Diane Weigmann : Zucker für die Ohren

Kunst der Leichtigkeit: Diane Weigmann und ihr zweites Solo-Album

Sebastian Handke
Diane Weigmann
Foto: ddp

Diese Fröhlichkeit hat ein Ziel. Sie will unbedingt anstecken. Auf der Bühne findet sie Ausdruck in einem emphatisch zelebrierten Gesichtskino: Die Augen werden weit aufgerissen, dann wieder halbekstatisch zusammengekniffen, sie kullern nach oben (meistens rechts), schweifen beglückt in die Ferne und beglückend zurück ins Publikum. Der Kopf mit dem flammend roten Haar wiegt sich selig zur Musik, und niemals trübt es sich ein, dieses beharrliche Lächeln. Diane Weigmann strahlt unerschöpflich, wie ein glühender Kobold, an den man zu viel Spannung angelegt hat.

Wäre es eine Pose, sie wäre unerträglich. Doch Diane Weigmann, so scheint es, ist einfach nur sie selbst. Nach dem Auftritt vom Vorabend, als sie vor Freunden, Journalisten und Fans in der Kalkscheune ihre neuen Lieder vorstellte, half sie noch beim Abbau. „Müde bin ich“, sagt sie am Morgen danach und feuert ungebremst mit ihrem hellen Charme. Wir sitzen auf einem Sofa in einer Ecke des Café „Bilderbuch“ in Schöneberg. Ein angemessener Ort, um mit Diane Weigmann über ihr zweites Solo-Album zu plaudern. Die Sängerin blättert in der Karte. „Tischleindeckdich“ soll es sein, das ganz große Frühstück.

„Im Zweifelsfall noch immer“ heißt die neue Platte, und sie klingt, als versuche das ehemalige Girlie wider Willen, ein bisschen reifer zu sein. „Versuchen tut man gar nichts“, entgegnet Diane Weigmann entschieden. „Sachen passieren einfach.“ So ein Album sei doch immer eine Momentaufnahme, inspiriert von den Dingen, die ihr in der Zwischenzeit widerfahren. Vor zwei Jahren wagte sie sich an ihr Solo-Debüt – nach dreizehn Jahren als Frontfrau der Lemonbabies und drei anschließenden Jahren Bühnenpause. „Damals musste ich mir mein Metier neu erobern. Jetzt klingt meine Musik etwas weniger lieblich und verspielt, konsequenter eben. Ich weiß jetzt, was ein Stilelement ist und was nur eine Angewohnheit.“

Diane Weigmann war gerade mal fünfzehn, als sie 1989 mit drei Freundinnen in einem Berliner Jugendzentrum die Lemonbabies gründete. Mit schnörkellosem, englischsprachigem Pop war man viele Jahre zwar über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und beliebt, aber doch nie so erfolgreich, wie diese Musik hätte sein können. „Plötzlich gingen wir auf die dreißig zu – und während alle anderen ihre Auslandssemester, Praktika, Reisen und Jobs bei McDonalds hinter sich hatten, war es bei uns immer das Gleiche: Plattenaufnehmen, Touren, Plattenaufnehmen, Touren...“

2002 entschlossen sich die Lemonbabies zu einer Pause. Diane Weigmann ging erst mal nach Hamburg, trug sich beim Kontaktstudiengang Popularmusik ein und wurde dort von einer Kommilitonin an die Hand genommen, die später ebenfalls mit deutschsprachigen Texten auffallen würde: Judith Holofernes. Eine Freundschaft, die bis heute hält.

Mit der Band Wir sind Helden oder auch nur den Lemonbabies hat ihre eigene Musik allerdings wenig gemein. Wer nur flüchtig hinhört, wird darin nicht mehr erkennen als leicht angekitschten, lieb gemeinten Frauenzeitschriften-Pop. Doch Weigmanns Lieder sind ausgezeichnete kleine Popsongs – nicht sehr aufregend zwar, aber geschliffen, geschmackvoll und vor allem sehr eingängig. „Kein Wort“, die eher verhaltene, aber starke erste Single, oder „Ein Drittel bis zu mir“ würden sich auch auf einem Blumfeld-Album gut machen.

Am besten allerdings klingt das neue Material im Konzert. Viel Zeit hat sie sich gelassen bei der Zusammenstellung ihrer Band, und den Musikern ist die Freude bei der Arbeit anzusehen: Sie bringen Diane Weigmanns Lieder überraschend kompakt zum Vortrag. Vor allem Dog: ein furchterregender Hüne, der sonst eher die harten Sachen trommelt, H-Blockx etwa oder Abwärts – eine Erscheinung, die so gar nicht zu Dianes sanft-smartem Ohrenzucker passen will.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Dog Lust hat, sich mit meiner Musik auseinanderzusetzen“, wundert sich Diane immer noch. Eines Abends aber kam man ins Gespräch und es entspann sich ein fiebriger Streit über No Angels und Casting-Bands überhaupt. „Für Außenstehende sah das wohl so aus, als pflaumten wir uns da gerade voll an“, erinnert sich die Sängerin. „Wir aber haben uns an dem Abend entdeckt.“

Von unerwarteten Begegnungen, vom Zwischen-den-Stühlen-Sein, von Lebensveränderungen, langer Liebe und schwerer Krankheit handeln Dianes Texte. Als „Musik gewordene Lebenshilfe“ hat man ihre Songs verspottet. Ganz falsch ist das nicht. Im Gegensatz aber zur fahlen „Gefühle-müssen-raus“-Lyrik von Rosenstolz gelingt es Diane, schlicht und zugänglich zu sein, ohne dabei allzu platt zu werden. „Ich bin selber erstaunt, wie ich mir manchmal den Weg in meinen Reimzeilen vorzeichne.“ Beim Schreiben, sagt Diane, kümmert sie sich um sich selbst. Erst auf der Bühne geht es um andere. „Es ist wie Naseputzen“, sagt sie, erschrickt kurz über den profanen Vergleich und führt dann aber aus: „Die Nase ist verstopft, also putzt man sie.“

Als sie zehn war, bekam Diane ihre erste Gitarre. Seither schreibt sie Lieder. „Jede Familie hat Leichen im Keller, auch bei uns gab es große Schwierigkeiten. Ich habe dann die Tür zu meinen Zimmer geschlossen und Musik gemacht, damit ich nicht mitkriege, was draußen abgeht.“ Ein qualvoller Prozess? „Im Gegenteil. Ein Prozess, der mich so sein lässt, wie ich bin.“ Wenn sie keine Lieder schriebe, wäre sie ein weniger fröhlicher Mensch.

Mit ihrem hellen Pop, ihren freundlichen Texten und ihrer leuchtenden Gesamterscheinung empfiehlt Diane Weigmann vor allem eins: ein gesundes Maß gewollter Naivität. Man darf sich die Dinge auch mal ein wenig zurechtbiegen, damit sie einen guten Sinn ergeben. Aber macht man sich dabei nicht auch manchmal was vor? „Kann sein“, sagt Diane Weigmann. „Aber ich würde nicht tauschen wollen.“

„Im Zweifelsfall noch immer“, Warner

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