Fankultur : Fußball und Musik: We Are The Losers

Die Fantasielosigkeit ist deprimierend: Der deutsche Fußball begeht Erfolge grundsätzlich mit ein und demselben Queen-Heuler sowie einem Potpourri aus Ballermann-Sounds.

Markus Hesselmann
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Nichts gegen Freddie. Aber muss es jedes Mal "We Are The Champions" sein?Foto: dpa

Man muss sich das dann wohl so vorstellen: Da sitzt das Pokalfinalmusikkomitee des Deutschen Fußball-Bundes e.V. zusammen und denkt scharf über die Zeremonie nach dem Abpfiff des großen, schönen Spiels im Olympiastadion nach. Dann sagt einer: "Ich hab's! Wir spielen 'We Are The Champions'!"  - "Boah", sagen die anderen, "Super-Idee!" Und so wird es dann gemacht. Zum gefühlt trillionsten Mal begehen die Zeremonienmeister des Sports einen Sieg mit dem ewigen Queen-Heuler - vom Aufstieg der E-Jugend von Blau-Weiß Fuhlenbrock bis zum Pokalfinale zwischen Bremen und Leverkusen. Diese Fantasielosigkeit ist für sich schon deprimierend. Aber noch lange nicht das Schlimmste, was in diesen Tagen so an Musik mit Fußball zusammengeht - oder eben nicht geht.

Beim Pokalfinale schraubte sich deutsche Ballermann- und Besoffenenmusik der Marke "Hände zum Himmel" oder "Hölle, Hölle, Hölle" erbarmungslos in Ohren, die sich eigentlich auf den Jubel der Fans sowie ihre oft durchaus geistreichen Sprechchöre und Gesänge eingestellt hatten. Doch zwischen den feiernden Stars und ihren Anhängern errichtete die Stadionregie eine Wall of Sound aus den hörbar leistungsstarken Boxen des Berliner Olympiastadions. Der Kollege Helmut Schümann hatte das Thema in seiner Fernsehkritik zum Pokalfinale schon aufgegriffen. Jetzt fordern wir: Diese Mauer muss weg! Zur neuen Saison sollten die Musikkomitees des deutschen Fußballs ihr Repertoire streng überdenken.

Man muss ja nicht gleich wieder mit England kommen, wo in den Stadien The Clash und Blur gespielt werden. Es gibt auch bei uns durchaus positive Ansätze: "Seven Nation Army" von den White Stripes hat sich eingebürgert. Oder "Go West" von den Village People/Pet Shop Boys. Eine Schwulen-Hymne beim Fußball, das kann per se nichts Schlechtes sein. Auf solche Stücke machen sich die Fans dann auch bald ihren eigenen Reim und ihre eigene Choreographie. "Three Lions" von den Lightning Seeds, besser bekannt als "Football's Coming Home", unterliegt auch mehr und mehr dem Abnudel-Vorbehalt, ist aber trotz allem noch ein episches Stück mit echter Fußball-Credibility. Zu empfehlen wäre darüber hinaus zum Beispiel noch "Goal, Goal, Goal" von der britischen Band James. In jedem Fall müssen wir dem Ball baldigst den Ballermann wieder austreiben. Und sollten ein sofortiges Moratorium über "We Are The Champions" verhängen.

Die sechs besten, aber nicht durchgängig stadiongeeigneten Fußball-Songs aus Sicht des Autors finden Sie hier.

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