Debütalbum : Erdkrümmung

Die Schweizer Rockband Navel erkundet mit ihrem Debüt den schmutzigen Lärm der Neunziger. Am kommenden Freitag erscheint die Platte.

Nadine Lange

„Ahhhhhh!“ kreischt es unter dem blonden Haargewusel hervor. Dann eine schnelle Drehung nach rechts und die Matte fliegt mit dem nächsten Gitarren- Akkord in Richtung Fußboden. Jari Altermatt heißt der dünne junge Mann, der sich hier so lautstark vor seinem Publikum im Berliner Bang Bang Club versteckt. Schaut man ihm und seiner Band Navel eine Weile zu, muss man früher oder später an Kurt Cobain denken. Und das liegt nicht nur an Jaris Frisur und seinen hellblauen Augen, von denen gelegentlich mal eines durch den Vorhang lugt. Es ist auch der rohe Sound des Trios, der bei aller verzweifelungsgetriebener Aggressivität nie die Eingängigkeit vergisst und mit dynamischen Laut-Leise-Kontrasten arbeitet – genau wie es Nirvana zu ihrer großen Zeit praktiziert haben. So kommt Navels „Lovetrap“ daher wie ein verschollenes Stück des Nirvana-Megasellers „Nevermind“ – sogar das Schlagzeug klingt, als hätte Dave Grohl es gespielt. Und „Somehow“ ist ein wuchtiger Knaller, der bei einer Grunge-Revival-Party für eine volle Tanzfläche sorgen dürfte.

Die Neunziger sind zurück. Nachdem drei Jahre lang Post Punk- und New Wave-Einflüsse die Rock-Szenerie dominierten, ist nun wieder Zeit für Veränderung. Während junge New Yorker Bands wie Vampire Weekend oder Yeasayer Afrobeat als Inspirationsquelle entdecken, schauen drei junge Schweizer auf die letzte große Blüte des Alternative Rock zu Beginn der neunziger Jahre. Navels Debüt-Album „Frozen Souls“ setzt Erinnerungen an den schmutzigen Lärm aus Seattle, an Soundgarden, die Melvins und sogar an die frühe PJ Harvey frei.

„Ja, die neunziger Jahre sind unser Haupteinfluss, das merkt man schnell“, sagt Bandleader Jari Altermatt im Gespräch. Die blonde Mähne steckt diesmal unter der Kapuze seines schwarzen Pullis. Immer wieder rutschen ihm widerspenstige Strähnen ins Gesicht. Mit Grunge habe das alles aber gar nichts zu tun. Er sieht die damals von Seattle ausgehende Bewegung als eine abgeschlossene Epoche und verweist zu Recht darauf, dass zwischen Grunge-Bands wie Pearl Jam und den Melvins große Unterschiede bestanden. Es ist das einzige Mal in einer knappen Stunde, dass der 23-Jährige Sohn einer Finnin und eines Schweizers leicht genervt reagiert. Um die leidige Genre-Frage zu beenden, bietet er den Begriff „Earth-Rock“ an, was in der Tat recht gut passt. Navels live eingespieltes und von Jari eigenhändig produziertes Album ist erdig, ehrlich und mitreißend. Das Titelstück „Frozen Soul“ entfacht beispielsweise einen eineinhalb-minütigen Wut- Sturm, zu dem man sofort die Haare im Takt schütteln will. Dann driftet der Song in eine lange Mundharmonika- und Akustikgitarren-Ebene – und plötzlich reitet man mit den Drums durch eine verlassene Westernstadt. Hier und in der Ballade „Blue World“ zeigen Navel ihre Verehrung für den 1997 verstorbenen texanischen Folk-Musiker Townes van Zandt, dessen „Mother of the Mountain“ sie auf Konzerten gelegentlich covern. „Ich stehe auf Songwriter“, sagt Jari Altermatt, der im 900-Seelen Dorf Erschwil in der Nähe von Basel aufgewachsen ist. „Leute, die die Dunkelheit kennen, und das auf ihre Art darstellen können.“ Neben van Zandt nennt er noch Leonard Cohen und Bob Dylan, auf die das zutreffe.

Das Gespräch findet in der Wohnung von Patrick Wagner und Yvonne Franken statt, den Chefs von Navels Plattenfirma Louisville Records. Wagner war früher Frontmann der Rockband Surrogat und anschließend Mit-Betreiber des Labels kitty-yo. Eines seiner Lieder hieß „Gib mir alles“ – und drunter macht er es bis heute nicht. Superlative sind sein Ding. Kurz vor dem Konzert im Bang Bang Club sagt Wagner, der auch Jeans Team, Naked Lunch und Kissogram unter Vertrag hat, über Navel: „Sie sind die größte Band, mit der ich je zu tun hatte. Und Jari ist der talentierteste Musiker, den ich kenne.“ Ein paar Minuten später springt er auf die Bühne und erzählt den fünf Dutzend Zuschauern, wie sehr das Trio liebt. „Ohne diese Band hätten Yvonne und ich das Label schon längst hingeschmissen“, sagt er, um dann wie ein Boxpromoter zu brüllen: „Naaaaavel“. Ja, hier gibt jemand wirklich alles. Und als Jari Altermatt, Bassistin Eve Monney und Drummer Steve Valentin es krachen lassen, versteht man auch warum: Die drei entwickeln in ihren besten Momenten eine raumkrümmende Intensität. Es macht Spaß sich von ihr packen, schütteln und an die Wand drücken zu lassen. Und wenn anschließend der Boden ein bisschen schwankt, hat man auch begriffen, was „Earth Rock“ ist.

Navels „Frozen Souls“ erscheint am Freitag bei Louisville Records.

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