Festivals : Sex & Matsch & Rock’ n’ Roll

Trampen, träumen, T-Shirts verkaufen: Warum Rock- und andere Musikfestivals so unverwüstlich sind.

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Roskilde forever. Jedes Jahr lockt das dänische Rock-Spektakel Zehntausende von Besuchern, danunter viele Deutsche. Goldene...

Woodstock – vom 15. bis 17. August 1969 – war der Anfang. Mit dem Festival, das Amerikas urbanisierte Jugend auf eine Wiese in Upstate New York lockte, wurde ein Prinzip geboren: das Rock-Spektakel als kollektive Landpartie. Eine Mode mit Unvergänglichkeitswert. So wie Erinnerungen,  fürs Leben. Ein paar davon haben wir hier aufgeschrieben.

AACHEN

In einem Jugenderinnerungs-Schatzkistchen finde ich zwei Zettel: Verwarnung 2 DM. Datum: 10. Juli 1970. Tatbestand: „Fußgänger auf BAB-Gelände“. Stempel: Polizei-Verkehrsbereitschaft, Wiesbaden-Erbenheim.

Wir wollten zum Pop- und Blues-Festival nach Aachen. Brilli und ich. Brilli sah aus wie einer von Flo und Eddie: Der dickliche, mit langen Wuschelhaaren und Brille. Er kannte einen Typen aus Bad Soden: Mike Meier. Der hatte einen Leichenwagen, einen langen schwarzen Mercedes. Umgebaut zum Hippie-Mobil. Mike Meier wollte auch nach Aachen, er könnte uns mitnehmen. Wir sollten am Wiesbadener Kreuz auf ihn warten.

Wir stellten uns an eine Böschung vor einer Unterführung. A3 Richtung Köln. Mit einem riesigen Pappschild: „Wir warten auf Mike Meier!“ Doch der Leichenwagen kam nicht. Stattdessen hielt ein Polizeiauto. 2 Mark Verwarnungsgeld als „Fußgänger auf BAB-Gelände“. Dabei sind wir gar nicht gegangen, haben nur gestanden, gesessen, gewartet. Und weitergewartet. Ich hab „Mike Meier“ gestrichen, „Godot“ drüber geschrieben. Ein grauer Ford Transit hielt. Saßen Freaks im Laderaum. Auf Schlafsackrollen.

In Aachen strömten Karawanen Langhaariger zum Reiterstadion Soers. Auf dem Parkplatz entdeckten wir den Leichenwagen. Mike Meier. Umschwirrt von ein paar luftigen Hippie-Girls. „Ich war da! Wiesbadener Kreuz. Hab euch nicht gesehen! Aber jetzt seid ihr ja auch so da. Alles klar?“ Und dann, unter der heißen Julisonne, die Bands mit den kurzen Namen: Taste und If und Traffic.

Der nächste Polizeizettel trägt das Datum vom 12. Juli. Vom Rückweg. Autobahnauffahrt. Diesmal kostete es fünf Mark. Unser letztes Geld. Ein dicker Mercedes hielt, als die Polizisten weg waren. Der Fahrer ein Jim-Morrison-Typ: Haarschnitt wie Alexander der Große. Schwarze Lederhose. Weites Hemd mit Flatterärmeln, silberne Armreife mit Türkisen, Ringe an den Fingern. Der andere sah aus wie Dennis Hopper in „Easy Rider“: zottelige Haare, Fransenjacke, Cowboystiefel. Dazu Jimi Hendrix. Ten Years After. Zeppelin. Coole Typen, haben wir gedacht, und uns gefragt, wie die wohl zu so einem dicken Auto kommen? Auf der Frontscheibe klebte die Einfahrtserlaubnis zum Festival. Rock-Manager, Konzertveranstalter? Oder Gangster? Dealer? Auf jeden Fall besser als im Leichenwagen. H.P. Daniels

HALDERN

Sven Regener hat in der „Spex“ über Haldern geschrieben: „ Professioneller Anarcho-Syndikalismus gepaart mit tiefer Liebe zur Musik: Das ist das Wunder von Haldern. Und noch muss man keine Votivtäfelchen malen. Hingehen reicht.“

