Diederichsen über Pop : Das ist das Ende

Bürgerlich, klassizistisch, nur noch Kunst: Wie Diedrich Diederichsen im Berliner HAU das Ende des Pop erklärte.

Gerrit Bartels

Als Diedrich Diederichsen seinen Vortrag über „das unkomische Ende der Popmusik“ im HAU beendet hatte, war seine Gemeinde einmal mehr genauso beglückt wie irritiert. Beglückt, weil das gedankenreiche Reflektieren über den Pop von einst und den von heute keiner so gut beherrscht wie Diederichsen. Irritiert, weil die Meinungen dann aber auseinandergingen darüber, ob Diederichsen selbst nun ein alter Kulturpessimist, ein brillanter Gegenwartsanalytiker, ein illusionsloser, aber beweglicher Pophistoriker oder ein hoffnungsloser Träumer ist.

Diederichsen, das zeigte sich auch in der dem Vortrag folgenden Diskussionsrunde, die mehr eine Diederichsen-Fragerunde war, glaubt nicht mehr an die „Geschichtlichkeit“ heutiger Popmusik, an die großen historischen Momente, die Popmusik bei aller Gegenwartsfixiertheit hervorbringen kann. Popmusik existiert für ihn heute nur noch als ein zu Kunst gewordener Klassizismus, der entweder bürgerlich-elitär ist und der Pflege von Avantgarde-Musik gilt. Oder der sich ganz öde alter Pop- und Rockgenres bedient, ohne diese, wie es früher war, gezielt gegen die Gegenwart einzusetzen oder sie wenigstens als historische Formen zu reflektieren: „Eine Rockband zu gründen, ist heute wie Klavierstunde zu nehmen.“ Wichtig sei heute allein der wissende Blick auf das historische Material, das Virtuose, das Zurschaustellen des Virtuosen. „Gegenwartsbezogene Ansprüche“ habe Popmusik keine mehr.

Einwände aus dem Publikum, was mit 14-Jährigen ist, die heute Beyoncé oder Lily Allen hören würden, oder des auf dem Podium sitzenden Popkritikers Jens Balzer, ob etwa die Weird-Folk-Bewegung nicht mehr als nur Repertoirepflege betreibt, wischte Diederichsen beiseite: „bürgerliche Kunst, Indie“.

Diederichsen erinnerte da mitunter an einen pessimistischen Vordenker, der die glorreichen Zeiten des Pop bis Ende der achtziger Jahre gefeiert und kommentiert hat, als Pop Massenappeal besaß und trotzdem politisch auf der richtigen Seite stand. Und der jetzt, da die Kids nicht mehr automatisch alright sind und sowieso alles Pop ist, und zwar der allerbilligsten Machart, nur noch ein einziges Mantra kennt: „Klassizismus ist das Ausblenden von Historizität.“ - „Heutige Popmusik ist auf der Höhe der Zeit, hat aber kein Gegenwartsverständnis mehr.“

Umgekehrt ist Diederichsen dann wieder der einsame Rufer im Medienwald. Denn bei allem popmusikalischen Klassizismus gibt es noch immer nur wenig vernünftige Popwellen im Radio – jede Sendeanstalt aber hat ihre Klassikwelle. Und im Feuilleton wird zwar jede Dylan-Tour und inzwischen auch jedes neue Pet-Shop-Boys-Album wie selbstverständlich abgebildet. Für jeden anderen neuen oder jungen Popmusiker, und sei er noch so virtuos, müssen aber doch wieder seine laut Diederichsen fehlenden potentiellen historischen Momente, sein Ereignischarakter herbeiargumentiert werden. Auch als bildungsbürgerliche Kunst ist Popmusik noch kein Selbstläufer.

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