Der DJ als Weltstar : Paul van Dyk: Den Dreh raus

DJ Paul van Dyk ist ein Weltstar. Zu seinen Raves in New York und London kommen Zehntausende. Trotzdem bleibt er Berlin treu

Markus Hesselmann[London]
Paul von Dyk
Hohe Kunst. Der DJ im Berliner Büro seines Plattenlabels. -Foto: dpa

Der Trance-Sound legt sich über die Parkwiesen im Südwesten Londons, 20.000 Raver reißen die Arme in die Höhe. „From Berlin, Germany”, gellt es aus den riesigen Boxen. „In den Charts immer ganz vorn: Mister Paul van Dyk. Willkommen auf der Bühne.“ Jubel und Applaus übertönen die ersten Beats seines Auftritts. Die Jumbojets, die über Clapham Common im Tiefflug in Richtung Heathrow schweben, können von der Lautstärke her sowieso nicht mithalten. Es ist Sommerzeit, Zeit für „SW4“, das große Technofestival, das nach der Postleitzahl dieser südwestlichen Ecke der britischen Hauptstadt benannt ist. Paul van Dyk wurde auf Plakaten und in Anzeigen als Star des Tages angekündigt. Seine Show dauert mit eineinhalb Stunden am längsten. Sie bringt den Rave zum Abschluss und Höhepunkt.

Am Tag zuvor war Paul van Dyk noch in einem ganz anderen Ambiente aufgetreten: in Eisenhüttenstadt. Vor dem Rave in der Weltmetropole das Stadtfest in der ostdeutschen Provinz. Aber nicht in irgendeiner Provinz, dies war schließlich ein Heimatbesuch für ihn. Und da legt der größte DJ der Welt, der 2005 und 2006 die Top 100 bei der weltweiten Wahl des „DJ Mag“ anführte, gern in kleinem Rahmen auf. „Ich wollte der Stadt etwas zurückgeben. Schon dafür, dass ich da geboren wurde“, sagt er und lacht. Entspannt sitzt Paul van Dyk vor seinem Londoner Auftritt in der Lobby seines Hotels, trinkt Tee und erzählt von Eisenhüttenstadt, wo er vor 35 Jahren auf die Welt kam. Er sei froh, dass es mit dem Auftritt dort geklappt habe. Den Termin hat er sich in seinem vollen Kalender irgendwo zwischen New York und London freigehalten. In New York spielte er kurz zuvor im Central Park. „Das ist für mich immer noch etwas Besonderes“, sagt Paul van Dyk und erzählt vom Sonnenuntergang über den Häuserschluchten, den er von der Bühne aus dort immer besonders intensiv erlebt.

Und dann Eisenhüttenstadt. Einfach war das Heimspiel nicht. Vor ihm traten Boss Hoss auf, die Standards der Pop- und Rockgeschichte als Speedcountry-Versionen runterreißen. „Als die dann auch noch ein Surfbrett auf die Bühne gebracht und ‚Surfin’ USA‘ gespielt haben, dachte ich mir: Das wird heute schwierig.“ Am Anfang schien das Publikum bei seinem Auftritt tatsächlich ein wenig verwirrt, erzählt van Dyk. „Aber als sie dann verstanden haben, was ich da mache, wurde es eine gute Show.“

In London wissen die Fans auf Anhieb, was er da macht, wenn er sich an seinem Mischpult wie ein Gitarrist beim Solo verausgabt oder selbst tanzend oder mit dem Arm pumpend den Rhythmus vorgibt. Er muss sie nicht rumkriegen. Das hier ist sein eigentliches Heimspiel, letztlich hat er ja überall Heimspiele. Paul van Dyk ist ein Weltstar. Die deutsche „Vanity Fair“ nannte ihn gerade einen „unbekannten Weltstar“. Für die Masse der Raver in London ist er jedenfalls alles andere als unbekannt. Welcher deutsche Künstler kann von sich sagen, dass er 20.000 Menschen zum Tanzen bringt – fern der Heimat, in einer der Musikmetropolen der Welt? Sein neues Album „In Between“ ist kaum auf dem Markt, doch als die ersten Akkorde erklingen, bricht sofort anerkennender Jubel aus. In den Stücken mischt er den klassischen Trance-Sound mit Pop- und Rockelementen. Der Gesang kommt von prominenten, vom Stil her sehr unterschiedlichen Gästen. Jessica Sutta von den Pussycat Dolls ist genauso dabei wie David Byrne, der frühere Sänger der Talking Heads, oder Rea Garvey von Reamonn, der ihn auch beim Auftritt in London unterstützt. Ein Keyboarder und ein Schlagzeuger machen den Rave fast zum Konzert. Doch bei aller Weltläufigkeit: Seine Musik sei verwurzelt in den „smelly basements of Berlin“, den muffigen Techno-Kellern der deutschen Hauptstadt, sagte er dem Stadtmagazin „Time Out“.

