Filmkritik : Einstürzende Neubauten: Wie einst im VEB

Der Regisseur Uli M. Schueppel folgt in seinem Film „Elektrokohle (von Wegen)“ den Einstürzenden Neubauten in den Berliner Osten - 1989 und noch einmal fast 20 Jahre später.

Holger Günther
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Bargeld bei Müller. Neubauten treffen Dramatiker.Foto: Neue Visionen

Es ist der 21. Dezember 1989: Berlin befindet sich im Umbruch. Noch steht die Mauer, doch sie hat bereits genügend Risse. Eine bessere Zukunft scheint greifbar und vieles ist plötzlich möglich, auch ein Konzert der Einstürzenden Neubauten in Ost-Berlin. Als ihr Freund Heiner Müller der Band anbot, nach Lichtenberg zu kommen und im Saal des VEB Elektrokohle zu spielen, sagten die Experimentalrocker sofort zu. Später sollte sogar François Mitterrand samt französischer Delegation in drei Staatskarossen vorfahren.

„Gib Stoff und bretter durch“, ruft einer der Musiker, als sich der klapprige Bandbus der Mauer nähert. Regisseur Uli M. Schueppel, der mit der Band befreundet ist, hält solche Momente mit seiner Videokamera fest, begleitet den Weg von Kreuzberg bis an die Grenze, filmt die Band beim umständlichen Ausfüllen der Zollpapiere, bis hin zum Konzert im ehemaligen VEB. „West-Berlin war damals eine Blase. Man hat zusammengearbeitet und rumgehangen“, erinnert sich der Regisseur.

Schon vorher hat er Aufnahmen mit den Musikern der Neubauten gemacht. Als Konsequenz dieser Künstlerfreundschaft fuhr er auch mit zu ihrem ersten Ostauftritt. Kurz nach dem Konzert erschien allerdings „The Road to God knows where“, Schueppels Tour-Dokumentation über Nick Cave And The Bad Seeds. Daher ließ er die NeubautenAufnahmen erst einmal liegen, „um nicht in eine Schublade als Musikfilmer gesteckt zu werden“. Diese „Schatztruhe“ vergaß der Regisseur selbst beinahe.

Fast zwanzig Jahre später schickt Schueppel für seinen Film „Elektrokohle (von Wegen)“ 14 Besucher des Konzertes noch einmal auf den Weg nach Lichtenberg. Sie erzählen von ihren Erinnerungen an den ereignisreichen Tag. Ein Offiziersschüler desertierte sogar, um in Berlin dabei sein zu können. Heute bereut er keinen einzelnen Schritt: „Von hier bin ich losgefahren am 21. Dezember 1989, gegen Mittag, bin eigentlich zum Ausgang rausgegangen und hab mich dann illegal entfernt zum Konzert, aus dem äußersten südöstlichen Zipfel der DDR.“

Schueppel montiert seine neuen Aufnahmen geschickt in die grobkörnigen VHS-Schätze vom Winter ’89. Noch immer ist ein Funkeln in den Augen der gealterten Konzertbesucher, wenn sie von der Einmaligkeit des Abends berichten, an dem sich Menschen wiedertrafen, die einst durch die Mauer geteilt wurden. Die Fans reisten aus vielen Richtungen an, alle begleitet von einem mulmigen Gefühl, ob das ersehnte Konzert wirklich stattfinden werde und ob man danach wieder heil nach Hause kommen würde.

Die West-Berliner Untergrundband Einstürzende Neubauten stand für das Andere, das Experimentelle, für Freiheit, Systemkritik, für vieles, was in der DDR nicht möglich war. Ein Fan bezeichnet sie als den „Urschrei der Moderne“. Schueppel liefert mit seinem Film einen ungewöhnlichen Blick auf das, was ein Fan den „besten Nebeneffekt der Maueröffnung“ nennt: dass man Kultur live erleben konnte, die man früher nur von Kassetten kannte. Doch statt den Auftritt ins Zentrum zu stellen, konzentriert sich der Regisseur auf die Geschichten der Fans, für die das Konzert einmalig war. Das Fazit überlässt er einem Besucher: „Die Musik, die wir an diesem Abend gehört haben, war ja alles andere als melancholisch, aber jetzt könnte man wirklich sehr melancholisch werden.“

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