Daniel Barenboim im Interview : Die Moral unserer Ohren

Daniel Barenboim über den Nahostkonflikt, Goethes Leidenschaften und das West-Eastern Divan Orchestra als Modell.

Daniel Barenboim
Erziehung zum Leben: Der Maestro mit Musikern des Divan-Orchesters in Ramallah. -Foto: C. Christodoulou/ZDF

Maestro, um Sie beim Wort zu nehmen: Was haben die Zweistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach mit dem Nahostkonflikt zu tun?

Jeder politische Prozess – wie jede musikalische Phrase – setzt etwas in Gang, ein eigenes Leben, eine eigene Dynamik. Das jüdische Volk, über den ganzen Erdball verstreut, hat immer nach einer nationalen Einheit gestrebt. So wurde die zionistische Idee geboren. Diese allerdings stieß bei der nicht-jüdischen Bevölkerung Palästinas, wie man weiß, auf wenig Gegenliebe. Trotzdem wurde 1948 mit Hilfe der westlichen Welt der Staat Israel gegründet. Damit war der Punkt gekommen, an dem beide Völker sich eigentlich hätten finden müssen. Das ist bis heute nicht geschehen, letztlich, weil man sich nicht auf die richtige Tonart einigen konnte. Und wie das geht, lernen wir eben bei Bach: Seine Zweistimmigen Inventionen zeigen, dass jede Stimme durch die jeweils andere gesteigert und besser zur Geltung gebracht wird.

Die klassische Musik als Menetekel unserer politischen Gegenwart?

Kein Menetekel, nein, aber ein Modellversuch. Wenn die Israelis sich im Nahen Osten behaupten wollen, dann müssen sie die palästinensische Identität sozusagen als gleichberechtigtes Leitmotiv anerkennen. Dazu braucht es einen konstruktiven Dialog, und um dieses Dialogs willen haben mein Freund Edward Said und ich 1999 das West-Eastern Divan Orchestra ins Leben gerufen.

Welche Identität hat das Orchester? Eine israelische? Eine arabische?

Eine künstlerische natürlich! Schauen Sie, aus der Musik kann man unerhört viel lernen. Wer auf den anderen hören muss, weil er in einem Orchester spielt, der geht auch nach dem Konzert anders miteinander um. Zumindest sind die Chancen dazu ziemlich groß. Insofern bietet das Divan-Orchestra ein Stück Erziehung zum Leben.

Man zitiert dieses Projekt gerne als ein geglücktes Beispiel für praktische Toleranz.

Mit diesem Toleranzbegriff habe ich so meine Schwierigkeiten. Wenn ich sage, ich bin Ihnen gegenüber tolerant, dann schwingt immer eine gewisse Großzügigkeit mit, eine Art Gnadenakt. Und wer Gnade walten lässt, hat die Macht, das wusste schon Mozarts „Titus“. Prompt ist unser zwischenmenschliches Verhältnis hierarchisch geprägt. Insofern halte ich es lieber mit der Akzeptanz, mit der Anerkennung der Freiheit und der Würde des Anderen.

Nach einem Ruhekissen, einem „Diwan“, auf dem man sich den Rauch der Wasserpfeife in die Augen bläst, klingt dieser Anspruch nicht gerade.

Davon ist in Goethes berühmter Gedichtsammlung, der wir uns geistig verpflichtet fühlen, ja auch nicht die Rede. Goethe war einer der ersten Europäer, die sich existenziell für fremde Kulturen interessierten. Er entdeckte den Islam, als ein deutscher Soldat ihm aus Spanien ein Blatt aus dem Koran mitbrachte. Seine Begeisterung war so groß, dass er anfing, Arabisch zu lernen – im Alter von 60 Jahren! Später beschäftigte er sich mit dem persischen Dichter Hafiz, und das war dann die Inspriration für den „West-Östlichen Diwan“. Gedichte, die sich ganz der Idee des „anderen“ verschreiben, unglaublich. Vor fast 200 Jahren entstanden, 1819, als Beethoven gerade an seiner Neunten Symphonie schrieb . . .

Aber lassen sich die Ideale des Weimarer Klassikers tatsächlich so bruchlos auf unsere politische Gegenwart übertragen?

Ich glaube nicht, dass Goethe oder Beethoven in einfacheren, konfliktärmeren Zeiten lebten. Außerdem sprechen wir hier nicht von Lebenswirklichkeiten und auch nicht von genuin ästhetischen Interessen, sondern vom deutschen Humanismus. So gesehen war die Gründung des Orchesters kein politischer Akt. Edward Said hat einmal gesagt, Ignoranz sei keine Strategie für ein nachhaltiges Überleben. Dieser Gedanke hat uns all die Jahre geleitet. Das West-Eastern Divan Orchestra wird dem Nahen Osten nicht den Frieden bringen. Aber es kann ein gewisses Verständnis füreinander wecken, Neugier – und vielleicht ein bisschen mehr Mut zum Mut.

Welche Utopie, welcher Traum treibt Sie?

Mich treibt die Vorstellung einer friedlichen Koexistenz des israelischen und des palästinensischen Staates. Die Musik funktioniert für mich wie ein Mikrokosmos. Verstehen Sie, warum sonst ist es möglich gewesen, mit dem Divan-Orchestra Vorspiel und Liebestod aus Wagners „Tristan“ aufzuführen? Für die Israelis in einem rein israelischen Orchester ist Wagner bis heute ein Tabu. Für die Araber ist er einfach ein Komponist. Das entspannt die Lage und sorgt auf Dauer für eine ganz eigene Identifikation.

