Fünfzig Jahre Beatles : Du sagst, du willst ’ne Revolution

Musikalischer Aufruhr: Wie die Beatles mit ihrem unvergleichlichen Pop die Welt verbesserten. Eine kurze Geschichte ihres Aufstiegs - und 13 Songs, die unser Leben veränderten.

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Und so starteten ihre berühmten Väter durch: Im August 1960 spielte eine Band unter dem Namen The Beatles im Indra Club.Alle Bilder anzeigen
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01.08.2010 09:35Und so starteten ihre berühmten Väter durch: Im August 1960 spielte eine Band unter dem Namen The Beatles im Indra Club.

Vor fünfzig Jahren ereignete sich eine Kulturrevolution. Nach diesem August 1960, so viel lässt sich von heute aus sagen, sollte die Welt eine andere sein als zuvor: jugendlicher, aufregender frisiert, erfüllt von der besseren Musik. Nur hat es die Welt damals erst einmal nicht mitbekommen. Als die ehemaligen Quarry Men und Silver Beetles am 17. August 1960 – andere Quellen nennen den 18. August – erstmals unter dem Namen The Beatles im Indra Club an der berüchtigten Großen Freiheit in Hamburg auftraten, waren sie bloß fünf Jungs aus Liverpool, die Lederjacken trugen und Rhythm&Blues-Songs für ein größtenteils alkoholisiertes Publikum spielten. Bassist Stuart Sutcliffe starb noch in Hamburg an einer Gehirnblutung, der Schlagzeuger Pete Best wurde ausgetauscht. Etwa fünfhundert Club-Konzerte später stiegen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr zu den Fab Four auf, nachdem ihr Manager Brian Epstein sie in Band-Uniformen gesteckt und ihnen einen Plattenvertrag mit der EMI verschafft hatte.

Ihr erster Nummer-1-Hit war im April 1963 die Single „From Me To You“. Was folgte, waren die Beatlemania mit kreischenden Fans auf der halben Welt, Drogenwahnsinn und Indien-Trips zum Guru, Plattenverbrennungen durch religiöse Fanatiker, Yoko Ono und zunehmende Streitigkeiten in der Band. Ach ja, und mit „Rubber Soul“, „Revolver“, „Sgt. Pepper’s“ und „Abbey Road“ einige der besten Pop-Platten aller Zeiten. Das Ende war besiegelt, als Paul McCartney vor vierzig Jahren, am 10. April 1970, mitteilte, er habe wegen „persönlicher, geschäftlicher und musikalischer Differenzen“ die Gruppe verlassen. Mehr als 1,3 Milliarden Tonträger haben die Beatles bislang verkauft. Letztes Jahr beherrschten sie erneut die Hitparaden, als eine digital veredelte Version ihres Gesamtwerks erschienen war.

Die Beatles, keine Frage, haben die Popmusik revolutioniert. Aber waren sie auch Revolutionäre? Im Prinzip schon, findet der amerikanische Musikwissenschaftler Steven Baur, der im neu erschienenen Sammelband „Die Beatles und die Philosophie“ das Verhältnis der Band zu Marx untersucht. Die Beatles haben nicht nur den Kopf von Marx auf das „Sgt. Pepper’s“-Album gesetzt, ihre Karriere scheint auch von erwachendem politischen Bewusstsein ganz im Sinne des deutschen Denkers zu zeugen. Alle vier Musiker entstammten der Unterschicht der englischen working class, anfangs mussten sie sich als billige Arbeitskräfte den Ausbeutungsmechanismen der durchkapitalisierten Musikindustrie unterwerfen. Doch ihr Hit „A Hard Day’s Night“ thematisierte 1964 als erster Song die Arbeitswelt, während Manfred Mann noch „Doo Wah Diddy Diddy“ sang. Und mit der Gründung ihrer Plattenfirma Apple Records übernahmen sie dann sogar 1968 die Kontrolle über die Produktionsmittel.

Allerdings behauptet die ernüchternde Gegenthese, dass es den Stars bei ihrem Sprung ins Unternehmertum gar nicht so sehr um Freiheit, sondern mehr um Steuerflucht ging. Überhaupt bleibt das Klassenbewusstsein der Beatles stets undeutlich und ihre Einstellung zu dem von Marx angestrebten Umsturz der Verhältnisse ambivalent. Zwar beschimpfte Harrison auf dem „White Album“ die Bourgeoisie mit eingeblendeten Tiergeräuschen als „Piggies“, Schweinchen. Doch Lennon erteilte mit der berühmten Zeile you can count me out in „Revolution“, der Single-B-Seite von „Hey Jude“, seiner Beteiligung an gewaltsamen Veränderungen eine Absage. Die Beatles verstanden sich als Teil einer Gegenkultur, stabilisierten jedoch mit dem Erfolg ihrer Musik den Kapitalismus. Die überragende Qualität dieser Musik, so Baurs Resümee, beweise aber, „dass der Kapitalismus nicht durch und durch schlecht“ sein könne. In einem korrupten System sei die Entstehung von Liedern wie „A Day In The Life“, „Rain“ oder „In My Life“ schließlich undenkbar.

„Es hatte schon mit Revolution zu tun“, erzählt Tony Sheridan in dem Erinnerungsbuch „Beatlemania“. Der Sänger war 1961 mit den Beatles in Hamburg aufgetreten. „Es ging um Freiheit – sich befreien, ausbrechen, tanzen.“ Dieser Tanz hat seit fünfzig Jahren nicht mehr aufgehört. Christian Schröder

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