Erinnerungen an Blumfeld : Unsere Jahre mit Jochen

Ende einer Poplegende: Die Hamburger Band Blumfeld löst sich auf. Drei Abschiedsgesänge

Gerrit Bartels

Ach, Blumfeld. 1991 muss es gewesen sein, als ich Blumfeld das erste Mal live gesehen und im Anschluss daran auch ein bisschen persönlich kennengelernt habe. Ihre erste Single „Ghettowelt“ war gerade erschienen, vielleicht auch schon das Album „Ich-Maschine“, und Blumfeld hatten einen Auftritt in einem kleinen Laden namens Jojo-Club, einem Jugendclub-Überbleibsel aus DDR-Zeiten in der Torstraße in Berlin-Mitte.

Es war eine eher peinliche Begegnung, weil sie was Aufdringliches, von-Fan-zuPopstar-mäßiges, hatte. Aber gehörte Peinlichkeit nicht sowieso immer mit zum Blumfeld-Kosmos? „Sind zwei zuviel um eins zu sein, oder brauch ich dich um Ich zu sein“, so in der Art. Jochen Distelmeyer begrüßte damals sein Publikum immer mit „Wir sind Blumfeld aus Hamburg“, und als Berliner fanden wir das cool, weil die aus Deutschland stammenden Bands, die wir hörten, fast alle aus Hamburg kamen. So wie die Kollossale Jugend, oder die Bands vom Hamburger L’age D’Or-Label wie Huah!, Happy Hallelujah Ding Dong Happy oder We Smile. Oder sie kamen allenfalls aus Duisburg, wie die Flowerpornos, oder aus Karlsruhe, wie die Kissin Cousins. Aber so gut wie nie aus Berlin.

Gut in Erinnerung ist mir deshalb noch, wie die einzige akzeptable Berliner Band, nämlich die Lassie Singers, diese Faszination (und auch Sehnsucht) für Hamburg in einem wehmütig-schmachtenden Song zum Ausdruck brachte – auch wenn dieser sich vor allem um das stressige Tourleben drehte: „O mein Hamburg, Jesus liebt dich, wo am Hafen, die Schiffe und die Fische schlafen, Skianzüge, am Hans-Albers-Platz, Frühstückstyrannen und auch Sorgenbrecher, du altes Hamburg, unsere Schatzstadt.“

Vom Blumfeld-Auftritt im Jojo ist mir nur noch ein schlaksiger, langhaariger Jüngling im Gedächnis geblieben, der auf einmal schrie: „Mehr Gitarren, weniger Bedeutung“, und von Distelmeyer kopfschüttelnd abgekanzelt wurde: „Was ist denn das für ein Schwachkopf?“. Das hatte natürlich was, aber auch der Einwurf des Jünglings. Denn bei Blumfeld fehlte noch eine Gitarre. Der Sound, den Distelmeyer und die damaligen Blumfeld-Mitglieder Eike Bohlen am Bass und André Rattay am Schlagzeug produzierten, war recht dünn und kaum was für ein, sagen wir, Dinosaur-Jr.-sozialisiertes Publikum wie unsereins. Anderseits waren gerade die Texte von Blumfeld das Faszinierende. Das so ungewohnt Gefühlige, die vielen Ich-Sagereien hier, das vermeintlich Diskursive, halbwegs explizit Politische dort.

Während des Konzerts lernten ich und mein Bruder drei Frauen kennen, die wiederum so eine Art Blumfeld-Groupies waren. Eine von ihnen zumindest war mit Rattay oder Bohlen befreundet, und so geschah es, dass wir mit Blumfeld gewissermaßen die After-Show-Party bestreiten durften. Die führte uns erst vor den Tresor, in den wir aber nicht reinkamen. Da half auch kein Distelmeyer, der vom Türsteher als Erster unserer Gruppe ohne große Worte abgewiesen wurde. Daraufhin landeten wir im Sexton, einer Absturz-Metal-Grunge-Kneipe nahe dem Schöneberger Winterfeldplatz.

Hier erwies sich insbesondere der Blumfeld-Bassist und Philosophie-Student Eike Bohlen als freundlich zugewandter, ja fast übersprudelnder Gesprächspartner. Distelmeyer dagegen gab sich reserviert – kein Wunder in Anbetracht unseres trunkseligen und sich selbst genügenden Groupiedaseins. Vielleicht aber hatte er damals auch schon was Divenhaftes, vielleicht war er nur unsicher. Zehn Jahre später, anlässlich des Erscheinens von „Testament der Angst“, erzählte er mir dann während eines Interviews in einem Hotel in Prenzlauer Berg eine Geschichte, die einen anderen Distelmeyer zeigt: „Nach einem Konzert stehe ich auf’m Klo und werde dort von zwei Typen umrahmt, die sagen: Ey, Distelmeyer, was soll’n der Scheiß, biste schwul oder was? Und dann red’ ich mit denen, nur fünf Minuten, und schon liegen sie mir in den Armen und sagen: Ey, klar, ey, Liebe ist das Geilste“. Gerrit Bartels

Er hatte den ganzen Tag Interviews gegeben in einem Hotel im Prenzlauer Berg. Dann kamen der Hunger und ich. Da waren wir zu viert. Jochen Distelmeyer, Alfred Hilsberg, der als Labelchef die geschäftlichen Belange von Blumfeld regelte, der Hunger und ich eben auch. Für den Hunger mussten wir was tun. Also gingen wir zum Italiener. Weiße Tischdecken, lila Polster. Die Band hatte „Testament der Angst“ eingespielt, für ihren Sänger war das schon ein „Nachlass zu Lebzeiten“. Aber dann zögerten Blumfeld die Veröffentlichung hinaus, wollten erst mal auf Tour gehen. Ein Zeichen von Ungebundenheit. Irgendwie toll, dachte ich, seinem Publikum Songs vorzuspielen, die es nicht behalten kann.