Welche musikalischen Mentalitäten prallen unter den jungen Leuten aufeinander?

Vom Temperament her kann man sie kaum unterscheiden. Die Leidenschaft, das Feuer, das ist sehr ähnlich. Ich denke, es muss sehr aufregend sein, die eigene Leidenschaft ausgerechnet mit dem Feind zu teilen. Nur zum Vergleich: Ein solches Orchester aus Italienern und Norwegern würde nie funktionieren! Die sind viel zu verschieden.

Hätten Sie je gedacht, dass dieses Projekt ein solcher Erfolg werden würde?

Nicht in meinen verrücktesten, kühnsten Träumen! Im Divan-Orchestra spiegelt sich, wenn Sie so wollen, die ganze Problematik des Staates Israel. 22 Prozent der israelischen Bevölkerung in den Grenzen von vor 1967 sind heute keine Juden. Wie integriert man diese Menschen, ohne dass die Idee eines jüdischen Staates zerstört wird? Und die Demografie arbeitet hier nicht für Israel. Im Blick auf die Palästinenser sprechen die Israelis stets von einer „Minderheit“. Aber das ist eben keine Minderheit wie die Türken in Deutschland oder die Algerier in Frankreich! Das sind Menschen, die dort seit über 2000 Jahren leben, in ihrem Land, in ihrer Heimat. Damit hat Israel sich in der Vergangenheit nicht genügend auseinandergesetzt. Und hier liegt das eigentliche Problem. Nicht beim Iran, nicht bei der Hamas oder der Hisbollah.

Mit solchen Äußerungen haben Sie sich in Israel nicht gerade beliebt gemacht. Wie reagiert man dort auf Ihre mannigfaltigen Divan-Aktivitäten?

Es gibt drei Arten der Rezeption. Die einen sagen, Barenboim ist ein guter Künstler – und soll alles andere gefälligst lassen. Die zweiten, Mütter der jungen Musiker vor allem, sagen, was er unseren Kindern gibt, können sie hier nicht lernen. Und die dritten interessieren sich nicht für die Musik und sagen, Barenboim ist ein Verräter. Und ich sage, was gut für Israel ist, muss am Ende auch gut sein für die Palästinenser.

Werden unter Ihren Musikern auch politische Konflikte ausgetragen?

Wir diskutieren viel miteinander, natürlich. Letztes Jahr herrschte zu Beginn unserer Arbeitsphase Ende Juli bereits Krieg im Nahen Osten. Einige Musiker konnten nicht kommen, einige wollten oder durften nicht – Sie müssen bedenken, viele sind ja noch minderjährig. Aber kein einziger ist wieder abgereist, als der militärische Konflikt sich dann zuspitzte. Das hat mich beeindruckt. Und bestätigt. Es ist immer besser, sich auch einmal anzubrüllen, als dass der eine in Syrien sitzt und der andere in Israel und man nichts voneinander weiß.

Waren 1999 die Voraussetzungen unter den Jugendlichen nicht sehr ungleich? Israel war immer ein Land der klassischen Musik, was man von den arabischen Staaten nicht behaupten kann.

Die sehr guten Israelis waren nicht besser als die sehr guten Araber, aber die schwächeren Israelis waren besser als die schwächeren Syrer oder Palästinenser. Das hängt damit zusammen, dass auch Israel musikalisch nicht mehr das ist, was es einmal war. Das sage ich ganz wertfrei. Das Israel Philharmonic wurde 1936 von jungen mitteleuropäischen Juden aus Deutschland, Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei gegründet. Dieses Orchester klang wie die Berliner Staatskapelle. Dann kam der Generationswechsel, um 1970 herum, und, zeitgleich, die große russische Immigration mit vielen sehr guten Musikern. Plötzlich war die Einstellung zur Musik eine komplett andere. Zwischen einem Warschauer Juden aus den dreißiger Jahren und einem sowjetischen Juden aus den Siebzigern liegen Welten. So gesehen sind sich heute ein arabischer und ein jüdischer Musiker, die beide einen russischen oder deutschen Lehrer haben, viel ähnlicher als Juden unter sich oder Araber unter sich.

Hat die Divan-Arbeit Sie verändert?

Ich verändere mich permanent! Dieses Orchester ist mir Herzensangelegenheit und Inspirationsquelle zugleich. Und ich weiß besser als je zuvor, was es bedeutet, von der moralischen Verantwortung unserer Ohren zu sprechen.


Das Gespräch führte Christine Lemke- Matwey.

DAS PROJEKT

Daniel Barenboim und der palästinensische Intellektuelle Edward Said gründeten 1999 das West-Eastern Divan Orchestra, in dem sich junge Musiker aus Israel, Palästina und den arabischen Staaten versammeln. 2004 wurde die BarenboimSaid-Stiftung ins Leben gerufen, die sich um diverse Projekte der Musikerziehung im Nahen Osten kümmert sowie um eine Orchesterakademie in Sevilla.

Ab morgen sind die Musiker im Rahmen ihrer diesjährigen Europatournee für eine Woche Orchestra in residence bei den Salzburger Festspielen. Auf dem Programm stehen Konzerte, Symposien, Workshops und eine Schule des Hörens mit Daniel Barenboim. Am 26. August ist das West-Eastern Divan Orchestra mit Werken u.a. von Tschaikowsky und Schönberg in der Berliner Philharmonie zu erleben.

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