Deutsche Oper : Die Weltrasierklinge

Die leicht verspätete Spielzeiteröffnung an der Deutschen Oper Berlin setzt auf Leiden. Auf Salvatore Sciarrinos Ekstase in einem Akt "Infinito nero“ folgt eine hochmögend besetzte Pathoskonferenz.

Christine Lemke-Matwey

BerlinAm Wegesrand: Schmerzensmütter, Dornenkronen, flammende Schwerter, flehende Blicke und ein förmlich ans Kreuz geknoteter, aufreizend muskulöser Gottessohn. Das Leiden in der christlichen Ikonografie, es hat seit jeher Kunst zur Folge, Ausdruck, menschlichen Gestaltungswillen. Und die Kunst wiederum, seit sie das Kirchenschiff verließ, liebt das Leiden, die Wunde, das tiefe Weh. Nicht nur in der Oper, aber dort wohl auf eine ganz besonders exponierte, mal mehr, mal weniger schamlose und/oder reinigende Weise. Von Wagners Amfortas bis Verdis Traviata, von Elektras rhythmischem Stampfen bis zum erotischen Hochseilakt des hohen C.

Eine schlüssig-schöne Idee also, die (bautechnisch bedingt) leicht verspätete Spielzeiteröffnung an der Deutschen Oper Berlin ganz im Zeichen des Leidens und mit einem dramaturgischen Trippelschlag zu begehen: Auf Salvatore Sciarrinos Ekstase in einem Akt "Infinito nero“ folgt eine hochmögend besetzte Pathoskonferenz und auf diese wiederum – prima la musica! – ein lustiges Chor-Happening. Auf das musikdramatische Gesamtkunstwerk im Magazin, in den Eingeweiden des Hauses, folgt also die Rede ex cathedra, nämlich von der großen Bühne herab, und schließlich der kollektive Gesang im Saal. Die ganzheitliche Selbsteroberung, ja Selbstvergewisserung einer zwar angeschlagenen, aber noch lange nicht kraftlosen Institution, wenn man so will. Sympathisch in ihrer Sturheit.

Nun kann man sich natürlich fragen, ob ausgerechnet derjenige, dem das Wasser bis zum Halse steht, derart nach den intellektuellen Sternen greifen darf. Die Hybris als letzte Rettung? Hier wird geklotzt? Die stärkste Antwort darauf findet an diesem herbstsüßen Samstagnachmittag an der Bismarckstraße zweifellos Sciarrinos Einakter, der auf den ekstatischen Äußerungen der karmelitischen Mysterikerin Maria Maddalena de’ Pazzi fußt und von Sören Schumacher (Regie) und Bernd Damovsky (Ausstattung) eindrücklich in Szene gesetzt wird. In einer langen, gespenstischen Prozession wird das Publikum über den Zuschauerraum und die klaffende Riesenmaul der Bühne ins Labyrinth des Theaterinneren geführt, ein Kreuzweg, eine Passion und Bildniswerdung, vorbei – siehe oben – an kitschtriefenden Marien- und Heiligenstatuen, bis man schließlich bei der Sängerin Ulrike Helzel landet (begleitet von Mitgliedern des Orchesters der Deutschen Oper unter Anne Champert) und ihrem zombiemäßig zugerichteten Double Jana Knust. Das Weibliche also auf der Weltrasierklinge wandelnd, zwischen verzückter Selbstentäußerung hier und virtuoser Kunstkontrolle da. Ein tröstliches Synonym. Für die Frau als Subjekt wie für die Grenzenlosigkeit (nicht nur) des Musiktheaters.

Ironie des Nachmittags, dass das anschließende Pathos-Podium auf jede weibliche Beteiligung meint verzichten zu können. Nicht nur wirkt es ebenso erbärmlich wie lächerlich, wenn vier ältere Herren (Manfred Osten für den indisponierten Matthias Matussek, der Komponist Wolfgang Rihm, der Philosoph Peter Sloterdijk und der Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs) sowie ein mitteljunger chronischer Bilderstürmer (Christoph Schlingensief) unter sich bleiben. Auch zum Thema ("Zukunft große Oper. Sehnsucht nach dem Grandiosen“) hätte man Geerdeteres erwartet: mehr Sinnliches, mehr offenen Diskurs und ehrlich interessiertes Gespräch, mehr Politisches auch und irgend Konkretes, Brisantes.

Stattdessen trägt die akademische Belegschaft ihr weitgespreiztes Wissen wie eine Monstranz vor sich her. Von Aristoteles bis Nietzsche, von den Neurowissenschaften über das Ziegenopfer bis Leni Riefenstahl geht das so hin und so her. Rihm befindet, Musik sei per se pathetisch, weshalb jede willentliche Pathoserzeugung Frevel bedeute; Sloterdijk qualifiziert Kunst per se als "Höhepunktkunst“ und die Desorientierung als Keimzelle der Demokratie; Osten referiert über „ästhetische Waschungsvorgänge“; und Heinrichs gibt zu bedenken, dass Pathos nicht gleich Pathos sei. Gegen eine derart geballte „Tiefschwätzerei“ (Thomas Mann) vermag selbst Schlingensief mit seiner Theorie des Zerfalls und der Verkommenheit wenig auszurichten. Er heule gerne, so sein Schlussbekenntnis, und er könne das auch noch, allem Aufgeklärtsein zum Trotz. Dem schließen wir uns nur zu gerne an.

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