Stimmt, genau. Ich war elfmal beim Halderner Open Air. Jedes Jahr war ganz besonders, und für mich bleibt Haldern immer der Ort, an dem ich zum ersten Mal Livemusik gehört und gesehen habe – nur 20 Minuten „mitte Fitz“ wie man am Niederrhein sagt. 20 Fahrradminuten von zu Hause durch Mischwald bis zur legendären Pferdekoppel, auf der zwölf Messdiener mit dem Segen zweier Obermessdiener dabei waren, ihren großen Traum zu verwirklichen. Und der hatte weniger mit Monstranzpolitur und Glockengeläut zu tun als mit Bühnenbau, Bierausschank und Rockmusik.

Warum so ein Luschi-Konzept – 50 Teilhaber gaben anfangs 500 Mark – seit 1984 so ausgezeichnet funktioniert? Wohl wegen des viel beschworenen Spirit of Freedom and Landluft, die auch Bob Geldof und Patti Smith schon inhalierten. In Haldern am Niederrhein packen alle an. Inzwischen auch Kinder und wahrscheinlich bald Kindeskinder. Dabei war Haldern immer Avantgarde – auch als vor ein paar Jahren auf einmal unsigned das neue signed war. Die Halderner machten schon immer, was ihnen gefällt. Ich war nie auf einem anderen Festival. Gibt ja keinen Grund.Esther Kogelboom

WEISSENSEE

Kann sein, dass damals etwas klar geworden ist, unwiderruflich, dass eine Art Abstimmung stattfand darüber, was wir jetzt endlich haben wollten. An einem einzigen Abend, in einem einzigen Moment im Juni 1988 in Berlin, Hauptstadt der DDR, Ortsteil Weißensee, auf einer riesigen Wiese neben einer Radrennbahn.

Es war der letzte von drei Festivaltagen mit einer ungekannten Westmusikerhäufung, organisiert von der FDJ. James Brown und Marillion waren am ersten und zweiten Tag da gewesen, die Wailers, Fischer-Z, die Rainbirds, wir nicht. Wir waren Chemiearbeiter in einem Chemiekombinat im Chemiedreieck, weit weg, wichtige Industrie, schwer, Urlaub zu bekommen. Nun aber war Wochenende. Auf der Bühne: Hannes Wader, die Bots, City, Heinz Rudolf Kunze, Big Country und Bryan Adams. Angesagt von Katarina Witt und komischerweise auch von Diether Dehm.

Ich weiß noch, dass ich ein bisschen Angst um City hatte, ich hatte gehört, DDR-Bands seien hier an den Tagen zuvor übel behandelt worden vom Publikum. Doch City hatten Glück. Dann Kunze. Immer, wenn er etwas sagte, las er von einem Blatt Papier ab. Wir hielten das für politbüromäßig. Dass es sich dabei um Persiflage gehandelt haben könnte – auf jenes Politbüro zum Beispiel –, um Ironie, kam uns nicht in den Sinn. Ironie war uns fremd, erst recht von Leuten, die oben stehen, auf Bühnen.

Wir kannten auch Big Country nicht, wir hatten nur gehört, dass die zwei Jahre zuvor im „Rockpalast“ aufgetreten waren, und dass es großartig war. Aber was jetzt hier in Weißensee passierte, war garantiert großartiger. Pathos, Überdruck, Rechtschaffenheit. Nie zuvor und nie wieder so froh bei einem Rockkonzert gewesen. Nie wieder so laut diese Pfiffe in den Ohren gehabt, die die Band nach Konzertende auf die Bühne zurückholen sollen.

Dann stand da plötzlich wieder Katarina Witt. Big Country waren weg, aber die Pfiffe waren noch da, genauso laut, nur anders, wütend, 70 000-fache, vielleicht 120 000-fache Verachtung, hau ab, geh von dieser Bühne runter. Die Abstimmung. Es war so einfach. Torsten Hampel

BAYREUTH

Ich war noch jung im Beruf, und ein älterer, berühmter Kollege hatte in diesem sagenhaften Sommer Mitte der Neunziger keine Lust auf Bayreuth und Wagner. Es gab nichts Neues auf dem Grünen Hügel, den Kirchner-Levine- „Ring“, och ja, im x-ten Jahr, Heiner Müllers „Tristan“, den er sowieso nicht leiden konnte, und Wolfgang Wagners „Parsifal“-Inszenierung, von der die „FAZ“ behauptete, sie habe den Charme eines „Autoreifens der Fünfziger Jahre“. Prompt hatte ich auch keine rechte Lust. Wagner war nicht mein Fall, Bratwürste ebenso wenig, außerdem war’s ein Juli, bei dem sich die Temperaturen im Festspielhaus auf satte 40 Grad plus x eingependelt hatten.

Das Zimmer im besten Haus am Platz war auf mich umgebucht worden. Allerdings eben nicht das Zimmer (schattig nach hintenraus gelegen und dicht am Swimmingpool, wie mir der Kollege später versicherte), sondern ein Zimmer. Gefühlte acht Quadratmeter, erster Stock, über der Straße hängend und, was mein jugendliches Kritikerinnengemüt vollends aus der Fassung brachte: mit direktem Blick auf die Standuhr vor dem Bayreuther Bahnhofsgebäude. Da saß ich nun Morgen für Morgen zwischen Bettkante und Kosmetikspiegel und schrieb und dachte an den netten Herrn Maier in der Telefonaufnahme der Redaktion, der alle Sängernamen kannte und schneller stenografierte, als ich diktieren konnte, und mir höflich, aber bestimmt zu verstehen gab, dass die Toleranzgrenze maximal bei 13.30 Uhr läge. Tick tack, machte es seitlich in meinem Nacken, und nachts träumte ich von Big Ben.

Hatte ich mich mit Herrn Maier geeinigt, stieg ich über die sich vor meiner Zimmertür türmenden Staubsauger und Putzteufel und rannte den Hügel hoch. An die Aufführungen kann ich mich nicht erinnern, außer dass im „Parsifal“ ein ausgestopfter Schwan, plopp, aus dem Schnürboden fiel, was einigen Staub aufwirbelte, und dass im „Siegfried“ einmal die ganze Bühne mit aufgespannten grünen (!) Regenschirmen bedeckt war. Auch im Zuschauerraum machte es diverse Male plopp, dann hatten die Rettungssanitäter ihren Auftritt und schleppten die Hitzeopfer lautlos ins Freie.

Was soll ich sagen: Es war die großartigste Woche meines Lebens. Den Kopf freizukriegen von der Mühsal des (Festspiel-)Alltags, alle Eingeweide zu öffnen fürs Wichtige, das hat Richard Wagner mich gelehrt. Nicht gleich am ersten Tag, aber spätestens ab dem zweieinhalbten. Und als Waltraud Meier dann Isoldes Liebestod gestorben war vor Erich Wonders unvergesslich-magisch-güldenem Quadrat, flog ich mit heißem Herzen den Hügel hinunter und umarmte die Bahnhofsuhr. Bayreuth und ich, wir lieben uns. Bis heute. Christine Lemke-Matwey

NÜRNBERG

Am Verkaufsstand bei Rock im Park brachten wir die MerchandiseT-Shirts unter die Leute. Wir, das waren meine Band und ich. Ein guter Deal: Man bekam 200 Euro fürs Wochenende, sparte sich das Festivalticket und hatte ein Mitarbeiter-Bändchen, mit dem man sich in die Konzerte schmuggeln konnte. Unser Stand lag zentral zwischen Haupt- und Nebenbühne. Tagsüber wechselten wir uns ab, sodass jeder mal bei seiner Lieblingsband reingucken konnte, nachts schliefen wir auf der Ware. Unser Schwur: Niemals für ein Festival zahlen! Noch verkauften wir T-Shirts, aber bald würden andere hier T-Shirts hochhalten, auf denen unser Bandname stünde. Für alle Fälle hatten wir selbstgebrannte Demo-CDs dabei.

