Debütalbum : Dear Reader: Aus der Höhle

Das famose Debüt der südafrikanischen Indie-Band Dear Reader. Ihre Stücke beweisen, wie opulent Folk-Pop sein kann.

Kai Müller
dear reader
Experimentelle Geister. Cherilyn MacNeil und Darryl Torr von Dear Reader. -Foto: promo

Der Chor klingt wie eine Blaskapelle. Umtata umtata umtata. Nur schöner. Wie ein Schutzwall aus Stimmen, der die Pianistin Cherilyn MacNeil umkreist, umtanzt und in Geborgenheit hüllt. „Land, land of my birth“, besingt MacNeil ihr Geburtsland, „Are You my mother. Or am I an orphan?“ Wohin sie gehört, fragt sie sich, und ob ein Platz für sie in der Welt frei gehalten wird. Einfache Fragen. Eine ebenso einfache Melodie. „The Same“ ist ein Lied über die Angst, in der Heimat gefangen zu sein, weil es keinen Ort gibt, an den man sonst gehen könnte („this is the only home that I know“).

Wer bei den Chor-Schwaden von „The Same“ an den Soweto Gospel Choir denkt, liegt nicht ganz falsch. Und wird trotzdem gleich korrigiert. „Ich höre kein Kwaito, geboren wurde ich nicht in Soweto“, offenbart MacNeil weiter. Denn das Homeland, das auf dem großartigen Debütalbum der Band Dear Reader besungen wird, ist Johannesburg, Südafrika. Alles, was schief läuft in dem zerrissenen Land, zeigt sich in der alten Goldgräberstadt am krassesten: Township-Elend, Mord und Korruption sind an der Tagesordnung. Menschen wie Cherilyn MacNeil und Darryl Torr, die der englischen Mittelschicht Südafrikas angehören, leben hinter hohen Mauern und in bewachten Siedlungen. Woran man sich gewöhnen kann, wenn Gewalt einen ständig umgibt.

Aber es ist nicht gerade das fruchtbarste Klima für ein Folk-Pop-Album. Trotzdem haben die 24-jährige Klavierlehrerin MacNeil und ihr zehn Jahre älterer Freund, der für seine Arbeit als Toningenieur des Soweto Gospel Choir bereits einen Grammy erhalten hat, in nur zweieinhalb Wochen ein phänomenales Album eingespielt, das genauso gut aus Portland, Oregon, der amerikanischen Hochburg des finger picking Pop stammen könnte. Es trägt den hintersinnigen Titel „Replace Why with Funny“ und erschließt dem zur Weltmusik werdenden Indie-Sound eine weitere Region.

Nach Kanada, Australien, Neuseeland, USA und Skandinavien schwappt die Welle kunstvoll arrangierter Popsongs, die als Folk-Nummern beginnen und immer opulenter werden, nun auch nach Südafrika. Das Role Model für diese Musik geht auf Fairport Convention in den sechziger Jahren zurück. Mit Broken Social Scene, Architecture in Helsinki, Sufjan Stevens und den Fleet Foxes folgen nun deren geistige Enkel. Ihnen geht allerdings nicht mehr um die Wahrung eines folkloristischen Liedguts, über das die Moderne hinwegzugehen droht. Die Generation junger Indie-Folkies behauptet eine spielerische, reine Musikalität. Waldhörner, Glockenspiele, Chöre und Streicher bilden den wollenen Klang einer euphorischen Intimität.

Auf seiner Myspace-Seite sagt das Duo über seine Musik, sie klinge, als wäre man „so erfüllt, dass man explodieren könne und dann über sich selbst lachen bei dem Gedanken, was für ein melodramatischer Hirni man doch ist“. Hinter den hellen, klirrenden Fassaden von Songs wie „Way Of The World“ lauert indes eine düstere Stimmung. Geht es doch darum, einen in seiner Gleichförmigkeit nagenden Alltag zu meistern. In „Great White Bear“ setzt der Jäger dem flüchtenden Liebespaar hinterher, um seine Tochter aufzuhalten. „Run, there’s a bullit in your back/ But I wouldn’t take it back“, heißt es. Das ist so leicht, so hoffnungsvoll gesagt, als würde MacNeil um einen klugen Satz nie verlegen sein. Es zeigt aber auch, wie kunstvoll die Band ihr Songwriting voran treibt.

Unter dem Namen Harris Tweed hatte sie 2006 ein erstes Album in Torrs Privatstudio aufgenommen. Aber die Kommunalbehörde der westschottischen Insel Harris untersagte den Gebrauch des Namens. Eine glückliche Fügung, denn Dear Reader geht es um persönliche Ansprache. Wie viel Mühe der jungen Sängerin die richtigen Worte bereiten, daraus macht sie in „Dearheart“ keinen Hehl. Sie habe noch kein Liebeslied geschrieben, bei dem sie nicht alles auf sich bezogen, verfälscht und verdreht habe.

Zumindest einmal fand MacNeil die richtigen Worte. Als sie einen Brief an Brent Knopf von der amerikanischen Indie-Band Menomena schrieb mit der Bitte, ihr nächstes Album zu produzieren. Knopf, ein hagerer blonder Bursche aus Portland, hat kaum Erfahrungen als Produzent. Dafür trug er ein wenig von dem spontanen, experimentellen Geist seiner eigenen Band, die gerne in Hinterhöfen sogenannte „Take Away“-Konzerte gibt, ins Rundfunkhaus der South African Broadcasting Company (SABC). Dort, in einem der großräumigen Tonstudios, entstand „Replace Why With Funny“ wie in einem schöpferischen Rausch. Der Gebäudekomplex im Zentrum der Stadt wirkte auf die Beteiligten wie ein Bunker, wie ein Abbild ihres Lebens in einem gefährlichen Land. „Everything is caving“ lautet der traurige Epilog auf ihre Höhlenexistenz.

Immerhin, das mit dem Liebeslied glückt dann doch. Sie seien so glücklich, dass man sie hassen würde dafür, singt MacNeil. „But can you really blame us?“

Dear Readers „Replace Why With Funny“ ist bei City Slang erschienen.

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