Deutsche Oper : Premiere von Fioronis "Turandot"

Die Deutsche Oper Berlin startet mit einer musikalisch glanzvollen "Turandot" in die Saison.

Frederik Hanssen

Warum ist „Turandot“ Giacomo Puccinis bedeutendste Oper? Weil er sich mit seinem letzten Projekt noch einmal selber herausgefordert hat. Herzergreifende Geschichten von rückhaltlos liebenden Frauen, deren Glück an den grausamen gesellschaftlichen Verhältnissen zerbricht, begründeten den Weltruhm des italienischen Komponisten. Mit Werken wie „Madame Butterfly“ oder „La Bohème“ hätte er bis zum Lebensende garantierte Erfolge einheimsen können. Doch 1920 entschloss er sich, einen Stoff zu vertonen, in dem seinem weiblichen Prototyp nur eine Nebenrolle zugestanden wird. Liù, die Sklavin, die sich für ihren Herrn opfert, ist die einzige Identifikationsfigur in „Turandot“ – am Sonnabend hatte die Neuinszenierung von Lorenzo Fioroni zur Saisoneröffnung an der Deutschen Oper Premiere.

Die Titelheldin dagegen stellt eine Inkarnation männlicher Ängste dar. Die blendende Schönheit, der die Herrschersöhne reihenweise verfallen, hat sich geschworen, die 2000 Jahre zurückliegende Vergewaltigung einer Ahnin zu rächen. Deshalb gibt sie ihren Freiern drei Rätsel auf – wer sie nicht löst, wird geköpft.

Zwar hat Puccini ein chinesisches Märchen vertont, aber es geht um ein zeitloses Sujet: Um den Geschlechterkampf, um Matriarchat gegen Patriarchat. Hier die allmächtige Kaisertochter, die die Liebe zur Lebenslüge erklärt, eine Wahlverwandte von Lulu und Salome – nur grausamer, weil sie sich mit einem emotionalen Eismantel panzert. Auf der anderen Seite: Kalaf, der blaublütige Draufgänger, dessen Jagdinstinkt durch Turandots Schönheit ausgelöst wird, der eine sexuelle Fantasie erobern, ein Statussymbol besitzen will. Und auch Puccini, der frechste Macho der Musikgeschichte, aber eben ein Künstler, der stets über seine Grenzen strebt, setzt sich dieser „Turandot“ aus – und findet prompt keine Lösung für sein Werk. Er stirbt 1924, ohne das Schlussduett komponiert zu haben, in dem die Kontrahenten laut Libretto doch noch zum Paar werden.

Die Sängerbesetzung der Deutschen Oper ist ein Glücksfall: Alle Protagonisten beglaubigen von der Stimmfarbe her ihre Figuren. Lise Lindstrom hat die erotische Ausstrahlung der jungen Maggie Thatcher – als seien die Diamanten, die sie trägt, von ihrem schneidenden Sopran selber geschliffen. Auch Tenor Marco Berti setzt seinen Gesang als Waffe ein, doch er ist eher ein stilistischer Florettfechter, geschmeidig, wendig, trickreich. Inna Los gibt mit schüchternen Lyrismen das Mauerblümchen Liù, Paata Burchuladze ertastet sich als blinder Timur den Weg durch die Partie. Auch das Ensemble des Hauses glänzt: Mit Peter Maus als schütterstimmigem Altkaiser, mit dem bestens eingespielten Minister-Trio von Simon Pauly, Jörg Schörner und Yosep Kang. Chordirektor William Spaulding, der seit einem Jahr amtiert, hat sein Kollektiv zu neuer Blüte geführt, Dirigent Pinchas Steinberg koordiniert das komplexe Geschehen reibungslos, erweist sich als kavalierhaft um angemessene Lautstärke besorgter Sängerbegleiter, lässt aber auch einen edelstählernen Puccini-Sound aufrauschen.

Ein musikalischer Erfolg, den die Fans des Hauses am Premierenabend feiern. Aber es ist nur ein halber Sieg: Szenisch gerät die Produktion zum Debakel, gedanklich wie handwerklich. Die ersten beiden Akte mag man unterhaltsam finden, sofern einem die aktuelle Inszenierungsmode gefällt, sich über das Pathos der großen Oper lustig zu machen. Mel Brooks meets „The Truman Show“: Die Bühne (Paul Zoller) erinnert mit ihrer Holzvertäfelung an die Bundespressekonferenz. Mobiliar, Licht und Kostüme (Katharina Gault) lassen in ihrer trostlosen Hässlichkeit eher an eine Fünfzigerjahre-Turnhalle denken. Und oben, in einer Loge, sitzt die operettenhaft aufgemotzte Herrscherriege eines totalitären Staates. Alle starren auf die Vorderbühne, wo auf einem Podest eine Laienspieltruppe in commedia dell’arte-Manier die Story vorhampelt, bevor als Hauptattraktion die Rätselshow folgt. Turandot im Cocktailkleid und Kalaf im Smoking nehmen am Kindertisch Platz, gegen die Spielregeln gewinnt der Kandidat, Fernsehleute und Sicherheitspersonal wuseln durcheinander, Chaos im Saal.

Im dritten Akt bricht dann die Pappkulisse krachend zusammen, plötzlich ist alles ernst gemeint. Liù wird naturalistisch gefoltert, der Chor reagiert mitfühlend statt sensationsgeil, Turandot lässt sich von Kalaf ins Brautkleid helfen, gemeinsam ziehen sie los, ihre Alten abzustechen. Denn, so behauptet Fioroni, beide sind in einem Staat groß geworden, der Gewalt als einziges Mittel der Kommunikation akzeptiert, und darum können sie nur eins werden, indem sie zu zweit Grausamkeiten verüben.

Was für ein Trugschluss! Die Macht hat bei Puccini allein Turandot. Der Kaiser ist ein hilfloses Männlein neben ihr. Opernväter, die ihre Töchter verkaufen, verschachern, als Preisgeld aussetzen, sind Legion. Hier aber schaut der Vater hilflos dem Morden seines Kindes zu, hat ebenso wenig Einfluss auf Turandot wie Timur auf seinen Sohn Kalaf. Darum geht der Vatermord ins Leere.

Dass auch die Solisten ihrem Regisseur kein interpretatorisches Wort glauben, wird überdeutlich: Selten wurden auf einer Bühne so lustlos Messerstiche verteilt, so ungerührt Verstümmelungen hingenommen. Als Schauspieler bleiben sie alle blass, Marco Berti ringt zum „Nessun dorma“ die Hände wie Paul Potts, Inna Los agiert marionettenhaft, Paata Burchuladzes darstellerisches Phlegma grenzt gar an Arbeitsverweigerung.

Wieder am 16. und 19. September; 14., 18. Oktober; 12., 15., 19. November

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