Elektronische Musik : Bassdrum mit Seitenscheitel

Minimal ist Maximum: Seit zehn Jahren macht das Techno-Label Minus Musik für entwurzelte Menschen. Am Freitag erscheint eine neue Kompilation.

Christoph Cadenbach
Richie Hawtin
Der Kopf: Richie Hawtin. -Foto: Minus

Für Menschen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, bedeutet keine Arbeit zu haben Langeweile. Marc Houle langweilt sich. Der 35-Jährige tapst auf Socken durch eine Dachgeschosswohnung, die seinem Labelchef Richie Hawtin gehört. Houle raucht auf dem Balkon, fläzt sich vor dem Fernseher, spielt Musik auf einem Ding, das aussieht wie ein überdimensionaler Game Boy. Der blecherne Sound, der aus den winzigen Boxen quäkt, lenkt ihn nur kurz ab von seiner Misere. Vor einem Monat hat der Techno-Produzent sein Musikstudio in New York abgebaut, die Synthesizer, Drum-Computer, Sampler und Mischpulte in Kisten verpackt und eingeschifft. Seitdem weilt er in Berlin und fühlt sich ... irgendwie sinnlos.

Der Umzug war längst an der Zeit. Marc Houle ist einer der Köpfe des Techno-Labels Minus, das 1998 in den USA gegründet wurde und zu den erfolgreichsten seines Genres zählt. Houles Musikerfreunde siedelten bereits vor vier Jahren in die deutsche Hauptstadt und damit ins Epizentrum der elektronischen Musikwelt über. Houle ist der Nerd, der Technikverrückte bei Minus. Während viele Techno- Künstler als DJs durch die Clubs touren und anderer Leute Platten auflegen, produziert der kleine Kanadier am liebsten seine eigenen Tracks. „Warum soll ich mich auf Partys abschießen, wenn ich zu Hause Musik machen kann?“, fragt er und denkt wohl an sein Studio im Bauch dieses Containerschiffs. Auf einer Minus-Kompilation, die „Expansion/Contraction“ heißt, am Freitag erscheint und einen Querschnitt des Label-Geschehens zeigt, hört man seinen Arbeitseifer. Houles „Porch“ zählt zu den einprägsamsten Stücken der CD. Ein monotoner Bass und ein kurz geschlagenes Becken geben den Rhythmus vor. Irgendwann fegt ein sirenenhafter Ton wie eine Windböe unter das Hausdach dieses Soundgerüsts und droht es abzudecken.

Houle, der es sich im Schneidersitz auf dem Sofa bequem gemacht hat, versucht die Eigenarten seiner Musik zu erklären. Popsongs seien auf eingängige Melodien und Refrains fokussiert und in ihrer Formen- und Farbenvielfalt vergleichbar mit der Landschaftsmalerei, sagt er. „Ich dagegen bin auf der Suche nach dem einen, perfekten Farbton, mit dem ich die gesamte Leinwand streiche.“ Die Parallele zur abstrakten Malerei der Minimal Art kommt nicht von ungefähr. Das Label Minus steht weltweit exemplarisch für eine Stilrichtung, die als Minimal Techno bezeichnet wird.

Richie Hawtin ist der Vordenker und Kapitän des Minus-Kahns. Seit dem Urknall von Techno im Detroit der achtziger Jahre gehört er zu den stilprägenden Figuren der elektronischen Musik. Die einen verehren ihn als Soundvisionär, die anderen belächeln das Pathos, mit dem er über seine Musik und sein Label spricht. Und seine kantige New-Wave- Frisur. Bei Auftritten trägt der 37-Jährige das blond gebleichte Haar so gerade gescheitelt wie die Basslinie, die den Tanzbefehl gibt. Jetzt, hinter dem Schreibtisch in seinem Büro in Prenzlauer Berg, sieht er dagegen angenehm menschlich aus: Dreitagebart und die Haare, als wäre er eben erst aufgestanden.

Seinem Label hat Richie Hawtin ein klares Konzept, eine äußerst eingängige Corporate Identity verpasst. Die Plattencover und Musikvideos werden mit wenigen Farben und einfachen, geometrischen Formen gestaltet. Alben tragen markige Titel wie „Minimize to Maximize“. Er sei ein „Marketing Genie“, sagen Freunde über Hawtin. Da das Minimale so offensichtlich zur Verkaufsstrategie gehört, werfen ihm Musikkritiker schon vor, zu kommerziell zu sein. Seinen Umzug nach Berlin begründet er mit der wachsenden Verschlossenheit der US-Gesellschaft nach dem 11. September. Seine Musik brauche jedoch frei und kreativ denkende Menschen. Die Musik zählt unumstritten zu dem Besten, was derzeit an Techno veröffentlicht wird. Und das verdankt Minus vor allem auch einer Frau.

Magda ist die Antreiberin, das Clubgesicht des Labels. Techno hat sie beim Ausgehen auf verschwitzten Detroiter Warehouse-Partys kennengelernt und später selbst dort aufgelegt. Auch heute noch ist 32-Jährige mehr DJ als Produzentin. Ihre mehrstündigen Sets sind wie die Bergetappe bei der Tour de France: Jedem aufpeitschenden Anstieg folgt die euphorische Abfahrt ins düstere Tal. „Magda ist mein eigentliches Zielpublikum“, schwärmt Marc Houle über seine Kollegin, deren rundes Gesicht und die Ponyfrisur ein wenig an Charlotte Roche erinnern. „Sie sagt mir, was für Tracks sie spielen will, und ich produziere sie dann. Sie ist mein Kontakt in den Club.“

Ihren Clubauftritt für das Wochenende droht Magda gerade zu verpassen. Hektisch schliddert sie über die Holzdielen ihrer Berliner Altbauwohnung, schmeißt ein paar T-Shirts in einen Koffer, rupft die Kabel aus einem Effektgerät. „Ich muss los, sonst verpasse ich meinen Flug“, entschuldigt sie sich. Rom, Florenz und Mailand stehen auf dem Programm. Hektik, und alles nur, weil sie entspannt auf dem Sofa gesessen und erzählt hat.

Aufgewachsen ist Magda in der polnischen Bierstadt Zywiec. Mit neun Jahren wanderte sie mit ihren Eltern nach Texas aus, später zogen sie nach Detroit. „Ich bin an Veränderungen gewöhnt“, sagt sie heute. Als DJ kam Magda Ende der neunziger Jahre mit deutschen Labels wie Kompakt und Perlon in Berührung, brachte treibenden, pumpenden Techno in das damals musikalisch abstrakte, fast schüchterne Minus-Universum. Eines ihrer Schlüsselerlebnisse war ein Auftritt in der Panorama Bar, der Dachstube des Berliner Clubs Berghain, als dieser noch Ostgut hieß. „Die Menschen waren entspannt, die Türsteher nett. Und es gab keine Polizei, die die Party abgebrochen hat“, sagt sie. Die Berliner Feierkultur inspirierte sie, und sie gab die Eindrücke an ihre Labelfreunde weiter. Marc Houle ist sich sicher: „Magda hat den Minus- Sound zurück auf die Tanzfläche gebracht.“ Und das soll noch ein bisschen so bleiben.

„Expansion/Contraction“ erscheint am 9. November. Weitere Informationen unter: www.m-nus.com.

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