Die Toten Hosen : Ton für Ton unter Strom

Mach mal lauter: die Toten Hosen in der Berliner Wuhlheide.

H. P. Daniels
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Steht auf, wenn er unten ist. Campino mit Hertha-Trikot. -Foto: City Press/Florian Pohl

Die Freilichtbühne Wuhlheide ist ausverkauft. Eine Menge Leute sind da: junge, Ältere und Wim Wenders. Stimmung und Vorgruppe sind gut, Temperatur und Erwartungen hoch. Kurz vor neun, kurz vom Band: „You’ll never walk alone“ zum Entrée, als wäre man im Stadion des FC Liverpools, und „Hey, ho, let’s go“: „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones. Zwei riesige Transparente gehen auf, mit einem dürren Bundesadler, die fette Henne als abgemagerter Pleitegeier. „Bis zum bitteren Ende“ steht drauf.

Jetzt kommen die Toten Hosen, die Richtung ist schon mal vorgegeben, das Spektrum zwischen Punk und Fußballhymnen. Andi, Kuddel, Campino, Breiti und der englische Drummer Vom knallen erst mal eine mächtige Coda von der Bühne – einen langen lauten Akkord, zerwirbelt und zerbrettert, so wüst und lang, wie sonst üblich am Ende eines Konzerts.

Aber das hier fängt erst an. Die Hosen legen los und setzen alles unter Strom, hüpfen synchron, während Campino mit dem Mikrofonstativ über die breite Bühne zwirbelt und mit seiner knatternden Shouter-Stimme ein Loch schlägt durch die dichte, massive Gitarrenwand: „Ihr könnt aufwachen, wir sind wieder da.“ Und alle sind längst aufgewacht, springen, wabern, wogen. Campino reißt sie weiter hoch, bellt sie an: „Wir schwitzen Lärm aus uns heraus und alles steht unter Strom. Vom ersten bis zum letzten Ton.“ Wie wahr, wie schön, wie gut! „Strom“ ist ein Stück des neuen Tote-Hosen-Albums „In aller Stille“. „Machmalauter“ heißt passend dazu das Motto der derzeitigen Tour durch diverse Open-Air-Arenen.

Es ist laut, Campino hat die Jeans durchgeschwitzt, Haare kleben ihm auf der Stirn. Song auf Song dreschen sie hintereinander weg, die neuen und die ganz alten, und die vielen dazwischen. Wim Wenders klettert auf eine Sitzbank, singt und tanzt. „Du lebst nur einmal“, „Opel Gang“, „Immer alles neu“. Und immer weiter. Immer höhere Luftsprünge im Spagat. Zwischen „Disco“-Bass, Kampf gegen rechts und Punk-Hymnen. Präzise und treibend. „Hang On Sloopy“, die alte McCoys-Nummer, Mitmach-Lieder, Mitsing-Songs, Mutmachach-Texte. „Steh auf, wenn du unten bist!“ Plädoyers für die wohltätigen Vereine Oxfam und Proasyl. Campino raspelt grobe Späne von den Stimmbändern, drahtelt kraftvoll hin und her, sprüht mit einer großen gelben Spritzpistole in die wabernde Menge vor ihm, wirft Getränke ins Gewühl, lässt sich auf Händen tragen, über die Köpfe weiterreichen. „Pushed Again“ und „Hier kommt Alex“. Campino kräht: „Schönen Gruß und Auf Wiedersehen!“

Aber es folgen noch ein Dutzend Zugaben. Ein kleiner „Unplugged“-Set mit Gästen an Cello, Keyboards, Akkordeon: „The Guns Of Brixton“. „Eisgekühlter Bommerlunder“ als eleganter Bossa Nova, bis schließlich die Tote-Hosen-Beine kicken und flattern, sie immer schneller einen draufnageln, Hochgeschwindigkeits-Punk, wüste Kakaphonie.

Und zum Schluss noch einmal die rührende Liverpooler Mersey-Beat-Zusammengehörigkeits-Hymne von Gerry And The Pacemakers: „You’ll Never Walk Alone“. Die Toten Hosen sind eine tolle Bühnenband: aufrichtig, unkompliziert, leidenschaftlich, kraftvoll.

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