"Corpus Deliciti" im Babylon : Totalitarismus-Parabel mit Indierock

Juli Zeh hat ihre Negativutopie "Corpus Delicti" zur "Schallnovelle" eingedampft, die sie mit der Ingolstädter Band Slut im Babylon Mitte auf die Bühne bringt. Seine Intensität erreicht das Stück aber vor allem auf nichtmusikalischer Ebene.

Jörg W,er

Mitte des 21. Jahrhunderts sorgt eine Gesundheitsdiktatur durch Rundum-Überwachung für die Einhaltung einer medizinisch optimierten Lebensführung. Die Geschwister Moritz und Mia Holl geraten in die Mühlen der Staatsorgane, als Moritz aufgrund eines Indizienprozesses als Mörder verurteilt wird. Er begeht im Gefängnis Selbstmord, woraufhin seine Schwester der "Methode" die Legitimation entzieht.

Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh, im wahren Leben Gegnerin biometrischer Datenerfassung, hat ihre Negativutopie "Corpus Delicti" zur anderthalbstündigen "Schallnovelle" eingedampft, die sie mit der Ingolstädter Band Slut im Babylon Mitte auf die Bühne bringt. Zwischen die dialogischen Lesepassagen – Slut-Sänger Christian Neuburger spricht Moritz, während Zeh sehr engagiert die Rolle der Mia übernimmt – sind sieben neue Songs platziert. Während die Stücke als sorgfältig arrangierter Indierock mit elektronischer Grundierung durchaus konzerttauglich sind, bleibt ihre Funktion im Rahmen der Aufführung rätselhaft. Gerade Neuburgers englischer Gesang mit melancholischer Kopfnote repräsentiert eindeutig Pop-Tendenzen des frühen 21. Jahrhunderts (Coldplay, Radiohead) und steht im Kontrast zur futuristischen Kühle des Szenarios.

So erreicht "Corpus Delicti" seine größte Intensität auf nichtmusikalischer Ebene: Wenn sich Mia mit dem auf eine Leinwand projizierten Ankläger ein fulminantes Wortduell liefert, laufen einem Schauer über den Rücken. Zehs Totalitarismus-Parabel mag Genre-Klassikern von Orwell, Huxley oder Bradbury nur Nuancen hinzufügen, gewinnt aber aus der Fähigkeit der Autorin, philosophische Fragestellungen zu manifestartigen Kernsätzen zu verdichten, die Kraft eines moralischen Imperativs.

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