Elektronische Musik : Musik aus dem Wurmloch

Let it bleep! Das stilbildende Electronica-Label Warp Records feiert seinen 20. Geburtstag im Berghain - mit Künstlern der ersten Stunde.

Kolja Reichert
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Klassiker. Cover des Warp-Künstlers Aphex Twin (1999). -Foto: promo

Es war im Winter ’89/’90, zu der Zeit, als Steve Beckett und Rob Mitchell noch im Auto durch Großbritannien fuhren, um ihre Platten persönlich an die Händler zu verkaufen. Beckett hatte von seinem Vater 2000 Pfund geliehen. Es gab kein Geld für Werbung, die Radios spielten ihre Musik nicht. Und dann das: Die Single „Dextrous“ von Nightmares On Wax kam in die Charts, kletterte auf Rang 75. Höher kam sie nicht: Beckett und Mitchell hatten vergessen, die Platten mit Strichcode zu versehen.

Knapp 20 Jahre später, im braven Nordlondoner Stadtteil Kentish Town: Euphorische Discorhythmen bringen das Großraumbüro zum Beben. Die hätte man in der Schaltzentrale der Electronica-Avantgarde eigentlich nicht erwartet. Es ist Freitagabend nach sechs, doch im Universum des Warp-Labels war Zeit schon immer eine dehnbare Größe. Am nächsten Abend wird im Coronet Theatre gefeiert: 20 Jahre Warp Records. Sind die Künstler zugeteilt? Ist die Gästeliste fertig? In den vergangenen Monaten stiegen Parties in Paris, Tokio und New York. Morgen schließt die Reihe im Berliner Berghain, mit Warp-Künstlern der ersten Stunde und einem Liveauftritt von Tim Exile.

Sieht man sich unter den Mitarbeitern um, ist klar: Hier sitzt eine neue Generation an den Schreibtischen. Doch auf dem Fußboden lehnt noch das alte Schild des Plattenladens in Sheffield, in dem alles begann: ein Globus, von einem Blitz durchkreuzt, darin vier magisch gewordene Buchstaben: Warp.

Sheffield war Stahlstadt, auch in musikalischer Hinsicht: Human League, Heaven 17 und Cabaret Voltaire schweißten hier früh an der elektronischen Zukunft. Als Ende der Achtziger die Fabriken schlossen, füllten sich die Lagerhallen nachts mit tausenden Ravern, die zu den neuen Acid-House-Singles aus Chicago ausflippten. Steve Beckett und Rob Mitchell führten da in ihren Regalen noch britischen Indierock. Bis ihnen plötzlich junge Musiker wie Forgemasters, Nightmares On Wax und LFO die Bude einrannten und unaufhörlich neue Tracks anschleppten, mit zappelnden Rhythmen und zwitschernden, fiependen Synthesizern. Bleep House war geboren. Der Keller wurde zum Studio, der Laden zum Label. Im Juli 1990 stand die erste Single von LFO auf Platz zwölf, und die Rock-DJs der BBC mussten einsehen, dass sie dabei waren, die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren – der House-Club als Öffentlichkeitsform hatte sich durchgesetzt.

Die Geschichte des Warp-Labels ist eine schöne Erfolgsstory; mit traurigen Seiten wie dem Krebstod von Mitgründer Rob Mitchell 2001. Zugleich steht sie exemplarisch für die Entwicklung populärer Klänge in den letzten zwanzig Jahren. LFO-Mastermind Mike Bell etwa ist bis heute Produzent von Björk. Warp begannen als Erste, Dance-Acts neben Indiebands zu vermarkten. Die radikale elektronische Ästhetik in einheitlichem Lila, mit der das Sheffielder Grafikbüro The Designers Republic die Platten versah, war ein genialer Schachzug. Noch heute tragen die Wände des Londoner Büros Lila, und das Labelmaskottchen ist ein lilafarbenes Möbiusband, das in immer neuen Formen umherschwebt: ein Symbol dafür, dass das Warp-Programm über die Jahre extrem dehnbar geworden ist.

Kein Stammbaum könnte diese Familiengeschichte darstellen, eher bräuchte es ein dreidimensionales Bezugssystem voller Raum-Zeit-Krümmungen, in dem sich der Minimal Techno Richie Hawtins, der Downbeat von Boards of Canada, Aphex Twins Ambient Techno und neuerdings erstaunlich viele Gitarrenbands verorten. In Steve Becketts Büro hängen die Goldenen Schallplatten für Maximo Park. Das Programm scheint auf den ersten Blick beliebig – lustig abgerundet immerhin vom Südafrikaner DJ Mujava, der Warp pünktlich zum Jubiläum ein exotisches, tribalistisches Bleep-Revival beschert hat. Wenn es für die Warp-Ästhetik einen Nenner gibt, dann beruht er auf dem Sinn für Raum. Auf der Entdeckung, dass sich elektronische Musik nicht linear auf den Loops einer Roland-808- Rhythmusmaschine entfalten muss, sondern in alle Richtungen wuchern kann. Hier werden Senksonden abgelassen. Sounds verschwinden in Wurmlöchern und tauchen entstellt wieder auf wie die Tracks von Aphex Twin. In Warp-Veröffentlichungen findet sich eine Idee von Musik als Architektur statt als Ausdruck.

Als sich vergangenen Samstag im Coronet Theatre die New Yorker Math- Rock-Formation Battles in den Schlussjam steigert, wird klar: Es sind die Schüttelrhythmen, Fiep- und Zwitscherorchester des Bleep House, die in abstrahierter und verzerrter Form widerhallen mit Geräten, die ’89 jeder für abgemeldet hielt – Schlagzeug, Bass, Gitarre.

„Masters of the hypnotic Groove“ im Berghain, Freitag, 11. Dezember, 23 Uhr

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