Die Toten Hosen : Kein Lärm ist auch keine Lösung

Berlin-Festspiele der Toten Hosen: In der Waldbühne bleibt die Band vor imposanter Kulisse unter ihrem Power-Niveau.

Kai Müller
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Hey, Punk hat gewonnen. Sänger Campino in seinem Element. -Foto: DAVIDS / Darmer

Seltsam, dass in Campino immer noch der Gedanke verankert ist, seine Band, die Toten Hosen, würden keine Musik machen. Zumindest keine richtige oder etwas, das in seinem Elternhaus „Musik“ genannt worden wäre. Triumphierend hält er seine alte Trompete in den Berliner Nachthimmel – als Relikt einer missglückten musikalischen Erziehung im Spielmannszug von Mettmann. Das Raubtiergrinsen verrät: Schön wird es auch diesmal nicht.

Die Band setzt ein, spielt sämigen BarJazz und Campino trötet, dass es kracht. „Eisgekühlter Bommerlunder“ ist mehr Ritual als Musik: die mutwillige Zerstörung tradierter Klangmuster durch ein schneller und immer schneller vorgetragenes Pop-Haiku, das im rasenden Taumel kollabiert. Seit 27 Jahren spielen die Toten Hosen diesen Gassenhauer. Ihm ist am deutlichsten die Abnutzung der Idee anzuhören, dass aus dem Staub der Abrissgitarren etwas emporsteigen soll, das seelenvoller, ehrlicher ist als das Zerschlagene.

Dass Punkrock die Maßstäbe in dieser Hinsicht neu gesetzt hat, scheint die Toten Hosen mehr zu beschäftigen als die beglückt jubelnden 22 000 Fans in der Waldbühne, beim dritten Berliner Konzert im Lauf eines Jahrs. Anders lässt sich nicht erklären, dass Campino in seinen Ansagen immer wieder darauf hinweist, wie schlecht sie eigentlich seien. Hey, Punk hat gewonnen. Auch wegen der Toten Hosen. Dochdas demonstrativ unschicke Lärmen kann keine Kraft mehr aus Dilettantismus und Revolte ziehen. Aus was aber stattdessen? Das ist die spannende, bei jedem Konzert der fünf Düsseldorfer von Neuem sich stellende Frage.

Viel unternehmen die Toten Hosen am Freitag in der imposanten, sich selbst berauschenden Natur-Arena der Waldbühne, um ihren rohen, harten Rocksound mit einem allgemeinen Wohlgefühl zu verbinden. Hart soll es zugehen, aber nicht aggressiv. Das ist wie Rauchen ohne Inhalieren. Dabei präsentiert sich das Quintett zum Abschluss seiner „Machmalauter“-Tournee richtig gut.

„Strom“, der Auftaktsong ihres letzten Albums und seitdem auch Opener ihrer Shows, bringt das Publikum mit seinen zerfetzten, hastigen Gitarrenfiguren augenblicklich zum Kochen. Anschließend „Du lebst nur einmal“, etwas melodiöser. Das ist der Motto-Song des wüsten Treibens, bei dem es um das pure Vergnügen geht, im Lärm zu stehen und sich zu verausgaben. „Alles, was war“ mit seiner offensiven Dankbarkeitsgeste markiert das andere Ende des Hosen-Gefühls: Gemeinsinn. Dazwischen streuen sie räudige Klassiker wie „Opel-Gang“ ein, vorzügliche Coverversionen von „Cocaine In My Brain“ sowie „Pushed Again“ und lassen Konstantin aus Marienfelde den Gesangspart in „Paradies“ übernehmen.

Nach 1996 sind die Hosen zum dritten Mal in der Waldbühne, alles zielt auf einen großen Abend. Aber leider hilft das Rödeln und Rocken nichts. Die Up-Tempo-Stücke verfehlen ihre Wirkung im weiten Rund, und Campino versteift sich zu oft auf die selbstgerechte Rolle des schnarrenden Dompteurs. Ironie, na klar! Aber warum? Die Songs sind ja auch nicht ironisch. Und allen Liebesschwüren an Berlin zum Trotz ist die Band nicht richtig da.

Als es dann noch mal ernst wird, geht das wunderbare Schmusestück „Auflösen“ in die Binsen. Duett-Partnerin Birgit Minichmayr vergräbt ihre Linke in der Hosentasche, aber mit Rechts kann man 22 000 Erwartungen nicht wuppen. Auch zwischen den beiden knistert es nicht. Man hört nur zwei Leute, die es hinter sich bringen. Kai Müller

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