Debutalbum : Leben oder einen heben

Indi-Pop im Schnelldurchlauf: Sterne-Sänger Frank Spilker veröffentlicht sein erstes Solo-Album.

Christian Schröder
Frank Spilker
Frank Spilker auf Solopfaden. -Foto: Promo

Das Beste kommt zum Schluss: ein gespielter Witz. Krachend sind die Lärmkaskaden des letzten Stückes in sich zusammengestürzt, danach herrscht minutenlange Stille. Eigentlich ist die Platte vorbei, doch dann erklingt das gurgelnde Geräusch eines zurückspulenden Tonbands. Und der Sänger legt, begleitet von einer bratzigen E-Gitarre, noch einmal los. Er predigt: „Wenn du Geschichten erzählst, pass bitte nicht auf, ob du irgendwo aneckst.“ Er zetert: „Hör auf, dich selbst zu belügen, und dann fang zu erzählen an.“ Und er flucht: „Und scheiß auf den Reim.“ Genüsslich zerdehnt er „Scheeeeeiiiß“.

Aus lyrischen Feinheiten hat sich Frank Spilker noch nie viel gemacht. In den Texten seiner Band „Die Sterne“ stückelte der Sänger gerne so lange Redensarten, Halbweisheiten und Geistesblitze aneinander, bis aus dem wortreichen Draufloserzählen windschiefe Poesie wurde: „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten / Wir fanden uns ganz schön bedeutend.“ „Antipopkurs“ heißt der versteckte Bonustrack seines gerade erschienenen ersten Soloalbums, mit dem sich Spilker nun selber verhohnepipelt. Der inzwischen 41-jährige Veteran der „Hamburger Schule“ tritt hier tatsächlich in der Rolle des Lehrers auf, der einer nachwachsenden Schülergeneration nahebringt, wie der Hase in der Showbranche so läuft. Seine Botschaft: Bleib aufrecht und hüte dich vor dem Kommerz.

Spilker lebt in St. Pauli, von seiner Wohnung blickt er auf die „Hamburg School of Music“, an der Musical-Nachwuchs trainiert wird. Von einem, der trotzig an den Idealen der Independent-Kultur festhält, könnte man Hasstiraden auf die TV-Casting-Shows und Pop-Akademien erwarten, die Musiktalente zu R'n'B-Klonen nach amerikanischem Vorbild formen. Aber er sagt: „So schlimm find ich das gar nicht. Man kann auch irgendwie komisch anfangen und trotzdem künstlerisches Potential entwickeln.“ „Die Sterne“ skandierten auch schon mal „Allein machen sie dich ein“, mit ihrer schnittigen Kapitalismuskritik galten sie als legitime Erben von „Ton Steine Scherben“. Auf seinem Soloalbum „Mit all den Leuten“ (Staatsakt/Indigo) säuselt Spilker „Es sieht gut aus, es geht gut aus“ und fragt in den sanft aufschäumenden Offbeat-Rhythmus hinein: „Was wollen wir machen, Therapie? Oder gehen wir noch mal einen heben?“

Zur Frank Spilker Group gehören der Schlagzeuger Matthias Strzoda (Ja König Ja) und Bassist Max Knoth (Mobylettes). Aufgenommen wurde die Platte im Hamburger Sterne-Studio und in der Villa Qrella in Berlin, produziert von Norman Nitzsche (NMFarner, Mina) und unter Mitwirkung der Singer/Songwriterin Masha Qrella und des Fehlfarben-Gitarristen Uwe Jahnke. „Mit all den Leuten“ ist eher interessant als wirklich gelungen, das Album enthält einige wunderbare Songs, rundet sich aber nicht zum Gesamtkunstwerk. Es ist nicht so, dass Spilker keine Ideen hätte. Es sind eher zu viele. Souverän wechselt der Sänger die Stile und Haltungen, mitunter wirkt die Platte wie ein Schnelldurchlauf durch den Independent-Pop der letzten 25 Jahre.

Grandios ist allerdings „Ein einsamer Mann“, das Stück zelebriert den Blues als Lärm-Oper und spielt mit den „My Baby Left Me This Morning“-Klischees des Genres. „Me Only“ ist das beste Smiths- Stück, das nicht von den Smiths stammt, nur dass Spilker nicht so schön jodeln kann wie Morrissey. „Ich weiß genau, was du denkst“ zitiert den Neue-Deutsche-Welle-Techno von DAF, im Titelsong „Mit all den Leuten“ ticken Gitarrenakkorde uhrwerksartig wie im Fehlfarben-Klassiker „Paul ist tot“. Und mit der Single „Ich geh' gebückt“ liefert Fast- Popstar Spilker eine sonnendurchflutete Hymne auf das Scheitern: „Wie läuft es denn bei dir so, hast du vielleicht Glück? Du gehst, wie du gehst, ich geh' gebückt.“

„Die Sterne“ hat Frank Spilker vor fast zwanzig Jahren gegründet, mit „Universal Tellerwäscher“ und „Was hat dich bloß so ruiniert?“ gelangen der Band Mitte der neunziger Jahre veritable Hits. Mit „Räuber und Gedärm“ erschien 2006 die achte Sterne-CD, die zwar für ausverkaufte mittelgroße Konzertsäle sorgte, aber kaum noch Anklang bei Kritikern fand. „Danach haben wir beschlossen, das Tempo rauszunehmen und künftig seltener Platten zu veröffentlichen“, sagt Spilker. Ihren Plattenvertrag hat die Band inzwischen ohnehin verloren, da das Label V2 aufgelöst wurde. Trotzdem sollen im Sommer die Aufnahmen für eine neue Sterne-Platte beginnen. Der Kampf geht weiter.

Die Frank Spilker Gruppe spielt am Freitag, den 4. April in Berlin, um 20 Uhr im Festsaal Kreuzberg.

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