Was hält einer, der in der ganzen Welt auflegt – auf London folgten Bangkok und Kuala Lumpur –, für das Besondere an der Berliner Technoszene? „Sie kommt direkt aus der Subkultur“, sagt Paul van Dyk. „Sie ist immer noch stark mit den Clubs verbunden.“ Über die Szene in seiner Heimat macht sich van Dyk viele Gedanken. „Berlin richtet sich im Mittelmaß ein“, sagt er. Da herrscht ihm zu viel Zufriedenheit. Lauter Clubs für 200 bis 400 Leute, in zwei Monaten habe man alles erlebt. Dann gibt es nur noch Wiederholungen. Ihm fehlt in der Stadt ein großer Club mit internationaler Anziehungskraft, der die Star-DJs anlockt.

Die Loveparade hatte diese Anziehungskraft. Paul van Dyk findet es ausgesprochen schade, dass sie nicht mehr in Berlin, sondern nun im Ruhrgebiet stattfindet, und wirft der letzten Berliner Führungsriege der Technoparade vor, die Chance auf einen Neuanfang vertan zu haben. „Die Loveparade hatte eine übergeordnete Relevanz“, sagt Paul van Dyk. „Sie hat gezeigt, wie weltoffen und kosmopolitisch Berlin und Deutschland sind.“ Die Techno-Parade sei kulturpolitisch wichtig für die Hauptstadt. Die Kritik, dass der große Rave am Ende nur noch ein Prollfestival war, hält er für falsch. Er findet es gut, dass möglichst viele Menschen zur Loveparade kommen, nicht nur ausgewiesene „Technoheads“. Und Klaus Wowereit darf ruhig auch dabei sein, trotz aller Anwürfe, dass Politiker den Rave für Imagezwecke nutzten. „Im Gegenteil. Wenn der Regierende Bürgermeister kommt, dann ist das ein wichtiges Signal“, sagt Paul van Dyk.

Dass Berlin auch ohne die Parade gut auskommt, hält er für zu kurz gedacht – und ein bisschen typisch für das, was in Deutschland abläuft. Der professionelle Weltreisende steckt voll drin in den Debatten in seiner Heimat und bezieht auch politisch Stellung. „Es wird bei uns oft sehr kurzsichtig gehandelt“, sagt Paul van Dyk. Als jüngstes Beispiel nennt er den Lokführerstreik. „Da entscheidet eine Gewerkschaft, dass sie mehr Geld für ihre Mitglieder will und setzt dafür die übergeordneten gewerkschaftlichen Bindungen aufs Spiel.“ Oder die Hartz- IV-Demonstrationen vor zwei Jahren: „Die haben doch nur dazu geführt, dass wir jetzt eine Regierung haben, die alles noch schlimmer macht. Das war nicht zu Ende gedacht.“

Paul van Dyk hält vieles für möglich. Auch, dass die Loveparade irgendwann in Berlin wiederbelebt wird, vielleicht sogar mit einem Auftritt von ihm. „Ich breche keine Brücken ab“, sagt er. Ohnehin ist Berlin sein privater wie beruflicher Mittelpunkt: Er wohnt in Charlottenburg, wo auch seine Plattenfirma residiert, und bei Radio Fritz hat er eine wöchentliche Sendung. Im Oktober vergangenen Jahres verlieh ihm Klaus Wowereit sogar den Verdienstorden Berlins, für „die hervorragenden Verdienste um die Hauptstadt“ und sein soziales Engagement. Zusammen mit dem Roten Kreuz hat Paul van Dyk das Projekt „Rückenwind“ ins Leben gerufen, das Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen bessere Bildungschancen ermöglichen soll. Und gelegentlich hat er auch noch Zeit zum Auflegen in seiner Heimatstadt, wie am 21. September in der Treptower Arena. Dort wird er wieder die Zuneigung der Fans zu spüren bekommen. Und von diesem Gefühl kriegt ein DJ nie genug. Man lebt von den Reaktionen der Fans, man will sie alle haben und nimmt auch einzelne von ihnen wahr. „Ich habe einmal einen beobachtet, der höchstens ein bisschen gewippt hat“, erzählt Paul van Dyk. Nach dem Auftritt habe er den Fan dann zufällig getroffen. „Er erzählte mir, dass er schon bei mehr als zwanzig meiner Sets war, aber dass dieser heute der allerbeste gewesen sei. Warum gibt er mir dann nichts davon zurück, habe ich ihn gefragt.“

Bei van Dyks Auftritt in London steht vorn an der Bühne niemand nur da und wippt. Die Fans tanzen in den Abend. Ihre Hände fliegen in die Luft, ihre Körper reiben sich aneinander. Zum Abschluss krachen Böller, der Bühnenhimmel speit Feuerwerk. Paul van Dyk wirkt selbst erschrocken wegen der lauten Knallerei. Die Sonne ist gerade untergegangen. Techno ist nicht tot.

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