Das T-Shirt war hässlich, die Nachfrage bemerkenswert. Schon am zweiten Tag waren nur noch XXL-Größen da und wir hauptsächlich damit beschäftigt, betrunkene Bayern abzuwimmeln, die lallten: „Hobt’s ihr dös Laiberl au in Öl?“ (Haben Sie dieses T-Shirt auch Größe L?). Wir konterten mit einem Kartonschild: „Noa, mir hoams net kloaner.“

Sweatshops in der Musikindustrie: Drei Tage knallte die Sonne auf uns nieder, fünf Stunden vor Schluss begann es zu regnen. Triefnass brachten wir die Shirts ins Lager – und mussten den Stand wieder aufbauen. Bis Mitternacht hielten wir durch. Bis drei zerkleinerten wir Kartons. Bis fünf halfen wir bei der Inventur. „Bitte bleibt wach und passt auf“, stöhnte Roman, als wir in den Nissan seiner Eltern stiegen. „Klar“, sagten wir und schliefen sofort ein.Kolja Reichert

ROSKILDE

Das Festival von Roskilde, ein Jahr nach Woodstock gegründet, war immer so etwas wie ein erfüllter Sozialarbeitertraum. 90 000 Menschen feiern friedlich und ökologisch korrekt, der Gewinn wird an Amnesty oder Greenpeace gespendet. Rund 10 000 Einwohner von Roskilde arbeiten ehrenamtlich, so gutgelaunt und gastfreundlich. Unter den rund 150 Bands, die jedes Jahr in das Städtchen bei Kopenhagen kamen, waren neben großen Namen viele, die später entdeckt wurden. Das Wetter war meist lausig, die Zeitungen druckten Fotos von Rockern, die sich im Schlamm wälzten. Meinem Freund Bernd und mir war das egal. Wir wollten im Dreck sitzen und laute Musik hören. Für das bisschen Schlaf würde sein OpelAstra-Kombi genügen. Duschen? Wozu?

Im Juli 2000 wurde das sorglose Sommerbierzeltlager zum Albtraum. Beim Konzert von Pearl Jam, elf Grad, Dauerregen, brach Panik aus. Eddie Vedder, der Sänger, versuchte verzweifelt, die Massen auseinanderzubringen. Leute grölten, die Band solle weiterspielen. „Fuck you“, rief er ins Mikro, und hockte weinend auf der Bühne. Irgendwann zeigten die Video-Leinwände, wie Sanitäter die ersten Toten aus der Menge zogen. Neun Menschen starben, 30 wurden schwer verletzt, weil sie die Musik von Pearl Jam hören wollten. In der Nacht betranken Bernd und ich uns mit dem Pressesprecher der dänischen Sozialdemokraten.

Der Kater am nächsten Tag war nicht allein dem Bier geschuldet. Auf hektischen Pressekonferenzen wurde nach Schuldigen gesucht. Bands wie Oasis und die Pet Shop Boys, die ihre Auftritte aus Pietät absagten, wurden beschimpft. Ein Bild hat sich mir eingebrannt: Neben einem der Lautsprechertürme hingen Blumen in den Absperrgittern, davor saßen weinende Menschen im Schein der Kerzen. Keine zehn Meter entfernt entleerten die ersten Betrunkenen schon wieder ihre Blasen.

Am Abend spielte Femi Kuti. Der Sohn des Freiheitskämpfers und Afro-BeatGodfathers Fela Kuti gab ein großartiges Konzert. Sein muskulöser Oberkörper dampfte in der feuchten Luft. Er sprach davon, wie er in nur zwei Wochen seinen Vater, eine Schwester und einen Cousin verloren hatte. „Ich konnte nichts tun, nicht einmal mehr böse werden. Musik hat mir geholfen, mich aufrecht zu halten.“

Musik als heilende Kraft. Stimmt schon. In Roskilde bin ich seither nicht mehr gewesen. Ralph Geisenhanslüke

Sommerfestivals 2009: Melt!, Gräfenheinichen/Ferropolis, bis heute; Wacken Open Air, 30. Juli bis 1. August; Berlin Festival, Flughafen Tempelhof, 7./8.August; Haldern, 13. bis 15. August. – Zum Melt-Festival siehe auch www.tagesspiegel.de/pop

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