Essay : Man hört nur, was man weiß

Die Musikindustrie versucht, den Wunsch der Menschen nach Glück mit Produkten zu erfüllen. Dabei könnte Musik viel mehr sein: ein Beitrag zu unserer Befreiung, meint der Schriftsteller Jürgen Teipel.

Jürgen Teipel

Wonach jeder Mensch für sich auf der Suche ist, unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem, wonach auch alle anderen auf der Suche sind. Es geht nicht so sehr um den speziellen Bereich, in dem diese Suche stattfindet, oder um die Art und Weise, sondern wirklich nur um das, was dadurch verwirklicht werden soll. Und das ist der Wunsch eines jeden, glücklich zu sein, am Leben zu sein, sich möglicherweise sogar mit etwas in Verbindung zu fühlen, was über dieses Leben hinaus geht. Was dem Ganzen einen Sinn gibt.

Nur die Befriedigung des jeweils anliegenden Bedürfnisses kann es ja wohl nicht sein. Auch wenn es oft so aussieht und auch überall so verkauft wird. Kaufe dies und das – dann bist du glücklich. Oder: Sei so oder so – dann bist du glücklich. Nur sind das leider alles völlig äußere Faktoren, die mit Glück überhaupt nichts zu tun haben. Es herrscht der Glaube, sie irgendwie in sich einbauen zu müssen, sich irgendwie ändern zu müssen, erst dann wäre man komplett und in Ordnung. Oft scheint es dafür auch gar keine Alternative zu geben. Erst recht, wenn man dann Leute sieht, die dieses Ding, oder diese Idee, bereits eingebaut haben und man sich vorstellt, wie glücklich sie jetzt wohl sein mögen. Man hat zwar auch selber schon alles mögliche ausprobiert und ist dadurch auch nicht glücklich geworden, aber man hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es dieses Ding jetzt endlich sein könnte.

Das letzte Ding, die letzte Idee - auch in den Müll gewandert

So viel Optimismus ist eigentlich toll. Nur sollte er besser dort eingesetzt werden, wo auch ein bisschen Aussicht auf Erfolg besteht. Man vergisst leider immer wieder, oder hat es vielleicht von Anfang an nicht so richtig kapiert, warum man das letzte Ding, die letzte Idee, eigentlich so dringend gebraucht hat. Denn bevor man noch darüber reflektieren konnte, war es auch schon in den Müll gewandert. Und schon macht man den Umstand, immer noch nicht glücklich zu sein, wieder vom nächsten Ding abhängig. Grund dafür ist die völlige Fehlpolung so ziemlich aller Menschen, durch Sinneswahrnehmung glücklich werden zu wollen. Sinneswahrnehmungen sind natürlich wichtig und können auch eine große Hilfe sein, um näher mit dem eigenen Potenzial in Berührung zu kommen.

Aber sie können nie letztlich glücklich machen, denn sie sind von außen abhängig. Man läuft zwangsläufig immer schon der nächsten Sinneswahrnehmung hinterher, wenn die letzte auch nur ein bisschen abgeklungen ist. Zwischendurch ist man vielleicht ein bisschen glücklich. Vielleicht ist man eine halbe Stunde völlig weggeschossen, von gutem Sex, irgendwelchen Drogen, vielleicht ist man ganz begeistert von den Möglichkeiten dieses und jenen neuen Geräts. Aber dahinter steckt immer die unterschwellige Hoffnung, dass man dem Glück zumindest ein bisschen näher gekommen ist. Man muss nur noch die nächsten Sachen auch noch alle einsammeln.

Unaufhörlich am Rad drehen

Es ist ein Hamsterleben! William James, der amerikanische Freud, sprach von einem unaufhörlichen Am-Rad-Drehen. Das Ganze kommt einem nur nicht so vor, weil man so daran gewöhnt ist. Weil es alle so machen. Aber eigentlich ist so ein Leben vor allem von Unruhe geprägt. Von diesem Potenzial, dieser Hängepartie, sich immer so ein bisschen unerfüllt und unglücklich vorzukommen, immer auf der Suche, lebt im Grunde genommen die ganze Industrie, die Unterhaltungsindustrie erst recht und die Musikindustrie insbesondere. Nirgends sonst wird so sehr auf vermeintlichen Defiziten des Menschen aufgebaut, auf vermeintlich dringend zu integrierenden Äußerlichkeiten. Und wer sich erst mal auf dieses Spiel eingelassen hat, kommt da ganz schwer wieder raus.

Ich brauche jetzt nicht ins Detail gehen. Das kennt jeder selber. Es geht ja gar nicht um das jeweilige Ding, oder die jeweilige Idee an sich, sondern um den Traum dahinter. Der natürlich total seine Berechtigung hat. Aber letztlich kriegt man dann nur die Verpackung dieses Traums. Nicht das, was glücklich macht, sondern nur Dinge wie Coolness. Oder sonst irgendeine Idee von einem anderen, scheinbar besseren Lebensmodell.