Das Diktiergerät lief, der Hunger ging, aber ich hielt durch. Während uns Spaghettis aus dem Mund rutschten, stellte ich meine Fragen. Weiter, als bis zur ersten kam ich nicht, und es bewahrheitete sich, was jeder erlebt hat, der Jochen Distelmeyer zu einem neuen Album befragen will. Es geht nicht. Mit Musikern über ihre Musik zu reden, ist ohnehin ein heikles Unterfangen. Aber es wird schlimmer, je bewusster sie sich der Musik verschreiben, und Distelmeyer hat den „Diskurspop“, diese Bewusstseinsbombe der Hamburger Schule, praktisch erfunden. So kommt es, dass er entweder gar nichts sagt oder das wenige so lückenhaft, dass man sich alles selbst denken muss. Oder Distelmeyer hebt zu einem Monolog an, der sämtliche Großthemen durcharbeitet, die ihn bewegen. Wobei das, was man von ihm wirklich wissen will, wie eine Obertonreihe nur indirekt anklingt.

Am Tisch wurde es voll. Stanley Kubrick kam herein und brachte Niklas Luhmann sowie Wolfgang Koeppen mit. Distelmeyer hatte sie erwartet. „Was ist eigentlich der Schnitt“, fragte er, „der durch die Freiheit des Menschen in die Welt gelegt wird? Woraus besteht die Fähigkeit, sich spalten zu können und mit disparaten Identitäten leben zu können? Denn wir leben damit. Da kommt das Licht her.“

Der Satz blendete mich. Ich blickte nicht mehr durch. Distelmeyer hatte kein Nachsehen. Erst beim Abhören des Bands begriff ich, dass er, indem er auch noch die Geisterseher David Lynch, Robert Johnson und Bruce Springsteen hinzubat, die ganze Zeit über sich selbst sprach. „Der Ort, an dem sich die Geister treffen, wird durch den Hobo erschlossen“, hatte er gesagt, obwohl er erst Jahre später mit „Strobohobo“ den passenden Song dazu schreiben würde. Schon damals ging es um das Problem, ob jemand, der glücklich ist und eigentlich nichts zu erzählen hat, die Kunst aufgeben sollte. Leonard Cohen war als Letzter erschienen. Er hatte nur einen Satz gesagt: „If you don’t feel holy, lonelyness is a sin.“ Kai Müller

Der Club hieß „Gérard Philipe“, er lag, glaube ich, in Friedrichshain. Mitte der Neunziger verströmte der Berliner Osten mit seinen bröselnden Fassaden noch diesen Charme des Provisorischen, der zu dem Abend passte. Es war kein Konzert im eigentlichen Sinne, eher eine Mischung aus Andacht und Schulung. Gerade war das zweite Blumfeld-Album „L’Etat et Moi“ erschienen, ein kantiges Werk. Es enthielt die Rockdiscoknaller „Verstärker“ und „Jet Set“, vor allem kluge, überlange Texte aus der Wortspielhölle zu lauten Gitarren. Im Titelstück beschrieb Jochen Distelmeyer, stark untertreibend, „mein Vorgehen in vier bis fünf Sätzen“. „In der Tat, too sexy for the Führerbunker/ Ich hab’ da gestern wieder ein Problem gehabt / Sich selbst im Schönen im Unendlichen heilen / Das ist der wahnsinnige Akt meiner Revolte“, so lauteten ein paar der 40 bis 50 Sätze. Die Band rockte, dazwischen diskutierte Distelmeyer mit dem Publikum.

Fünf Jahre später: die Blumfeld-Wiedergeburt aus dem Geist des Pop, mit George Michael und der Münchner Freiheit als seltsamen Schutzheiligen. Die Band präsentiert ihr Comeback-Album „Old Nobody“ im gediegeneren Ambiente der Kalkscheune. Die Melodien klingen süßlich, Distelmeyer presst seine Zeilen nicht mehr eckig heraus, er croont, schmachtet, singt aus dem Bauch heraus. Die Fans tanzen. Blumfeld wollen raus aus der Ghettowelt, dem Durchblicker-Klüngel der Indie-Szene. Alles ist nun erlaubt, auch der Kitsch. „In mir / Tausend Tränen tief / Erklingt ein altes Lied / Es könnte viel bedeuten.“ Distelmeyers Worte können viel bedeuten, müssen es aber nicht mehr. Was bleibt: tolle Musik. Christian Schröder

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