Die Clublegende : SO36: Dreißig Jahre Punk, Power, Politik

Der Kreuzberger Club SO36 ist immer noch links, lebendig und – kollektiv organisiert. Jetzt wird dreißigster Geburtstag gefeiert.

G,a Bartels
SO36
Team Kreuzberg. Azubi Möter lernt im SO36 Veranstaltungstechniker, Hausfreundin Jessie Evans steht oft auf der Bühne, Lilo...Foto: Thilo Rückeis

Andi, 21, ist Hardcore-Punkfan. Mit 16 ist er zum ersten Mal im SO36 gewesen. Da kam er noch aus Königs Wusterhausen nach Kreuzberg gereist. Jetzt wohnt er in Friedrichshain. „Ich mag den Laden“, sagt Andi, „ist echter hier als in anderen Clubs.“ Die linke Geschichte des legendären Punkschuppens in der Oranienstraße 190 gefällt ihm. „Sollte mehr so Läden geben“, brüllt er gegen die Musik ins Ohr und dreht sich wieder zur Bühne.

Ein Freitagabend im März. Punk dröhnt durch die abgeschabte Konzerthalle, in der schon die Dead Kennedys oder Die Ärzte spielten. Um die 500 Leute passen rein, die sind es heute nicht ganz. Und Stammgäste zu finden, die über 21 sind, klappt überhaupt nicht. „Rock the Cancer“ heißt das Solikonzert für kranke Kinder. „Coole Sache“, sagt Alina, 19, aus Lichtenberg und zieht vorsichtig ihre gepiercten Lippen nach. Nur das Bier sei zu teuer. Was sie sonst übers SO36 weiß? „Der Name kommt vom alten Kreuzberger Postbezirk. Hat ein Lehrer erzählt.“

30 Jahre gibt es das SO36 inzwischen. Und obwohl Politkrawalle hier inzwischen Geschichte sind, ist eins der letzten großen Kollektive Berlins immer noch ein Veranstaltungsort mit Haltung: links, antirassistisch, antisexistisch, antihomophob. Steht gleich am Eingang. So wie der selbstironische Slogan: „30 Jahre SO36 – von A wie Urgestein bis Z wie Frischfleisch“.

Streng genommen war schon letztes Jahr Jubiläum, denn als Beginn der auf Punk und Wave spezialisierten Konzerthalle, die davor unter anderem einen Supermarkt und das Kino am Heinrichplatz beherbergte, gilt das „Mauerbaufestival“ im August 1978. Danach übernahm der Künstler Martin Kippenberger den Laden, um dort Punk und Avantgardekunst zu vereinen. Das ließ er wieder bleiben, nachdem die lokale Anarchoszene Front gegen seine „Konsumscheiße“ machte und eines Abends die Konzertkasse mit mehreren tausend Mark klaute. Unter wechselnder Regie folgten dann sagenumwobene Konzerte von Bands wie Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten und Festivals wie „Berlin Atonal“. 1983 gab es ein Zwischenspiel als türkisches Hochzeitshaus, dann die Besetzung durch das Kulturzentrum „KuKuck“, 1987 dessen Räumung und seit 1990 die Wiedereröffnung durch den Verein SO36.

Ein Donnerstagvormittag im März. Mit dem Lastenfahrstuhl geht’s hoch ins Büro des SO36. Menschen klappern brav auf Computertastaturen, Topfpflanzen, geschäftiges Telefongeklingel. Gleich am Eingang sitzt Fatma, für immer 39. Er nennt sich sie, organisiert die schwul-lesbische Oriental-Disco „Gayhane“, und ist seit elf Jahren im Rat des Kollektivs. Mit Vereinsvorstand und Ratsmitglied Lilo, 49, auch so lange dabei, geht’s nach unten in den von tausend tanzenden Füßen zerschrammten Saal.

Ob sie sich beim Geburtstag verrechnet haben? Fatma und Lilo, die für Veranstaltungsorganisation zuständig ist, lachen. „30 Jahre SO36“ sei ein Fake-Jubiläum. Letztes Jahr sei man zu beschäftigt mit sich gewesen, meint Lilo. „Und außerdem sind’s ja gefühlte 70 Jahre“, sagt Fatma und grinst. Trotzdem wird am 4. April die große Geburtstagsgala „Der Wahnsinn geht weiter“ gefeiert. Mit Überraschungen und den DJs der SO-Partyklassiker von Café Fatal bis Electric Ballroom.

Und dann machen sich Fatma und Lilo daran, die romantische Vorstellung zu zerstören, dass eine Konzerthalle im Kollektiv zu führen heißt, über den Auftritt von Bands im Plenum abzustimmen. So läuft das bei Profis nicht. Vielmehr gibt’s verteilte Jobs und Entscheidungsebenen. Im Trägerverein SO36 sind einige hundert Leute, 50 gehören zum Kollektiv und zehn bilden den Delegiertenrat. Die Mehrheit entscheidet, nicht mehr der Konsens. Eine Gradwanderung sei’s trotzdem mitunter, sagt Fatma. Rund 50 Leuten gibt das unsubventionierte SO36 Arbeit. Und sechs Azubis lernen Veranstaltungstechniker, Veranstaltungskaufmann. Rund 70 000 Gäste kommen pro Jahr ins Haus.

Wie es sich anfühlt, in einer Clublegende zu arbeiten? Lilo ist stolz auf die Haustradition und Fatma hört sich die Storys von Bierdosenschlachten im Saal, Straßenschlachten davor oder dem von Ratten-Jenny beim Pogo zertanzten Parkett an „wie man in einem Bilderbuch blättert“. Ungebrochen überzeugt, dass das engagierte SO wichtig für die Nachbarschaft ist, sind beide gleichermaßen.

Mit letzterer gibt’s gerade Probleme. Genauer: mit einem Nachbarn, der sich durch Lärm belästigt fühlt. Das Ordnungsamt hat das SO36 jetzt dazu verdonnert, eine Schallschutzmauer zu bauen. Geld dafür haben sie nicht. Und nun hofft man auf Finanzhilfe vom Bezirk, Spenden und Solimails an die Politik. Ein Kreuzberg ohne SO36? Kein schöner Gedanke.

Ein Dienstagabend im März. Vorm SO36 ringelt sich eine lange Schlange. Kiezbingoabend! Moderiert von den munteren Tunten Inge Borg und Gisela Sommer. Der Saal ist hell erleuchtet, eine Minikapelle sitzt auf der trashig dekorierten Bühne, die Preise stiften Kreuzberger Läden und der Erlös aus dem Verkauf geht an Projekte. Heute ans „Frauen-Lesben-Bündnis gegen Rassismus und Illegalisierung“. Hochstimmung im Saal, die Bierzeltbänke sind dicht besetzt, alles klatscht mit und schreit „Bingo!“ Was da für Leute hingehen? Bankkaufleute und Synchronsprecher outen sich – alt, jung, pervers, normal, alles dabei.

Pascal, 47, ist schwul, Tierarzt und mit samt Praxisteam da. Sein langhaariger Tierarzthelferazubi Sören gewinnt und entert die Bühne. Ein Superbild, wie er im Heavymetal-Shirt zwischen den Tunten steht und vom bevorstehenden Medizinstudium erzählt. Wie Familie sei das SO36 für ihn, sagt Pascal. „Hast du noch Bingoscheine?“, fragt er fürsorglich, „heute gehörste bei uns mit dazu“.

Sie alle traten in all den Jahren im SO36 auf:

Die Berliner Rockband Die Ärzte und auch die Toten Hosen (sogar gemeinsam bei einem Geheimkonzert, im Jahr 2000 war’s!). Aber auch The Streets, die Hip-Hopper von Freundeskreis und Fettes Brot oder auch Rockstars wie Faith No More oder sogar Bad Religion spielten in Kreuzberg. Nun wird gefeiert: Am Sonnabend, 4. April, steht ab 21 Uhr die Geburtstagssause an. www.so36.de

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