Die riesige Ranch in Texas macht auch nicht glücklich

Es wäre interessant zu sehen, wie ein Künstler ankommen würde, der öffentlich zugeben würde, dass er selber eigentlich auch keinen Plan hat. Dass er selber eigentlich auch nicht weiß, was dieses Leben eigentlich soll, oder wo es hinführt. Das wäre nämlich endlich mal die Wahrheit. Ich habe als Journalist über die Jahre viele Leute in diesem Bereich getroffen. Meistens Musiker. Und sie waren im Durchschnitt sicher nicht glücklicher als die meisten anderen Leute auch. Es macht definitiv nicht glücklich, eine riesige Ranch in Texas zu haben, eine Wohnung über mehrere Ebenen in Berlin-Mitte, oder von tausenden von Journalisten zu einer Art Gott erklärt zu werden. Muss es auch nicht. Aber es wird überall so dargestellt und geglaubt.

Musik wird ständig etwas aufgepfropft, was mit ihr gar nichts zu tun hat. Es wird interpretiert. Kontrolliert. Und dadurch wird ihr wahres Potential übersehen. Musik kann eine prima Erinnerungshilfe sein: „Aha, das ist also möglich. So viel Freude. Schönheit. Aufrichtigkeit.“ Sie kann davon nur so bersten. Sie kann weit über die ihr normalerweise zugeschriebenen Grenzen hinausgehen. Sie kann ein Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit vermitteln. Was sich vielleicht erstmal nicht so toll anhört. Aber das nur, weil die Tatsache der Vergänglichkeit in unserer Kultur so verdrängt wird. Dabei ist sie einfach die Grundbedingung, die alles andere erst ermöglicht.

Lasst Blumen singen

Musik erinnert mich oft an Blumen. Blumen können auch nur als schön wahrgenommen werden, weil ein Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit mitspielt. Auch dem größten Glück ist immer ein Gefühl von Vergänglichkeit beigemischt. Sonst könnte Glück gar nicht entstehen. Denn wenn es keine Vergänglichkeit gäbe, wäre alles egal. Ein Zugang zu Musik, so wie sie wirklich ist, ohne die ständigen eigenen Zuschreibungen, ermöglicht also auch eine der Wirklichkeit entsprechende Sicht auf das eigene Leben und das der anderen. Deshalb ist sie auch so anziehend und war es schon immer. Weil sie an den wahren Zusammenhang der Dinge erinnert.

Daraus kann Engagement erwachsen. Musik kann dazu dienen, sich im Bewusstsein der Vergänglichkeit, der Nicht-Selbstverständlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens für eine Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen. Manche finden das vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Es gibt ja diese alte Diskussion: ist Musik politisch? Ich glaube, sie kann zumindest in dem Sinn politisch sein, dass es in ihr seit eh und je um Zusammengehörigkeit geht. Und auch ihr klassisches Thema überhaupt, Liebe, kann durchaus noch etwas bedeuten. Schließlich ist das Gefühl von Zusammengehörigkeit das, worum es bei Liebe geht. Es geht um Verbundensein. Sich als nicht-getrennt von allem anderen zu erkennen.

Das Fremde und die innere Wahrheit

Man könnte die Sache auch so auf den Punkt bringen, dass Musik, wie jedes andere Objekt unserer Sinneswahrnehmung, als etwas Inneres oder Äußeres wahrgenommen werden kann. Entweder als etwas, was die eigene innere Wahrheit spiegelt, oder als etwas, was man mühselig integrieren muss, um irgendwie besser oder komplett zu sein. Als etwas Fremdes, was mit einem selber aber eigentlich nichts zu tun hat.

Die alten Zen-Meister hätten über einen solchen Mangel an Selbstbewusstsein, über diese Polung, sich selbst als viel zu wenig zu sehen, wahrscheinlich viel zu lachen. Im Zen geht man davon aus, dass jede Entwicklung, die der Mensch nehmen kann, ein wichtiger Schritt zurück zu etwas ist, was in ihm schon lange vorhanden ist. Was er nur, durch besagte Interpretationen, Wunschvorstellungen, Gedankenverwirrungen etc., sehr selten oder gar nicht wahrnimmt.

Mein Freund Ernst Brücher, der ehemalige Chef des Kölner Du Mont-Verlags, hatte ein Verlagsmotto: „Man sieht nur, was man weiß.“ Das ist, glaube ich, ein Satz von Fontane. Dem ist fast nichts hinzu zu fügen. Allenfalls, dass man auch nur hört, was man weiß. Weil es sowieso schon in einem selbst vorhanden ist.

Jürgen Teipel, 47, ist Autor des Punk-Doku-Romans „Verschwende Deine Jugend“. Sein erster belletristischer Roman erscheint 2009 bei Suhrkamp.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben