Gallenkur : Ja, Panik im Festsaal Kreuzberg

Partystimmung kommt da nicht auf. Das Wechselbad aus halluzinogenen Texten, Lärmströmen und abrupten Tempowechseln macht den Auftritt von Ja, Panik mehr zu einem geistigen denn physischen Erlebnis.

Kai Müller

„Schisser-Label“ hat der Musiker und Journalist Maurice Summen kürzlich die von ihm betriebene kleine Firma Staatsakt genannt. Dabei bezog er sich neben seiner eigenen Band Die Türen vor allem auf eine burgenländische Band namens Ja, Panik, die nach einem Umweg über Wien nun in Berlin lebt und ihre famose dritte Platte bei Summens Label herausgebracht hat. „The Angst and The Money“ steht für einen Klimawechsel im Furor einer immer dünnhäutigeren Indiekultur. Schisshaben ist danach selbst für Rockmusiker nicht mehr verboten. „Ich war laut, war schnell, war schrecklich bitter“, japst Sänger Andreas Spechtl zum Auftakt des Konzerts von Ja, Panik im Festsaal Kreuzberg. Doch aus seiner hageren, innerlich fiebernden Gestalt ist der Ton der Revolte, der hier kurz noch mal beschworen wird, längst gewichen. Es herrscht die große Flatter: „Ach verdammt, alles hin, ohne Geld keine Angst, alles hin hin hin, ohne Angst kein Geld.“

Damit ist das Generalmotiv für den Abend eingeführt. Wenn Spechtl eine knappe Stunde später sich zu den sterbenden Feedback-Klängen seiner vier Mitstreiter ans Mikrofon klammert wie an einen abknickenden Ast und raunt, „dass ein gesunder Mensch wie ich ganz einfach schrecklich Angst haben muss“, schließt sich der Kreis. Zumal dem blassen Kerl das Mikrofon entgleitet, zu Boden fällt und so krachend einen Schlusspunkt setzt, dass Spechtl tatsächlich erschrocken zusammenfährt. Hochneurotisch, gegenwartsklar. Ja, Panik schließen mit ihrer Erregbarkeit an frühe Bands der Hamburger Schule wie Kolossale Jugend an. Das macht sie so frisch und unverdorben, weil ihr akzentsicheres Indiegeschrammel der eigenen Kopflastigkeit den Kampf gleich mitansagt. „Es ist das Chaos in den Köpfen“, singt Spechtl, „das uns heut Nacht zusammenführt“, was Tocotronic nicht schöner hätten raunen können. Die eigenen Dämonen sind alles, was dem Allesverwerter Kapitalismus entgegengesetzt werden kann.

Partystimmung kommt da nicht auf. Das Wechselbad aus halluzinogenen Texten, Lärmströmen und abrupten Tempowechseln macht den Auftritt von Ja, Panik mehr zu einem geistigen denn physischen Erlebnis. Zumal die Österreicher bis auf Frontmann Spechtl etwas zutiefst Verhaltenes ausstrahlen, dabei bringen sie live ihre vertrackten Songs viel kompakter rüber als im Studio. Einen Höhepunkt bildet das stürmisch-zackige „Marathon“, ein Stück, das auch die Fehlfarben geschrieben haben könnten. Schließlich entert ein Frauenchor um Christiane Rösinger die Bühne und ruft „Spuck das Gift aus, Junge!“. 

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