Episodical : Neil Young: Don't Let It Bring You Down (Teil eins)

Neil Young ist wieder in Berlin. Morgen spielt er in der O2-World. Unser Autor H.P. Daniels, selbst Musiker, hat ein sehr persönliches "Episodical" über den großen Kanadier verfasst. Hier einige Auszüge. Morgen mehr an dieser Stelle.

H.P. Daniels
Berlinale 2008
Neil Young.Foto: ddp

"Hope I'll die before I get old!"
Hatten die Who 1965 gesungen" - Hoffentlich sterbe ich, bevor ich alt werde!
Im Song "My Generation" von Pete Townshend.
Die Generation von Neil Young und Pete Townshend. Beide Jahrgang 1945.

Alt werden hieß damals vielleicht auch: erwachsen werden.
Und wer wollte schon erwachsen werden? Damals.
Inzwischen sind einige von uns erwachsen geworden, andere vielleicht schon zu alt, um noch erwachsen zu werden.

Auf die Frage, was ihn gezwungen habe, erwachsen zu werden, hatte Neil Young geantwortet:
"Die Geburt meiner Kinder und der Tod von Freunden!"

Sein erster Sohn, Zeke, ist am 8. September 1972 geboren.
Am 18. November im selben Jahr starb Neils Freund Danny Whitten an einer Überdosis Heroin. Whitten, Gitarrist der gemeinsamen Band "Crazy Horse", hatte immer über sich selbst gesagt, er werde ganz sicher nicht älter werden als 30.

Neil war 27 Jahre alt, und ich war gerade nach Berlin gezogen, zum Studium an der Freien Universität.
Eine Zeit, in der ich mehr die Rolling Stones hörte als Neil Young. Exile On Main Street.

Time Fades Away.
Die Zeit vergeht, die Zeit rennt dahin.
Don't let it bring you down.
Das soll uns nicht unterkriegen.

Konnten wir uns vorstellen, älter zu werden als 35? Konnten wir nicht, damals mit 18. Nein, das konnten wir nicht. 35, so undenkbar alt, als wir noch Schüler waren und zum ersten Mal Neil Young hörten.
Wann war das? Um 1970?
Bittersüße Erinnerungen. Knisterndes Vinyl. Sei vorsichtig mit dem Plattenspieler! Vorsicht mit dem Tonarm! Dass er nicht abrutscht. Behutsam mit den Platten. Und den Hüllen.

(...)

Neil Percival Young wurde am 12. November 1945 geboren, morgens um 6 Uhr 45 im General Hospital von Toronto, Kanada. Als Fünfjähriger erkrankt er an Polio, muss ins Krankenhaus, das Rückenmark wird punktiert, eine Tortur. Der kleine Neil erholt sich nur langsam, er braucht Sonne. Die Familie verbringt Monate mit ihm in einem Ferienhaus in Florida, USA.
Später will Neil werden wie Elvis Presley. Und Farmer wollte er werden. Und ihm gefiel der Gesang von Roy Orbison. Und die Instrumentalmusik der Shadows aus England. Vor allem deren Gitarrist Hank Marvin hatte es ihm angetan.
Als Dreizehnjähriger klimperte Neil auf einer billigen Plastik-Ukulele, die er von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte. Und zog sich in sein Zimmer zurück und übte:
PLING! ... Ein Akkord ... Pause ... PLANG! ... ein anderer Akkord ... Pause ... PLONG! ... der nächste Akkord. Und wieder von vorne. Pling-Plang-Plong. Neil übte.
Die Musik wurde immer wichtiger für Neil.

