„Die weiße Dame“ : Wer nicht glauben will, muss hören

Boieldieus Oper „Die weiße Dame“ steht auf so gut wie keinem Spielplan. Jetzt hat sich Rheinsberg an dem Stück versucht.

François Adrien Boieldieus Oper „Die weiße Dame“ steht in jedem Opernführer – und auf so gut wie keinem Spielplan. Das 1825 uraufgeführte Stück ist ein Kind der Restauration und der erwachenden musikalischen Romantik. Es sank in sein muffiges Grab, als das selbst konservativste Abonnementspublikum lernte, über verschleierte Primadonnen zu lachen, die als vermeintliche Ahnfrauen in schottischen Schlössern gutgläubigen Tenören den Kopf verdrehen. Dabei ist die Komik des Stücks keinesfalls nur unfreiwillig. Ursprünglich bestand der Reiz von Eugène Scribes Libretto im ironischen Spiel mit Vernunftglauben und Romantik. Schließlich ist es ausgerechnet der rationalistische Gutsverwalter Gaveston, der aus Versehen ein Happy End ermöglicht. Er wagt es, dem Gespenst den Schleier vom Gesicht zu reißen und entlarvt es damit als sein heiratswilliges Mündel. Doch was nützen solche Feinheiten heute, wo das Publikum schon nach dem ersten Chor der Landleute vor unterdrücktem Lachen nach Luft ringt?

Die Entscheidung der Kammeroper Schloss Rheinsberg, Boieldieus Stück auszugraben, musste auf den ersten Blick als Zumutung für die jungen Gesangstalente erscheinen, die zu fördern man sich doch auf die Fahnen geschrieben hat. Dass nicht nur die Sängerdarsteller, sondern auch die Oper selbst unbeschädigt aus diesem Experiment hervorgingen, ist dem Regisseur Axel Köhler zu verdanken. Er erkannte, dass der Reiz eines elegant gebauten Stückes wie der eines guten Comics weniger mit der Handlung als mit der Lust am handwerklich perfekten Durchprobieren fantasieanregender Versatzstücke zu tun hat. Diese Lust vermittelt der Schauspieler Matthias Hinz in der Rolle des Librettisten Eugène Scribe. Als kalkige Statue führt er die Zuschauer durch die Handlung, salbadert in Umbaupausen weitschweifig über schottischen Whiskey und erspart Sängern wie Publikum so die länglichen Dialoge des Originals.

Dem Drang des Stückes zum Slapstick setzt Köhler keinen Widerstand entgegen – und vermeidet doch alles Chargieren. Das Timing der Bewegungen folgt dem Fluss der Musik und die Figuren wirken gerade deshalb komisch, weil sie jeden Augenblick mit Hingabe an die dramatische Mission glauben, der sie ihre Existenz verdanken. Ohne schlechtes Gewissen darf der warm timbrierte Tenor Amar Muchhala sein politisch unkorrekt gewordenes Auftrittslied „O welche Lust, Soldat zu sein“ auskosten – die in naiver Girlie-Attitüde lechzenden Dorfschönheiten sorgen dafür, dass man die schneidige Anmache auch heute noch versteht.

Trotzig-irritiert kämpft die Soubrette Mara Maastrich gegen den Umstand an, dass sich ihre Zuhörer nicht ebenso in die Geschichte hineinsteigern wie sie selbst. Überzeugen können auch die übrigen Sänger, vom souveränen Tenor Christopher O’Connor bis zum Ammen-Alt von Anne Catherine Wagner und dem kernigen Bass des Gutsverwalters Dionysios Tsantinis. Besonders beeindruckend wirkt Paola Leggieris perfekt geführter Sopran. Das Berliner RIAS-Jugendorchester unter Leitung von Gernot Schulz strahlt zwar nicht den gleichen Spaß aus wie die Sänger, bietet aber solide Begleitung. Unverständlich ist nur, warum die Musiker nicht auch bei der anschließenden Gala berühmter Opernspukgestalten im Park eingesetzt werden, Dass die Sänger nach ihrer umjubelten Premiere im Schlosstheater quasi als Zugabe ein Karaoke zu üblen synthetischen Orchesterklängen abliefern müssen, ist im Unterschied zur „Weißen Dame“ zwar gruselig, aber leider nicht romantisch.

Weitere Aufführungen am 29. und 30. Juli sowie am 1. und 2. August.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben