Comeback : Spuk in der Kathedrale

Comeback nach elf Jahren: die Trip-Hop-Pioniere Portishead in der Berliner Columbiahalle.

Nadine Lange
portishead Foto: Davids/Pedersen
Purpurne Magie. Beth Gibbons. -Foto: Davids/Pedersen

Geoff Barrow ist Perfektionist. Schon Stunden vor einem Konzert tüftelt er zusammen mit den Technikern so lange an der Anlage herum, bis er den optimalen Sound für den jeweiligen Auftrittsort gefunden hat. Und jetzt das: Beim ersten Song ist kaum etwas von seinem Drumming zu hören! Aufgeregt wuseln zwei Techniker um ihn herum – ohne Effekt. Barrow ist sichtlich genervt, doch durch die Halle zuckt ein Glücksschrei: Beth Gibbons singt ihre erste Zeile. Und sofort ist sie wieder da, diese purpurne, melancholische Magie, mit der die Band seit jeher ihre Hörer verzückt.

Portishead sind zurück. Nach elf Jahren Stille stellt das legendäre Trio aus Bristol in der Berliner Columbiahalle sein Album „Third“ vor, das am 25. April bei Universal erscheint. Die ersten beiden Stücke eröffnen auch das Konzert. Nach dem schnellen, lärmigen „Silence“ fällt die Band bei „Hunter“ in ihr typisches verschlepptes Tempo. Der Sound klart auf und erstrahlt während des Refrains in kristalliner Schönheit. So hatte sich Geoff Barrow das also vorgestellt.

Dramaturgisch geschickt mischen Portishead, die von drei Tourmusikern unterstützt werden, das neue Material mit ihren alten Hits. So wird schon der erste Ton von „Mysterons“ vom Publikum gefeiert, und bei „Glory Box“ gibt es sogar Zwischenapplaus. Es ist die Wiedersehensfreude über eine erstaunlich wenig gealterte Musik, die Mitte der neunziger Jahre eine der letzten großen Pop-Innovationen markierte. Als sich in den USA noch die Grunge-Bands die Seelen aus dem Leib schrien, entstand in der südwestenglischen Stadt Bristol ein neuer düsterer Elektrosound. Die drei stilprägenden Alben dieser als Trip-Hop bezeichneten Bewegung waren Massive Attacks „Blue Lines“, Trickys „Maxinquaye“ und vor allem Portisheads 1994 veröffentlichtes Debüt „Dummy“.

Darauf gelang es Multi-Instrumentalist Geoff Barrow und Jazzgitarrist Adrian Utley – beide große Public-Enemy-Fans –, zusammen mit der Sängerin und Songwriterin Beth Gibbons auf plausible Weise Hip-Hop nach Europa zu transferieren. Sie bremsten die Beats ab, mischten sie mit Samples aus alten Film-Soundtracks, gescratchtem Material sowie signaturhaften E-Piano- und Gitarrenmotiven. Durch den verzweifelt-sehnsüchtigen Frauengesang bauten sie aus ihren Songs fantastische Spukkathedralen.

Sowohl in England als auch in den USA war „Dummy“ ein großer Erfolg. Das Album gewann den renommierten Mercury Music Prize gegen das komplette Brit-Pop-Establishment (Oasis, Blur, Pulp und Suede) und verkaufte sich allein in Europa über zwei Millionen Mal. Auf „Dummy“ konnten sich sowohl Techno- als auch Rockfans einigen. Geoff Barrow aber hatte das Gefühl, das Album sei zu „Fondueabend-Musik“ geworden – und die vielen Nachahmerbands passten ihm ebenfalls nicht in den Kram. Für das zweite Portishead-Werk musste also ein Richtungswechsel her. Doch zunächst mal bekam er eine Schreibblockade inklusive Depression. Den Durchbruch brachte schließlich die Idee, es einmal ohne fremde Samples zu versuchen. So spielten Portishead eigene Vorlagen ein, pressten sie auf Vinyl und sampelten sie anschließend. Das Ergebnis „Portishead“ erschien 1997 und verschob den bekannten Klangkosmos lediglich in etwas rauere Gefilde. Zur stilvollen Beschallung eine Fondueabends eignet sich das Album jedenfalls gut.

„Third“ ist für derlei hingegen nicht zu empfehlen. Es lockt zwar immer wieder mit typischen Trip-Hop-Momenten, zermalmt und überrollt sie jedoch sogleich wieder. „Plastic“ etwa beginnt ganz klassisch mit Slow-Motion-Drum-’n’-Bass und einer Orgel. Dann hängt der Song für eine halbe Minute im Verzerrer-Dräuen und Drum-Wühlen fest, während Beth Gibbons Stimme sich dramatisch in die Höhe schraubt. Spätestens als sie mit ersterbender Stimme „I can hardly breath“ singt, scheint es aber, als wollten Portishead mit dieser Stop-and-go-Collage ihren eigenen Mythos dekonstruieren.

Noch deutlicher wird diese Tendenz bei der Single „Machine Gun“, die ihren Titel aufgrund eines knallenden Stakkato-Beats völlig zu Recht trägt. Sie ist anstrengend zu hören – das konnte man früher nie über Portishead sagen. Ihr Name stand bei aller Verzweiflung und Klaustrophobie stets für makellosen Wohlklang. Damit ist es jetzt vorbei. Als aktuelle Einflüsse nennen Barrow und Utely nun Doom-Metalbands wie Sunn O))) und die Krautrock-Avantgardisten Can. Auch Kraftwerk und die Einstürzenden Neubauten kommen einem beim Hören von „Third“ in den Sinn.

Portishead sind schneller, sperriger und unvorhersehbarer geworden. Das steht ihnen gut, was sich auch auf der Bühne zeigt: Für „The Rip“ setzt sich Utley mit einer Akustikgitarre auf den Rand des Schlagzeugpodiums und spielt ein folkiges Picking, während Beth Gibbons über wilde Pferde singt. Nach etwa zwei Minuten rollt dann ein Beat heran, und ein Synthie-Bass übernimmt das Gitarrenmotiv. Dieser Übergang gelingt der Band so überzeugend, als beobachte man, wie ein Illusionist eine weiße Taube in einen Schwan verwandelt.

Als Finale spielen Portishead nach zwei Stunden den neuen Song „We carry on“. Auch hier ein Überraschungseffekt: Ein nervös zuckendes Schichtgebilde wird von einem verzerrten Gitarrenriff erlöst, das klingt, als seien Joy Division wiederauferstanden. Es ist der fulminante Abschluss eines Abends, an dem Portishead bewiesen haben, dass sie immer noch eine große Band sind. Und auch wenn sie diesmal kein neues Genre erschaffen – es hat sich gelohnt, elf Jahre auf ihr drittes Album zu warten.

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