Sein Vater, Scott Young, war gut verdienender Sportjournalist, viel unterwegs aus beruflichen Gründen. 1960, Neil war 14, verließ der Vater die Familie wegen einer anderen Frau.
Neils Mutter Rassy hat es das Herz gebrochen. Aber später sagte sie, Neil hätte bestimmt nicht die Möglichkeit gehabt, zu dem Musiker zu werden, der er geworden ist, wenn der Vater geblieben wäre.
Wenn Scott Young zu Hause arbeitete, hatte er immer auf absolute Ruhe bestanden. Niemals hätte Neil mit seinen Freunden im Wohnzimmer diese laute Musik spielen dürfen. Wie später in Winnipeg, wo er mit seiner Mutter und dem älteren Bruder Bob hingezogen ist. Die Mutter hat Neils musikalische Ambitionen immer unterstützt und gefördert. Sie hatte ihm auch seine erste elektrische Gitarre gekauft: eine gebrauchte Gibson Les Paul Junior.

Als er einen Verstärker brauchte, schickte Neil einen Bittbrief an seinen Vater, in dem er, um ihn milde zu stimmen, auch erwähnte, dass er in der Schule ziemlich gute Noten habe. Der Vater hatte allerdings schon vorher erfahren, dass Neils Leistungen eher zu wünschen übrig ließen. Also schrieb er seinem Sohn streng zurück, der solle ihm keine Unwahrheiten erzählen, und dass er den Verstärker bekommen würde, sobald er ein ordentliches Zeugnis vorweisen könne. Den Verstärker hat Neil dann von seiner Mutter bekommen.

Später, als Neils Halbschwester Astrid auch musikalische Ambitionen entwickelte, war das erste, was ihr Neil schenkte: ein Verstärker.

Neil spielt in den örtlichen Clubs von Winnipeg. Rock 'n' Roll mit den "Squires", seiner ersten richtigen Band. Im Juli 1963 nehmen sie eine Single auf: "The Sultan" und "Aurora", zwei Instrumentalstücke, Kompositionen vom siebzehnjährigen Neil.
Und er verlässt die Schule. Mit Billigung der Mutter. Missbilligung des Vaters.
The Squires spielen Folkrock in Fort William.
Später verkauft Neil seine elektrische Gitarre und tritt solo auf, als Folksänger mit Akustikgitarre in den Coffeehouses von Toronto. Dann spielt er eine Weile Gitarre bei den Mynah Birds, deren Frontman Ricky James Matthews es in den 70ern unter dem Namen Rick James zu größerer Berühmtheit brachte.

Aber dann war Kalifornien das gelobte Land der Popmusik. Dort waren The Byrds, The Doors, The Mamas & The Papas.

Neils klapperiger Leichenwagen, ein alter 1953er Pontiac, ist bis zum Stehkragen vollgepackt: mit Gitarren, Verstärkern, einer Autoharp und etlichen Unzen Marihuana, als Neil, sein Kumpel Bruce Palmer, ein weiterer Bekannter und drei abenteuerlustige Mädchen sich am 22. März 1966 auf den Weg machen. Nach Kalifornien. Am 1. April kommen sie in Los Angeles an. Hier trifft Neil Stephen Stills wieder, den Gitarristen, mit dem er sich bei einem früheren Auftritt in Kanada angefreundet hatte.
Mit Bruce Palmer, Richie Furay und Dewey Martin gründen sie eine neue Band: Buffalo Springfield.

(...)

Morgen mehr auf www.tagesspiegel.de/pop.

Auszug aus dem Episodical v. H.P. Daniels: "Don't Let It Bring You Down – Neil Young"). Von 1981 bis 1991 war H.P. Daniels Frontmann, Sänger und Gitarrist der legendären Rockband THE ESCALATORZ. Heute arbeitet er als freier Autor und Journalist, seit 1998 auch für den Tagesspiegel. Er bestreitet Lesungen und Solokonzerte. Nicht zuletzt aus seiner Zeit mit den ESCALATORZ sind ihm alle Mythen des Rockmusikerlebens, Stage und Backstage bestens vertraut. Aufgeschlossen für neue Talente in Rock-, Blues- und Singer-/Songwriterszene lässt er doch keine Zweifel aufkommen: erst durch die Beatles, die Stones, Bob Dylan und natürlich deren Wegbereiter wie Jimmie Rodgers, Hank Williams, Woody Guthrie, Muddy Waters, Chuck Berry und andere wurde vieles möglich, was es heute gibt.

www.myspace.com/hpdaniels

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