Episodical : Neil Young: Don't Let It Bring You Down (Teil zwei)

Neil Young ist wieder in Berlin. Heute spielt er in der O2-World. Unser Autor H.P. Daniels, selbst Musiker, hat ein sehr persönliches "Episodical" über den großen Kanadier verfasst. Hier noch einmal einige Auszüge.

H.P. Daniels
Berlinale 2008 Foto: ddp
Neil Young.Foto: ddp

(...)
Zeitsprung.
Samstag, 13. Juli 1996. Hamburg. "Neil Young & Crazy Horse" hatte auf den Plakaten gestanden. Und auf der Eintrittskarte. 65 Mark 80. Und darunter, winzig klein: "Very Special Guest: Bob Dylan".
Wir sind wegen beiden hin, eigentlich mehr noch wegen Dylan. Eigentlich überhaupt wegen Dylan.
Dylan und Young in einem Konzert. Ausgerechnet. Wo Neil Young schon in jungen Jahren immer gesagt hatte, er wolle Musik machen, die klingt wie eine Mischung aus Bob Dylan und den Rolling Stones.

Und Bob Dylan hatte Neil Young damals im Radio gehört, 1972, "Heart Of Gold", Youngs einzigen Nummer-Eins-Hit, und 1985 hatte Dylan in einem Interview erzählt, dass er den Song gehasst habe: "Ich hab gedacht, Scheiße, das bin ich! Wenn das so klingt wie ich, dann sollte ich es auch sein!"

Jetzt beide in einem Konzert. Hamburg. Bob Dylan und Neil Young. Zwei Musiker, deren Kritiker über jeden von ihnen auch immer dasselbe sagten: Kann nicht singen! Kann nicht Gitarre spielen! Und das Mundharmonikagequietsche ist ja unerträglich!

Unser Treffpunkt wie immer: erster Bierstand rechts von der Bühne. Irgendein Bierstand ist immer rechts von der Bühne. Auch in Hamburg, Trabrennbahn am Volkspark, Luruper Chaussee. Erich kam aus Hannover. Tobi aus Nürnberg. Vielleicht war Tobi mehr wegen Neil hier als wegen Bob. Peter kam aus Hamburg, mehr wegen Bob. Ich aus Berlin, ebenfalls Bob. Bob Dylan und seine Band in der milden Abendsonne. Sie waren hervorragend.

Neil war auch gut. Sehr gut. Mit Crazy Horse.
Da war es schon dunkel, und die Bühnenscheinwerfer kamen besser zur Geltung. Und Neil und Crazy Horse haben gesägt, schwer gesägt: von "Hey Hey, My My" bis "Like A Hurricane". Und "This Town" und "Sedan Delivery" als Zugabe.
Bob und Neil hintereinander. Wir waren wie erschlagen anschließend von so viel Intensität.

Ich übernachtete bei einem Freund in der Hein-Hoyer-Straße, mitten in Sankt Pauli. Die Kneipe gegenüber hieß "Crazy Horst". Ausgerechnet. Ich musste lachen. Crazy Horst! Ob Neil den Witz verstehen würde? Ob Horst den Witz versteht?
"Crazy Horst". Das war damals noch das Vereinslokal des FC Sankt Pauli.
Neil Young wird sich nicht für Fußball interessieren. Seine Leidenschaft gilt dem Sammeln und Restaurieren alter Autos. Und seine Begeisterung für Modelleisenbahnen ging so weit, dass er 1995 die renommierte amerikanische Spielzeugeisenbahnfirma "Lionel Trains" aufkaufte und deren Geschäfte übernahm.

(...)

Noch ein Zeitsprung.
26. Juni 2001. Waldbühne. Ausverkauft. 20.000 Leute. Strahlende Sonne, schöner Tag. Neil Young & Crazy Horse. Neil, mit Jeans, Holzfällerhemd und strohigem Cowboyhut, quetscht und wringt zähe Töne aus seiner alten Les Paul "Old Black".
Irgendwann sitzt er am Klavier. Die Gitarre hat er über den Rücken gehängt, ihr Hals ist schräg nach unten gerichtet. Und die wippenden O-Beine unterm Klavier. Ein neuer Song. Zwischendrin dreht Neil sich um auf dem Hocker, weg vom Klavier, Gitarre nach vorne, streckt die Füße aus wie auf der Veranda und spielt ein bezaubernd entspanntes Solo. Dann wieder Gitarre auf den Rücken gedreht, Hocker gedreht, zurück zum Klavier und zum Mikro: "When I hold you in my arms, it's a breath of fresh air. When I hold you in my arms I forget what's out there." So einfach. So schön.
Und wir da draußen.

Neil solo mit einem betörend stillen Akustikset: "From Hank To Hendrix" mit der alten Martin-Gitarre, "Don't Let it Bring You Down", "Pocahontas". Und "After The Goldrush" am Harmonium.
Dann wieder mit "Crazy Horse". Schwerstes Sägen. Wüste Soundstürme. "Like A Hurricane". Grollen, Donnern, Feedbackfiepen. 15 Minuten stemmt Neil seinen rhythmisch wippenden Körper dem Getöse entgegen. Und kraucht auf dem Boden herum und schraubt und hämmert an seinen Effektgeräten. Und zischt und faucht: "Fuckin' up ... fuckin' up ... fuckin' up!"

Es war eines der besten Konzerte, das ich je gesehen und gehört habe. In über 35 Jahren. Und ich habe eine Menge gesehen. Und es war das lauteste von allen. Außer Motörhead vielleicht.
Als ich anschließend den Rundfunkmoderator und Neil-Young-Fan Helmut Heimann treffe und meine Hörschutzstöpsel aus den Ohren ziehe, sieht der mich verächtlich an: "Memme!"
Ein echter Mann, ein echter Fan nimmt die volle Ladung!
(...)

Erster Teil hier.

Auszug aus dem Episodical v. H.P. Daniels: "Don't Let It Bring You Down – Neil Young"). Von 1981 bis 1991 war H.P. Daniels Frontmann, Sänger und Gitarrist der legendären Rockband THE ESCALATORZ. Heute arbeitet er als freier Autor und Journalist, seit 1998 auch für den Tagesspiegel. Er bestreitet Lesungen und Solokonzerte. Nicht zuletzt aus seiner Zeit mit den ESCALATORZ sind ihm alle Mythen des Rockmusikerlebens, Stage und Backstage bestens vertraut. Aufgeschlossen für neue Talente in Rock-, Blues- und Singer-/Songwriterszene lässt er doch keine Zweifel aufkommen: erst durch die Beatles, die Stones, Bob Dylan und natürlich deren Wegbereiter wie Jimmie Rodgers, Hank Williams, Woody Guthrie, Muddy Waters, Chuck Berry und andere wurde vieles möglich, was es heute gibt.

www.myspace.com/hpdaniels

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