ich glaube schon. Und wir benutzen immer noch viel Ironie. Wir versuchen, jeden Song wie ein einaktiges Drama zu inszenieren, wie ein Theaterstück. Einer meiner neuen Lieblingssongs ist "Do As I Say". Der spielt im 17. Jahrhundert, und ich verbrenne darin unseren Sänger als Teufelsanbeter. Ich bin ein schrecklicher Inquisitor, Jon das arme Opfer. Es ist ein sehr eindringliches Lied, gleichzeitig aber auch lustig.

"I Love A Man In Uniform" wurde damals von der BBC verboten, weil der Falkland-Krieg gerade angefangen hatte. Welche Art Songs muss man denn heute machen, um von der BBC ein Ausstrahlungsverbot zu bekommen?

Könnte schon sein, dass die BBC wieder etwas findet auf dem neuen Album. Als wir "I Love The Man In Uniform" aufnahmen, wussten wir nichts vom Falkland-Krieg. Erst als das Stück veröffentlicht wurde, hatte die Regierung Truppen geschickt, und dann kam das Verbot. Sie sagten: Wir bringen täglich Nachrichten über Soldaten, die im Krieg gefallen sind, und brauchen keinen antimilitaristischen Song.

Viele Bands sagen, dass sie von Gang of Four beeinflusst wurden. Freuen Sie sich immer darüber, wenn Sie diese Einflüsse hören, oder ärgert Sie das auch manchmal, weil es Ideenklau sein könnte?

Manche Songs der Red Hot Chili Peppers klingen so dermaßen nach Gang of Four, "Don't Stop" zum Beispiel, auch der Sound der Instrumente, die Produktion, dass man am liebsten sagen würde: Also Jungs, wollt Ihr uns mal bitte zu 25 Prozent an den Einnahmen beteiligen?

Haben Sie das schon mal so eingefordert?

Ich habe Flea, den Bassisten der Peppers, vor einem Jahr auf einer Party in London getroffen, und nachdem wir uns ein bisschen unterhalten haben, sagte er: Ich kann kaum glauben, dass ihr uns nie verklagt habt. Aber ganz ohne Witz: Auf den Internetseiten von Franz Ferdinand oder Bloc Party unterhalten sich die Fans darüber, dass diese Bands wie Gang of Four klingen. Der Effekt: Als wir 2005 in Europa und den USA spielten, war unser Publikum zum größten Teil unter 25.

Wie kam das Gang-of-Four-Revival überhaupt zustande?

Ich habe in den letzten Jahren Platten von Killing Joke und The Futureheads produziert und bis zu seinem Tod 1997 mit Michael Hutchence gearbeitet. Wir hatten vor, die Songs, die wir zusammen geschrieben hatten, live zu spielen. Danach saß diese Live-Idee fest in meinem Kopf.

Ihr letztes Soloalbum haben Sie nur als MP 3 rausgebracht. Wieso?

Die Musikindustrie verändert sich gerade stark, für Musiker wird es immer schwieriger, vom Musikmachen leben zu können. Die neue Gang-of- Four-Platte kommt aber wieder als CD und Vinyl raus, in einer ganzen Box, mit einem kleinen Buch darin, mit Zeichnungen und Fotos, außerdem verströmen die Seiten des Booklets verschiedenen Gerüche, die alle mit menschlichen Aktivitäten zusammenhängen. Da gibt es dann einen Duft für "Arbeit", einen für "Sex", einen für "Industrie".

Meinen Sie, die Leute kaufen das Album tatsächlich wegen solcher Gimmicks, anstatt es runterzuladen?

Ja, das glaube ich, weil es einmalig und authentisch ist. Aber Gimmicks würde ich das nicht nennen. Das ist Kunst.

Das Gespräch führte Jenni Zylka.

KONZERT Gang of Four spielen am Samstag, 11. 9., beim Berlin Festival, Flughafen Tempelhof, Mainstage, 19 Uhr

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