Dschihad-Musical : Briten lachen über Osama

Die Briten lachen dem Terrorismus ins Gesicht - zumindest im Theater. Zwei Wochen nach der Premiere des umstrittenen "Dschihad"-Musicals haben die Zuschauer die bitterböse Musik-Satire in ihr Herz geschlossen.

Ulrike von Leszczynski[dpa]
Dschihad-Musical
"I want to kill millions of civilians". -Foto: dpa

EdinburghDas Musical über den Afghanistan-Konflikt lief erstmals am 5. August auf dem Fringe-Theaterfestival in Edinburgh. Im Vorfeld hatte es herbe Kritik gegeben. Gegner hatten die britische Regierung aufgefordert, das Musical zu verurteilen. Doch die Publikumsreaktionen geben ihnen Unrecht: In gut besuchten Vorstellungen grölen und feixen die Besucher, wenn ein Möchtegern-Attentäter wie Osama bin Laden sein möchte, ein naiver afghanischer Mohnbauer Bombenbau-Chemikalien für Blumendünger hält oder eine ehrgeizige US-Reporterin auf die Terror-Story ihres Lebens lauert. Die Reaktionen nach der Vorstellung klingen sehr britisch: Solange niemand wirklich beleidigt werde, sei Amüsement doch wohl erlaubt.

Dieser lockere Umgang mit der Inszenierung wirkt wie ein Kontrast-Programm zu Deutschland. In Berlin wurde im vergangenen Herbst eine Oper, in der Mohammed neben Jesus und Buddha symbolisch geköpft wurde, aus Sicherheitsbedenken abgesetzt. Die Inszenierung, so die Sorge, könnte gläubige Moslems beleidigen. Massiver Polizeischutz vor der Deutschen Oper begleitete die Wiederaufführung der "Idomeneo"-Inszenierung im Dezember. Auch in Großbritannien hatten vor der Premiere des Musicals Medien aufgeregt diskutiert, ob eine Satire über islamistischen Terror in Schottland aufgeführt werden darf, obwohl der gescheiterte Attentatsversuch am Flughafen Glasgow erst wenige Wochen her ist? Kann man das wagen, trotz der Petition an Premierminister Gordon Brown, dieses taktlose Treiben zu beenden? Die Antwort auf dem Festival ist eindeutig: man darf und kann.

Kein Polizeischutz

In Edinburgh gibt es vor dem mächtigen Theaterbau, in dem das Dschihad-Musical bis Ende August über die Bühne geht, keinen einzigen Polizisten. In britischer Tradition zieht sich eine wohlgeordnete Warteschlange um das Haus. Um kurz nach 22 Uhr stehen dort ergraute Paare neben Studenten, die Stimmung ist gelöst. Die ganze Stadt ist eine Bühne, wenn zum alternativen Festival mehr als 18.000 Schauspieler, Sänger oder Komödianten durch die Straßen toben.

Fringe bedeutet so viel wie Rand oder Saum. Das Festival ist der bewusste Gegenentwurf zum streng-seriösen Edinburgh International Festival, zu dem seit 60 Jahren wenige ausgewählte Produktionen aus der Welt der Oper, der klassischen Musik oder des Theaters eingeladen werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte diese hochkarätige Kultur-Initiative Europa ein Stück versöhnen. Das Fringe hat seit 1947 sein eigenes Konzept: Hier darf jeder Laie auf die Bühne, je verrückter und gewagter die Darbietung, desto besser. Das Fringe war das Sprungbrett für so manchen späteren Star, darunter auch Rowan Atkinson alias Mister Bean.

Sprengstoffgürtel aus Pappe

Im Theaterkeller sinken die Musical-Gucker um 22:30 Uhr in rote Plüschsessel und warten gespannt auf die Gotteskrieger auf der Bühne. Zur Einstimmung läuft der Osama-Song, in dem es heißt "I want to kill millions of civilians" (Ich möchte Millionen Zivilisten umbringen), und die ersten Zuschauer summen mit. Die Darsteller kommen mit Sprengstoffgürteln aus Pappe auf die Bühne. Sie kleiden ihre bitterböse Texte in süßliche und mitreißende Melodien - aus Jailhouse Rock wird Dschihad-Jive. Auch das reizt zum Lachen.

Auf der Bühne schmachtet der Mohnbauer eine verschleierte Taliban-Kämpferin an und widmet ihren Augen ein Lied, in dem es heißt: "Mehr kann ich von dir ja leider nicht sehen." Die USA treten in Form eines trotteligen Travestieballetts auf den Plan, in dem die Damen Justice (Gerechtigkeit) und Liberty (Freiheit) bar jeder Menschen- oder Landeskenntnis Visa vergeben. Ungesunder Egoismus verbindet schließlich den arabischen Oberschurken, der so viele Videoclips wie Osama haben möchte, mit der skrupellosen US-Reporterin. Und weil ein Musical ein Happy End hat, bomben sich die Bösen zum Schluss selbst in die Luft - ganz aus Versehen.

Die Textbuch-Autoren Ben Scheuer und Zoe Samuel sowie Produzent James Lawler müssen ihre Komödie inzwischen nicht mehr verteidigen. Ihr Musical gilt nur als weiterer Beleg dafür, dass Kabarettisten vor dem Thema islamistischer Terrorismus nicht zurückschrecken - und rabenschwarzer Humor gut ankommt. Das Dschihad-Musical kann einen Effekt befördern, der in Großbritannien willkommen ist: Wer lacht, hat weniger Angst.

Internet: Video zum Musical

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